Messen und Festivals

Der Verlag im Beduinenzelt

© Frankfurter Buchmesse© Frankfurter Buchmesse / Alexander Heimann
Impressionen der Frankfurter Buchmesse (Foto: Alexander Heimann © Frankfurter Buchmesse)

Das deutsche Aussenministerium unterhält an der Frankfurter Buchmesse eine der interessantesten Diskussions-Plattformen. Und der Zürcher Verlag Kein & Aber hat ein Zelt aufgestellt.

Wer an der Buchmesse gehört werden will, muss eine laute Stimme haben – und auch das hilft nicht immer. Wer gesehen werden will, muss auffallen. Wer jedoch ernst genommen werden will, sollte Substanz bieten. Wenige machen es besser als das deutsche Aussenministerium, das auch dieses Jahr wiederum unter dem Namen Weltempfang eine grosse Plattform für Austausch und Debatte eingerichtet hat. Hier wird über literarische Begegnungen zwischen Europa und Asien diskutiert, Übersetzer sprechen über ihre Erfahrungen, Kulturarbeit in Flüchtlingslagern wird vorgestellt und kritisch beleuchtet.

Einen phantastischen Auftritt boten hier drei jüngere Frauen aus dem Mittleren Osten: aus Kairo die Verlegerin und Buchhändlerin Karam Youssef, aus Beirut die Autorin Rania Zaghir sowie schliesslich die Jordanierin Valentina Qussisiya, die in Amman ein Kulturzentrum betreibt. Staunend hörte man ihnen zu, als sie von ihrer Arbeit berichteten. Es ist Basisarbeit in Literatur- und Kultur­vermittlung. Rania Zaghir geht mit ihren Kolleginnen und Kollegen in die Flüchtlingslager in Libanon, verführt die jungen Menschen zum Lesen, zu Büchern, pflanzt ihnen das Virus des Erzählens ein und sagt ohne Dünkel oder falsche Bescheidenheit und ohne Angst vor Pathos: Wenn es ihr mit ihren Büchern und Geschichten gelingt, von zwanzig Flüchtlingskindern auch nur zwei davon abzuhalten, irgendwann einmal dem Islamischen Staat zu folgen oder dem Fundamentalismus zu verfallen, habe sie gute Arbeit geleistet.

Oder man folgte gebannt Karam Youssef, die von ihrem Buch- und Verlags­haus in Kairo erzählte, das zu einem Treffpunkt von Leserinnen und Lesern, von Autorinnen und Autoren geworden sei. Indessen ist die eigene Ergriffen­heit ob so viel Engagement und Professionalität, ob so viel Kompetenz und Selbstverständlichkeit auch entlarvend: Was hat man sich denn gedacht von Kairo, Beirut oder Amman? Wollten die eigenen Vorstellungen da nur lauter Einöden der Kultur erwartet haben?

Tags darauf konnte man Karam Youssef bei der Preisverleihung eines u. a. vom Goethe-Institut in Kairo mitorganisierten Kurzgeschichtenwettbewerbs noch einmal erleben. Abermals sprach sie von ihrer Arbeit, bei der sie bewusst eigene und eigenwillige Wege gehe. Sie berichtete von den Creative-Writing-Kursen, die sie in Kairo unter Führung von namhaften Autoren anbiete. Das Interesse sei gross, ebenso das Engagement der zum neunmonatigen intensiven Kurs zugelassenen Frauen und Männer. Karam Youssef versprühte nicht nur Tatendrang, auch Optimismus strahlte sie aus. Gewiss, das Leben sei nach der Revolution materiell schwieriger geworden. Aber in der Literatur und sogar im Theater sei vieles in Bewegung, die jungen Autorinnen und Autoren seien sehr aktiv. Es werde viel und mit grosser Ernsthaftigkeit geschrieben. Lediglich mehr Zeit sollten sich die Schriftsteller geben für fiktionale Werke mit seismografischer Wahrnehmungs­schärfe, „damit wir daraus sehen können, wohin die Reise dieses Landes geht“.

Wiederum ganz andere eigene Wege im Wettbewerb um Sichtbarkeit ging der Zürcher Verlag Kein & Aber. Auf der Agora zwischen den Messehallen haben Peter Haag und sein Team ein (geheiztes!) Zelt aufgestellt: Halb wähnt man sich im Basislager einer Expedition, halb in einer Strandbar mit ange­schlos­sener Buchhandlung. In Zeiten knapper Ressourcen habe der Verlag nicht einfach zwischen Absage (wie Diogenes) oder herkömmlichem Guck­kasten­stand entscheiden wollen. Vielmehr habe sie der Spardruck dazu angetrieben, sagt Verlagsleiter Haag, das Verhältnis von Aufwand und der damit erzielten Aufmerksamkeit zu optimieren. Die Rechnung scheint aufgegangen zu sein. Die Besucher kommen – und werden nicht, wie in den Hallen, als Herde gleich zum nächsten Stand weitergetrieben.

Roman Bucheli

Copyright: Neue Züricher Zeitung
Oktober 2015

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolinfo@beirut.goethe.org

Links zum Thema

RSS-Feed

Abonnieren Sie unseren Feed, damit Sie immer über neue Beiträge informiert sind.