Messen und Festivals

Frauenpower und provokante Thesen

© Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze© Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze
Fabelhafte Kostüme sieht man bei vielen Cosplayern auf der Manga-Comic-Convention. (Foto: Tom Schulze © Leipziger Messe GmbH)

Auf der Leipziger Buchmesse sorgten zwei ägyptische Autoren mit sehr unterschiedlichen Themen für jeweils volles Haus. Karim El-Gawhary und Hamed Abdel-Samad stellten ihre neuen Bücher vor.

Wer zum ersten Mal auf die Leipziger Buchmesse kam, mag sich verwundert die Augen gerieben haben. Die nach Frankfurt zweitgrößte Bücherschau Deutschlands wirkte wie ein Karnevalszug – überall bunte Fantasiekostüme, Roboter aus Pappmaché, wie Comicfiguren geschminkte 15-Jährige. Seit Jahren sind die Cosplayer, im Manga-Stil verkleidete Jugendliche, traditioneller Bestandteil der jährlich im März stattfindenden Buchmesse. Doch natürlich ging es in Leipzig vor allem um Bücher, und zwei viel beachtete kamen in diesem Jahr von ägyptischen Autoren.

Cover: Frauenpower auf Arabisch von Karim El-Gawhary © Kremayr & ScheriauFrauenpower auf Arabisch heißt das aktuelle Buch des Nahost­korrespondenten Karim El-Gawhary. El-Gawhary berichtet seit über 20 Jahren aus Ägypten, und im Laufe der Zeit hat er viele interessante Persönlichkeiten erlebt, mit Politikern, aktuellen und ehemaligen Präsidenten gesprochen. Das waren meistens Männer. Die andere Hälfte der Bevölkerung, die Frauen, taucht in der Bericht­erstattung selten auf. Das hat El-Gawhary gewurmt. „Man spricht immer nur über die Frauen, nie mit ihnen“, sagt er. Also machte er sich auf die Suche, und er fand berührende Geschichten, manche ganz alltäglich, manche unglaublich, manche, die aufmuntern, und wieder andere, die traurig machen. Manchmal auch alles zusammen. Da ist zum Beispiel Umm Khaled, die als einzige LKW-Fahrerin Ägyptens seit Jahren ihren 30-Tonner durch die Wüste steuert und ihren angeblich so viel stärkeren männlichen Kollegen in nichts nachsteht. Umm Khaled ist stolz auf sich und dass sie ihren Sohn ernähren kann. Aber zugleich hat sie schon mit 13, 14 Jahren so viel Not durchmachen müssen, dass sie heute kaum darüber sprechen mag. Oder Manal, die den Mut aufbrachte, sich als erste saudische Frau beim Autofahren filmen zu lassen, um die Frage öffentlich zu machen, warum in ihrem Land nur Männer hinters Steuer dürfen.

Alte Hierarchien brechen zusammen

Karim El-Gawhary ordnet solche Geschichten ein, für ihn sind sie Teil des gesellschaftlichen Wandels in vielen arabischen Ländern. „Wenn man sieht, dass Frauen jetzt politisch mitdiskutieren können, dass es innerhalb der Familie Streit zwischen Mann und Frau über politische Dinge gibt, dann merkt man, dass alte Hierarchien aufbrechen. Das ist zwar alles andere als ein einfacher Prozess, aber das Thema ist wesentlich präsenter als es noch vor ein paar Jahren war.“ Gerade sei das Land am Nil in einer Phase der Restauration, in der alte Kräfte versuchen, das Steuer wieder in die Hand zu bekommen und die Zeit zurückzudrehen. Trotzdem glaubt Gawhary daran, dass jedem politischen Wandel irgendwann auch ein gesellschaftlicher Wandel folge, und in dessen Zentrum werde die Rolle der Frau stehen. „Frauenrechtler in Ägypten gab es übrigens schon in den zwanziger Jahren, das ist ja kein neues Phänomen. Aber jetzt entstehen neue Freiräume, und alte Hierarchien brechen zusammen. Das kommt den Frauen zugute.“

Der Elefant im Porzellanladen

Cover: Der islamische Faschismus von Hamed Abdel-Samad © Droemer KnaurMit einem ganz anderen Thema beschäftigt sich der Autor und Politologe Hamed Abdel-Samad, der seit fast 20 Jahren in Deutschland lebt. Abdel-Samads Thema ist die Religion, er kritisiert vor allem den politischen Islam, wie ihn die Muslimbruderschaft vertritt. „Die Menschen brauchen Religion, ich kann mir die Ägypter ohne die Spiritualität des Islam gar nicht vorstellen. Aber wenn die Religion politisch oder juristisch am Werk ist, dann verhält sie sich wie ein Elefant im Porzellanladen und zerstört sehr viel. Sie nimmt den Gesellschaften die Substanz und die Kreativität. Deshalb muss man die Religion politisch entmachten“, sagt Hamed Abdel-Samad am Rande der Leipziger Buchmesse. Er stellt sein neues Buch vor, es heißt Der islamische Faschismus. Unter dem gleichen Titel hat er bereits im Juni 2013 einen Vortrag in Kairo gehalten und die These vertreten, dass bereits in der Entstehungsgeschichte des Islam zumindest die Möglichkeit und die Züge von Faschismus enthalten sind. Wenig später wurde im ägyptischen Fernsehen zum Mord an ihm aufgerufen. Auch auf der Buchmesse und bei einer weiteren Lesung in Leipzig ist er ständig von Leibwächtern umgeben.

Die Wände des Forum International, auf dem Hamed Abdel-Samad über sein neues Buch diskutiert, dienen zugleich als Ausstellungsfläche für Hassan Abdelghanis Fotografien. Abdelghani ist in Kairo aufgewachsen, lebt aber im kroatischen Pula, wo er die Galerie Makina leitet. Seine Fotos zeigen die Grabsteine von Menschen, die 1914 verstorben sind – dem ersten Jahr des Ersten Weltkriegs, der vor genau einem Jahrhundert begann. Wie auch an anderer Stelle setzten die Kuratoren des Forum International und der gesamten Leipziger Buchmesse auf diese Weise geschickt aktuelle Diskussionen gegen den Hintergrund der historischen Ereignisse. Am Blick auf den Beginn des Ersten Weltkriegs hat sich indirekt übrigens auch ein ägyptischer Autor beteiligt: Im Lesebuch Achtung! Achtung! Hier spricht der Krieg! der Bundeszentrale für politische Bildung ist das Gedicht Weltkrieg abgedruckt. Hafiz Ibrahim, der „Dichter des Nils“, hat es im Jahr 1915 verfasst, als der von niemandem gewollte, aber dennoch unvermeidliche Krieg schon sein schreckliches Gesicht gezeigt hatte.

Christopher Resch
ist freier Journalist und wohnt in Leipzig.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
März 2014

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