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Phantásien in Zaatari?

Foto: Goethe-Institut Jordanien/Sophia SchallFoto: Goethe-Institut Jordanien/Sophia Schall

„Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantasien und kehren wieder zurück, so wie du, und sie machen beide Welten gesund“, schreibt Michael Ende in der Unendlichen Geschichte.

Doch wie lässt sich eine Verbindung zwischen Phantásien und der Realität herstellen und wie können wir vor Allem Kindern den Zugang zur Phantasie ermöglichen?

Diese Frage scheint besonders in einem Kontext wie dem größten Flüchtlingslager Jordaniens, Zaatari, von Bedeutung. Als Reaktion auf den Syrienkonflikt im Jahre 2012 errichtet, sind dort derzeit rund 80.000 Menschen registriert, circa 29 Prozent von ihnen unter 18 Jahren 1.

Anfangs, so erzählt uns eine Lehrassistentin, welche für den Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC) arbeitet, dachten die Menschen, sie könnten nach ein paar Monaten wieder nach Syrien zurückkehren. Darum haben sie ihre Kinder in Jordanien nicht in die Schule geschickt weshalb viele nicht richtig lesen und schreiben gelernt haben. Auch haben sie ihre Bücher im Krieg verloren und nur wenig Zugang zu Literatur.

Hier setzt das Projekt 1001 Seite des Goethe-Instituts an, im Zuge dessen sechs deutsche Kinder und Jugendbücher, bereits ins Arabische übersetzt, neu aufgelegt wurden. Eines der Bücher ist Die Unendliche Geschichte. Auf ihm basierend, realisiert nun eine Gruppe lokaler junger Künstler sowie eine deutsche Tänzerin in Partnerschaft mit NRC kreative Workshops für Kinder in Zaatari. Gemeinsam lesen sie Die Unendliche Geschichte, deren Themen anschließend mittels Schauspiel, Tanz und Fotographie/Videographie von den Kindern weiterbearbeitet werden.

Wir haben mit zwei Lehrern und drei Schülern von NRC, welche an dem Projekt teilgenommen haben und alle selber in Zaatari als Flüchtlinge leben, gesprochen.

„Das Buch, welches wir in dem Projekt lesen, handelt von Phantásien. Sind solche Geschichten wichtig für die Kinder hier?“

Sahar (Lehrassistentin NRC): „Dieses Buch war ein großer Sprung. Ich arbeite hier (bei NRC in Zaatari) seit vier Jahren und habe den Kindern das Lesen und Schreiben beigebracht. Aber dieses Buch, weil es von Phantásien handelt, ist komplett anders. Es war eine totale Verwandlung für die Kinder, da es unbekannte Namen verwendet, über eine andere Welt spricht und von anderen Traditionen und einer anderen Kultur erzählt. Die Kinder haben sich gefragt, wie kann es sein, dass dieses Buch in Arabisch geschrieben ist, aber von Namen handelt, die hier nicht existieren?“

„Ist das eine positive Erfahrung?“

Sahar: „Ja klar, das ist eine sehr positive Erfahrung. Es hat ihnen die Möglichkeit gegeben, zu lernen, dass es andere Kulturen und andere Welten gibt. Die Kinder integrieren, was sie am Samstag lernen, in den Unterricht. Und sie stellen viele Fragen zu der Geschichte. Einmal sah ich ein Mädchen in meinem Unterricht, welches dasaß und in eine andere Welt versunken war. Ich habe sie gefragt, was sie mache und sie sagte, Lehrerin, Ich frage mich, ob sie das Heilmittel für die Kindliche Kaiserin finden werden.“

Suhaib (Bibliothekar NRC): „Die Kinder glauben, dass sie Bastian sind. Sie glauben, dass sie diese Geschichte führen.“

„Ist es richtig, dass diese Art von Büchern hier kaum existiert?“

Sahar: „Es ist das erste Mal, dass wir hier so eine Geschichte lesen. Im Gegensatz zu den Hakawati (die Kunst des traditionellen Arabischen Geschichtenerzählens), ist diese Geschichte von Phantásien etwas, das von der Gegenwart und der Zukunft handelt.

Zum Beispiel die Kindliche Kaiserin. Sie ist im Sterben, weil sie kein Heilmittel für sie gefunden werden kann. Das ist das Gleiche was in Syrien geschieht. Kinder sterben, weil wir kein Heilmittel finden können. Die Kinder beziehen die Geschichte auf sich. Sie gibt ihnen Hoffnung, weil die Kindliche Kaiserin geheilt werden kann.“

Als wir mit den Kindern selber über Bücher, das Lesen und das Projekt sprechen, erwähnen zwei von ihnen, dass Die Unendliche Geschichte ihre Lieblingsgeschichte geworden sei. Auf die Frage, was sie an der Geschichte so gerne mögen, antwortet Nour:

„Ich mag den Anfang der Geschichte, sie beginnt in der Realität und auf einmal befindet man sich in einer fiktiven Welt. Also glaube ich, dass ich es bin, welche von der realen Welt nach Phantásien gelangt. Ich werde Teil der Geschichte.“

Und Enas sagt: „Ich mag das Nichts. Wie kann man sich denn das Nichts vorstellen?“

Anas findet hingegen die verschiedenen Charaktere am interessantesten.

Alle drei Kinder erzählen jedoch, dass sie dem Projekt beigetreten seien, da sie sich für die Workshops interessiert haben. Darüber seien sie dann auch Teil des morgendlichen Geschichteerzählens geworden.

Was sie Neues durch das Projekt gelernt hätten?

Für Nour ist es, sich besser zu konzentrieren und fokussierter zu sein. Enas hingegen sagt, dass sie ihre Schüchternheit überwunden hätte, während es für Anas die Zusammenarbeit mit den Anderen ist. Ohne diese Zusammenarbeit würde das Projekt nicht funktionieren und kein gemeinsames Ergebnis geschaffen werden, so Anas.

Am 31. Juli 2017 fand die Abschlussaufführung in Zaatari statt, bei welcher die Kinder ihre Arbeit aus den Workshops präsentierten. Eltern, Kinder und Bewohner des Camps waren dazu eingeladen. Dabei erhielten die Kinder auch die restlichen fünf Bücher des 1001 Seite Projektes.

1 UNHCR, Juli 2017

Sophia Schall
ist Projektkoordinatorin des Projekts „1001-Seite. Bücher für junge Menschen“ und seit September 2017 Koordinatorin des Kulturprogramms am Goethe-Institut Amman.

Copyright: Goethe-Institut Jordanien
August 2017

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Antonia.Brouwers@goethe.de

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