Messen und Festivals

Zurück aus Frankfurt

Foto: Marc Jacquemin © Frankfurter BuchmesseFrankfurter Buchmesse 2013; Foto: Marc Jacquemin © Frankfurter Buchmesse
Frankfurter Buchmesse 2013 (Foto: Marc Jacquemin © Frankfurter Buchmesse)

Die Frankfurter Buchmesse – Ort unzähliger Möglichkeiten für Verleger wie Mohamed El-Baaly. Doch auch die Stadt Frankfurt hält einige Überraschungen bereit. Über Demonstationen, den Hidschab und kleine Verlage auf der Buchmesse.

Als ich vor einem Jahr zur Buchmesse nach Frankfurt eingeladen wurde, dacht ich mir: „Sehr schön! Deutschland im Herbst. Das gibt eine nette kleine Reise“... Erst auf der Messe wurde mir dann klar, welch ungeahnte Möglichkeiten sich mir dort als Verleger bieten. Mit entsprechend anderen Erwartungen reiste ich deshalb dieses Jahr nach Frankfurt.

Die Frankfurter Buchmesse ist eine Veranstaltung der Superlative. Auf einem riesigen Areal präsentieren sich 7.000 Verleger aus fast 100 Nationen. Messebesucher erhalten die Gelegenheit, auch mit Sprachen und Kulturen Bekanntschaft zu machen, die Gefahr laufen, in Vergessenheit zu geraten. Kleinere Länder, deren Regierungen in großem Stil in kulturelle Projekte investieren, weil sie ihnen eine Schlüsselrolle bei der Völkerverständigung zuschreiben, sind in Frankfurt zahlreich vertreten.

Die kleinen, trostlosen Messestände namhafter arabischer Staaten, wie Ägypten, Algerien oder Marokko, lassen hingegen sehr zu wünschen übrig. Und nur eine verschwindend kleine Anzahl ägyptischer Verleger scheint überhaupt Wert darauf zu legen, regelmäßig auf der Buchmesse in Erscheinung zu treten, unter ihnen die ägyptische Verleger-Ikone Ibrahim El Moallem und der mit mir befreundete Sherif Bakr vom Verlagshaus Al-Arabi.

© Mohamed El-Baaly

Mohamed El-Baaly auf der Frankfurter Buchmesse 2013

Apropos „arabische Präsenz“: Neben dem riesigen Messestand des Iran in Halle 5 und den etwas kleineren Ständen von Saudi-Arabien, Abu Dhabi und dem Emirat Schardscha, nahm sich der ägyptische Stand geradezu unscheinbar aus. Fast schon kläglich wirkten die Bemühungen von Dr. Ahmed Megahed und seinen Mitstreitern von der General Egyptian Book Organization (GEBO), ihr Land auf adäquate Weise in Szene zu setzen.

Meiner Ansicht nach lässt sich der Unterschied zwischen dem ägyptischen Stand und den Ständen der oben erwähnten Ölförderländer aber nicht allein damit begründen, dass letztere wesentlich reicher sind als Ägypten. Nimmt man beispielsweise die relativ aufwendig gestalteten Stände eines noch recht jungen Landes wie Kroatien oder der beiden lateinamerikanischen Länder Peru und Kolumbien, so drängt sich der Verdacht auf, dass der Knackpunkt im kulturellen Selbstverständnis der herrschenden Elite in Kairo liegt. Dieser Verdacht erhärtet sich, wenn man das eher leisetreterische Gebaren Ägyptens auf der Buchmesse mit der fulminanten Selbstdarstellung des Landes auf den einschlägigen Touristik- und IT-Messen vergleicht.

Im Vorfeld

Fast eine Viertelmillion Besucher kommt jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse. Ich hatte deshalb schon Monate im Voraus meiner diesjährigen Reise nach Frankfurt entgegen gefiebert. Denn, anders als bei den regionalen Buchmessen in dem einen oder anderen Golfstaat, tun sich mir als Vertreter eines eher kleinen Verlages auf der Frankfurter Buchmesse ungeahnte Chancen auf.

Hot Spot Publishing Services; Foto: Peter Hirth © Frankfurter Buchmesse

Hot Spot Publishing Services 2013 (Foto: Peter Hirth © Frankfurter Buchmesse)

Nehmen wir zum Beispiel die Gelegenheit, konkrete Informationen einzuholen, über Förderprojekte für die Übersetzung von Literatur aus wenig bekannten Ländern in Nord-, Mittel- und Osteuropa, oder aus lateinamerikanischen Staaten, allen voran Brasilien und Argentinien – um nur eine von vielen guten Gelegenheiten für kleine Verleger zu nennen, die gerne auf internationaler Ebene Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen möchten. Bei den besagten Förderprojekten kann ein Verleger, im Rahmen einer vertraglichen Regelung mit Vertretern aus den Herkunftsländern der jeweiligen Autoren, Zuschüsse zu den Übersetzungskosten, und unter gewissen Umständen sogar Zuschüsse zu den Druckkosten erhalten. Ich wüsste nicht, dass irgendein arabischer Staat Fördermittel für die Übersetzung von Werken eines seiner Schriftsteller oder von Literatur aus einem anderen arabischen Land zur Verfügung stellt, oder dass Literaturübersetzer und andere in diesem Bereich tätige Personen in ähnlicher Weise unterstützt würden.

Ebenfalls höchst interessant und aufschlussreich ist der Überblick, den man sich auf der Frankfurter Buchmesse über herausragende Neuerscheinungen in den diversen Ländern verschaffen kann. Der Messebesucher hat die Möglichkeit, Literatur aus verschiedenen Regionen kennenzulernen und sich mit versierten Vertretern der dortigen Kulturszene zu unterhalten, die, bereitwillig und wann immer es ihr Zeitplan zulässt, Auskunft über berühmte Werke, Literaturpreise, Verlagshäuser, Autoren und Buchmessen in ihrem Land erteilen.

Die Reise

Bereits lange Zeit vor der Messe hatte ich mich mit zahlreichen Kulturorganisationen und Verlagen in Verbindung gesetzt, um mein Interesse an deren Arbeit und an bestimmten Titeln, die ich für übersetzenswert halte, zu bekunden. Ich vereinbarte etliche Termine für persönliche Treffen und Gespräche auf der Messe. Um ein Haar wären all diese Bemühungen umsonst gewesen. Seit der Verfassungserklärung des damaligen ägyptischen Präsidenten Mursi im November 2012 ist Ägypten quasi nicht mehr zur Ruhe gekommen. Das Land erlebt bis zum heutigen Tag eine politische Achterbahnfahrt, die auch am Buchmarkt nicht spurlos vorüber gegangen ist. Massive Umsatzeinbußen waren die Folge, auch in meinem Verlag. Eine kostspielige Reise nach Frankfurt schien lange Zeit schlichtweg nicht finanzierbar.

Frankfurter Buchmesse 2013; Foto: Alexander Heimann © Frankfurter Buchmesse

Frankfurter Buchmesse 2013 (Foto: Alexander Heimann © Frankfurter Buchmesse)

Doch plötzlich tauchte, wie aus dem Nichts, ein hilfreicher Schutzengel in Person meines Freundes Ahmad Gharbeia auf, seines Zeichens Autor und Übersetzer, und teilte mir mit, dass mir die Arab Digital Expression Foundation eventuell einen Reiskostenzuschuss im Rahmen des Förderprogramms „Nachbarn“ zahlen könne. Das Programm diene zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Jugendlichen innerhalb und außerhalb Ägyptens, erklärte mir Ahmad, möglicherweise werde meine Reise zur Buchmesse unter diesem Aspekt ja als fördernswert eingestuft. Ich beantragte also einen Reisekostenzuschuss und erhielt schließlich, nur wenige Tage vor der Abreise, eine Zusage. So kam es, dass ich mit einer zusätzlichen Finanzreserve im Gepäck den Weg nach Frankfurt antreten konnte.

Die Stadt

Ich war diesmal bewusst einen Tag vor dem offiziellen Beginn der Messe angereist, um in aller Ruhe die Museen und Sehenswürdigkeiten in der Frankfurter Altstadt besichtigen zu können. Im Stadtzentrum angelangt, fiel mir sofort auf, dass Brasilien als diesjähriger Ehrengast der Buchmesse auch außerhalb des Messegeländes mit einem reichhaltigen Kunst- und Kulturangebot für Aufsehen sorgte.

Außerdem waren an allen Ecken und Enden der Stadt politisch oder religiös motivierte Kundgebungen im Gange. Im Bankenviertel veranstalteten Kurden einen Protestmarsch, bei dem sie Bilder von Abdullah Öcalan und von den drei kurdischen Aktivistinnen in die Höhe hielten, die Anfang des Jahres unter mysteriösen Umständen in Paris ermordet worden waren. Vorneweg, vor dem Demonstrationszug, fuhr ein Polizeifahrzeug, um den Demonstranten den Weg frei zu machen und sie vor möglichen Übergriffen zu schützen. An einer anderen Stelle der Stadt sah ich bärtige Männer, die deutsche Koranübersetzungen verteilten und Spendengelder sammelten.

Pressezentrum 2013; Foto: Peter Hirth © Frankfurter Buchmesse

Pressezentrum 2013 (Foto: Peter Hirth © Frankfurter Buchmesse)

Vor einem der Zugänge zum Messegelände entdeckte ich schließlich am letzten Tag meines Aufenthaltes eine kleine Gruppe von Sympathisanten der Muslimbruderschaft. Im strömenden Regen standen sie da, mit R4bia-Transparenten und Fotografien von Demonstranten aus den Reihen der Muslimbrüder, die bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften in Ägypten ums Leben gekommen waren. Einige verteilten Flugblätter an die Passanten. Ich muss zugeben, dass mich ihre Ausdauer beeindruckte. Doch meine Bewunderung schlug in Verärgerung um, als mir ein höchstens zehnjähriges Mädchen ein Pamphlet überreichte, in dem der „Putsch“ (wie es dort hieß) verurteilt wurde. Das kleine Mädchen, das wohl von einem Elternteil – oder von beiden – dazu benutzt wurde, einer Sache zu dienen, die es selbst noch nicht einmal annähernd verstehen konnte, trug einen Hidschab, was bei Kindern in diesem Alter absolut unüblich ist. Offensichtlich verspürte derjenige, unter dessen Einfluss das Mädchen zu der Mahnwache mitgenommen worden war, eine so abgrundtiefe Abneigung gegen den weiblichen Körper, dass er es für notwendig hielt, ein Kind, lange vor dem als angemessen erachteten Zeitpunkt, den Hidschab tragen zu lassen. Selbstverständlich trug die Handvoll Frauen in der Gruppe auch alle einen Hidschab, sodass ich mir die Frage stellen musste, welchen Eindruck die Organisatoren dieser Mahnwache eigentlich hinterlassen wollten. War ihnen überhaupt klar, dass sie hier vor dem Eingang zu einer Messe mit internationalem Publikum standen, zu der Besucher mit den verschiedensten Konfessionen und Überzeugungen kamen, und nicht irgendwo auf einem Dorf im Umland von Gizeh?

Demonstrationen und Kundgebungen erlebte ich übrigens nicht nur in der Stadt und vor den Toren des Messegeländes. Eine Gruppe von Atomwaffengegnern zog mit einem kleinen Protestmarsch durch die Gänge der Messehallen. Und vor dem iranischen Stand protestierten zwei Frauen mit Transparenten gegen die Politik der schiitischen Machthaber.

Die Messe

Ein ganz besonderes Merkmal der Frankfurter Buchmesse sind die speziell angelegten Bereiche, die sich innerhalb der teilweise ohnehin schon sehr großzügig und aufwendig gestalteten Messestände bestimmter Länder befinden. Diese Bereiche werden interessierten Verlegern von der jeweiligen Regierung oder von den Organisatoren, die für den entsprechenden Stand zuständig sind, bei Bedarf zur Verfügung gestellt. Dieses Konzept scheint allerdings noch nicht zu den Organisatoren des ägyptischen Standes vorgedrungen zu sein, und auch zu keinem der auf der Messe vertretenen anderen arabischen Länder. Die Stände von Ägypten, Saudi-Arabien, Abu-Dhabi, Schardscha usw. laufen alle unter staatlicher Regie. Und es ist nicht vorgesehen, dass sich ägyptische Verleger – egal ob mit eigenen Stand auf der Messe (wie etwa der Al-Ahram-Verlag) oder ohne – am offiziellen ägyptischen Stand zurückziehen können, um dort Verträge abzuschließen oder sich kurz auszuruhen. Der Aufenthalt am Stand ist lediglich den Angestellten der GEBO und ihren Gästen vorbehalten.

Forum Verlagsherstellung 2013; Foto: Alex Heimann © Frankfurter Buchmesse

Forum Verlagsherstellung (Foto: Alexander Heimann © Frankfurter Buchmesse)

Trotz mangelnder staatlicher Unterstützung, waren zahlreiche Verleger aus ihren arabischen Heimatländern nach Frankfurt gekommen, um in Eigenregie Kontakte zu knüpfen und sich einen Überblick über aktuelle Neuerscheinungen zu verschaffen. Einige von ihnen reisten auf eigene Kosten an. Andere hatten einen Reisekostenzuschuss erhalten. So hielten sich beispielsweise mehrere Verleger aus Ägypten, Marokko, Syrien und dem Libanon auf Einladung des Goethe-Instituts in Frankfurt auf. Und auch der Veranstalter der Messe selbst hatte, um die Präsenz kleinerer Verlagshäuser aus Entwicklungsländern auf der Buchmesse zu fördern, Verleger aus Ägypten, Algerien, Saudi-Arabien und dem Libanon nach Frankfurt geholt. Auf diese Weise konnte eine beträchtliche Anzahl von Verlegern aus verschiedenen arabischen Staaten, auch ohne ausreichende Unterstützung ihrer Regierung, auf der Frankfurter Buchmesse vielversprechende Vertragsabschlüsse erreichen. Dem von mir vertretenen Sefsafas-Verlag gelang es, Übersetzungsrechte für Bücher aus Finnland, Slowenien, Belgien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich zu erwerben. Außerdem erhielt ich einen hervorragenden Einblick in die Arbeit professioneller Verleger in aller Welt. Und ich hoffe natürlich, dass auch ich ein wenig vom kulturellen und literarischen Leben in Ägypten übermitteln konnte.

Mohamed El-Baaly
ist Gründer des Sefsafa Verlags.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Achbar El-Adab

Übersetzung: Andreas Bünger

Copyright: Goethe-Institut Kairo
November 2013

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