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Die Literatur hat die Umbrüche vorweggenommen

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Impressionen der Leipziger Buchmesse (Foto: Uli Koch © Leipziger Messe GmbH)

Welche Auswirkungen haben die Umbrüche in den arabischen Ländern auf den Kultur- und Literaturbetrieb? Wie stark haben Autoren und Intellektuelle ihrerseits die Arabellion befördert? Auf der Leipziger Buchmesse diskutierten Loay Mudhoon, Redaktionsleiter von Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt, Leila Chammaa, Übersetzerin und Gründerin der Literaturagentur Alif, der freie Journalist Kersten Knipp und Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts. Das Goethe-Institut fördert im neuen Litrix-Schwerpunkt Arabische Welt bis 2017 den Literaturaustausch und die Übersetzung deutscher Bücher ins Arabische.

Gleich zu Beginn stellte die Moderatorin und Litrix-Leiterin Anne-Bitt Gerecke fest: Von den Autoren und Intellektuellen in der arabischen Welt hört man derzeit so gut wie nichts, die Medien berichten vor allem über die Umtriebe des so genannten Islamischen Staats. Doch wie ergeht es den Literaten vor Ort?

Leila Chammaa war erst kürzlich in Kairo, dem noch immer wichtigsten kulturellen Zentrum der arabischen Welt. Die Missstände offenbarten sich ihr erst hintergründig, im Gespräch: Mit der neuen Regierung sei die Meinungsfreiheit in Gefahr, Journalisten seien nicht mehr sicher: Erst Anfang November 2014 wurde Alain Gresh, Chefredakteur der Le Monde, mit zwei ägyptischen Kollegen aus einem Kairoer Café heraus verhaftet. Ein zweites zentrales Problem sei die wirtschaftlich schlechte Lage der Menschen im Land.

„Man spürt die Stagnation bei jedem Besuch“, berichtete auch Loay Mudhoon. „Die Pressefreiheit und die Freiheit der Intellektuellen werden gerade stark eingeschränkt. Es geht der Regierung darum, ein neues Herrschaftsnarrativ einzusetzen.“ Dagegen aufzubegehren sei schwierig und häufig auch gefährlich. Zudem hätten viele Kulturschaffende die Machtübernahme des Militärs unterstützt, erklärte Mudhoon: „Diesen Vorwurf müssen sie sich gefallen lassen.“

Kersten Knipp öffnete den Blick in Richtung Syrien. Die Situation im dortigen Bürgerkrieg sei archaisch, viele Künstler und Intellektuelle hätten das Land längst verlassen. Das befürchtet er auch für Ägypten. Denn die Entwicklung auf dem Sinai, wo sich ein Ableger des Islamischen Staats gebildet hat, sei zum Teil auch eine Reaktion auf den starken Druck in der ägyptischen Gesellschaft, der seinerseits Wut und Radikalismus erzeuge.

Podium (vlnr): Anne-Bitt Gerecke, Leila Chammaa, Klaus-Dieter Lehmann, Kersten Knipp, Loay Mudhoon © Litrix.de

Bild vergrößernPodium (vlnr): Anne-Bitt Gerecke, Leila Chammaa, Klaus-Dieter Lehmann, Kersten Knipp, Loay Mudhoon (© Litrix.de)

Welche Wirkung kann Kulturarbeit vor diesem Hintergrund in der Region überhaupt entfalten? Klaus-Dieter Lehmann erzählte, wie kreativ die Kulturschaffenden in der Zeit des Aufbruchs 2011 gewesen waren. Die Tahrir-Lounge im Goethe-Institut Kairo sei ein Beispiel: „Natürlich hatten die Leute auch damals schon Ängste, aber sie schufen sich Freiräume und damit eine eigene Identität.“ Aktuell jedoch sehe es so aus, als haben sie sich nicht durchsetzen können. Auch nicht in Libyen, wo Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, starke und kreative Frauengruppen kennengelernt hatte: „Die sind alle mundtot gemacht worden. Die einzige Hoffnung ist derzeit Tunesien.“

Die größte Diskussion entspann sich um die Frage, welche Rolle die Literatur für die Umbrüche in den arabischen Ländern gespielt hat. Kersten Knipp rief einige Bücher in Erinnerung, die auch in Europa großen Anklang fanden: Taxi von Khaled al-Khamissy oder Der Jakubijan-Bau von Alaa al-Aswany. „Taxi hat sämtliche Übel des ägyptischen Alltags angesprochen, Aswanys Thema war die Korruption und die fehlenden Chancen, sich zu entwickeln“, so Knipp. Der Algerier Yasmina Khadra befasste sich schon früh mit der Kultur der Gewalt und der Perspektivlosigkeit. Ob diese Autoren jedoch am Ende wirkliche politische Energie erzeugen konnten, bezweifelte der Journalist.

Leila Chammaa wandte ein, dass die Ansätze revolutionären Denkens schon sehr viel früher begonnen haben. Ein untrügliches Indiz dafür: die regelmäßigen Verhaftungen von Autoren in sämtlichen arabischen Ländern. „Die Literaten haben die Revolutionen im Prinzip schon vorweggenommen, zum Beispiel im Syrien der 90er. Dort wurden schon Tabuthemen angesprochen, wie das Massaker in Hama unter Hafez al-Assad“, erklärte Chammaa. Ähnlich argumentierte Loay Mudhoon: Die Kultur sei in jedem Falle ein Seismograph des Wandels. Mit Blick auf die Literatur brachte Kersten Knipp den wertvollen, aber nicht ansatzweise gehobenen Schatz der arabischen Sachbücher ein: „In denen steckt noch so viel Wichtiges! Die Politologen und Soziologen der arabischen Welt stehen den westlichen Wissenschaftlern in nichts nach.“

Auf Ann-Bitt Gereckes Frage, welches Werk denn ein guter Einstieg in die arabische Literatur wäre, antworte Leila Chammaa grundsätzlich: Man müsse zunächst einmal erkennen, dass es Gemeinsamkeiten und Verbindendes gibt. Seitens des Westens herrsche häufig eine gewisse Überheblichkeit. „Wir sind alle Menschen, wir fühlen ähnlich, wir haben die gleiche Basis. Das ist eine gute Voraussetzung.“ Loay Mudhoon stimmte ein: Natürlich profitiere auch der Westen von der arabischen Welt. „Das Wissen hilft uns ja, die Komplexität der Welt insgesamt zu begreifen.“

Klaus-Dieter Lehmann ergänzte: „Abschottung wäre und ist der ganz falsche Weg.“ Wichtig seien der Zufluss von neuen Ideen und die Chance, diese Ideen zu reflektieren – und zwar in beide Richtungen. Wichtig seien Programme wie Litrix, das im Rahmen des aktuellen Schwerpunkts Arabische Welt Übersetzer weiterbildet und Übersetzungen unterstützt, und Cairo Short Stories: Dort werden ägyptische Autoren vor Ort gefördert.

Christopher Resch
lebt und arbeitet als freier Journalist in Leipzig. Er schreibt vor allem über Gesellschaft, Kultur und den Dialog mit und in der arabischen Welt.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
April 2015

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