Messen und Festivals

Weniger Politik, mehr Unterhaltung

© Goethe-Institut/Nadia Mounir47. Kairo Buchmesse 2016 © Goethe-Institut / Nadia Mounir
Bild vergrößern47. Buchmesse in Kairo (© Goethe-Institut / Nadia Mounir)

Vom 27. Januar bis zum 10. Februar 2016 fand zum 47. Mal die Internationale Buchmesse in Kairo statt. Dieses Jahr nahmen 850 Verleger aus 34 Ländern teil. Richtungsweisend dürfte zum einen der große Andrang gewesen sein (durchschnittlich 250.000 Besucher pro Tag), zum anderen aber auch der Rückgang bei politischen Büchern, religiösen Büchern und Comics, sowie das große Interesse an künstlerischen Aktivitäten und Unterhaltungsangeboten.

Der diesjährige Renner: Biographien

Überaus groß war dieses Jahr auch das Angebot an unkonventionellen Biografien aus Ägypten und anderen arabischen Ländern. Unkonventionell, weil dabei vielfach nicht mehr der Autor selbst im Mittelpunkt steht, sondern sein Verhältnis zum öffentlichen Leben und sein Erfahrungsschatz in Bezug auf Literatur, Film, Theater etc. Nennenswert sind vor allem die Titel kuntu sabīyan fi-s-sabaʿīnāt (arabisch, wörtlich: ‚Meine Kindheit in den Siebzigerjahren‘) des Journalisten und Schriftstellers Mahmoud Abdel Shakour, erschienen beim Al-Karma-Verlag, muḫriǧ ʿalā ṭ-ṭārīq (arabisch, wörtlich etwa: ‚Ein Regisseur und seine (Ab)Wege‘) von Mohamed Khan, dem großen Filmregisseur, erschienen bei Al Kotob Khan, al-ġurfa 102 (arabisch, wörtlich: ‚Zimmer 102‘), von der jungen algerischen Dichterin und Programmiererin Lamis Saidi, als eine Art Biografie über ihren Vater, erschienen im El Ain-Verlag, aber auch maʿnā ’an takūna ṣūfīyan (arabisch, wörtlich: ‚Was es bedeutet, ein Sufi zu sein‘) des Forschers Khaled Mohamed Abdou, erschienen beim El-Mahrousa Center. Der Schriftsteller Mahmoud Abdel Shakour meint dazu: „Das mit den Autobiografien ist wirklich ein besonderes Phänomen auf der diesjährigen Kairoer Buchmesse. Ich weiß nicht, wie ich das deuten soll. Vielleicht ist das aus einer Art Nostalgie entstanden, oder aus dem Wunsch, dass es Autoren geben möge, die in der Lage sind, solche Sachen zu schreiben.

Ausschlaggebend ist aber auf jeden Fall, wie natürlich der jeweilige Autor an sein Leben rangeht, und seine Fähigkeit, das Private mit dem nicht Privaten zu verbinden. Mein Buch war die Idee meines Verlegers, Seif Salmawy. Unterstützung bekam er dabei von meinem besten Freund, dem Kritiker Ehab El Mallah. Sieht so aus, als hätten die beiden verfolgt, was ich so an vereinzelten Erinnerungen auf Facebook gepostet habe, deshalb baten sie mich, ich solle doch ein Buch über die Siebzigerjahre schreiben. Ich habe zu Seif gesagt, dass ich mich eigentlich nur noch an den Tag erinnern kann, an dem Abdel Nasser starb, und an die Ermordung Sadats. Doch als ich dann anfing zu schreiben, kam plötzlich eine wahre Flut von Erinnerungen und Details, die mich selbst überrascht haben... Mein Buch ist keine vollständige Biografie, sondern der Blick auf eine komplette Epoche, aus der Perspektive eines kleinen Jungen, aber mit dem heutigen Wissen und Bewusstsein. Deshalb kommt in dem Buch nahezu alles aus der damaligen Zeit vor: Lieder, Kinderspiele, Politik, Wirtschaft, sozialer Wandel – von der Öffnung der Wirtschaft, bis hin zum Auftauchen des Hidschab bei den jungen Frauen.

Rückgang bei den politischen und religiösen Büchern

Nach der Revolution vom 25. Januar 2011 boomten politische und religiöse Bücher. 2012 und 2013 zählten sie zu den meistverkauften Titeln ägyptischer und arabischer Verlage, wie Dar El Shorouk oder Al-Jamal, oder der General Egyptian Book Organization (GEBO). Bereits 2014 und 2015 zeichnete sich ein leichter Rückgang ab. Stattdessen wurde Belletristik wieder beliebter. Dieses Jahr scheinen die politischen und religiösen Bücher nahezu verschwunden. Um der Stagnation entgegen zu wirken, verkauften zahlreiche Verlage politische und religiöse Titel aus ihrem Programm mit Preisnachlässen von bis zu 50 Prozent. Mohamed El Baaly, Chef des Sefsafa-Verlags, meint dazu: „Im Vergleich zu den Vorjahren haben politische und religiöse Titel gegenüber der Belletristik weiter an Boden verloren. Das Interesse an Politik hat in der Gesellschaft allgemein nachgelassen, ebenso wie die Ausbreitung des politischen Islam. Gut möglich, dass deshalb Verlage, die nicht nur auf religiöse Themen spezialisiert sind, ihr Programm entsprechend ändern, zumal ein Großteil der Messebesucher inzwischen junge Leute sind, die sich eher für Bellestristik interessieren, und zwar für leichte Kost. Die Verlage wollen auf deren Wünsche eingehen und setzen jetzt andere Prioritäten.“

Über die Verkaufszahlen von Comics und deren Präsenz auf der Messe sagt Mohamed Rabia, Redakteur beim Tanweer-Verlag: „Die Comic-Fangemeinde in Ägypten ist nach wie vor recht klein. Außerdem sind die Herstellungskosten relativ hoch. Die Revolution vom 25. Januar war wichtig, weil sie die Leute ermutigt hat, sich neuartigen Formen von Büchern zu öffnen. Der Tanweer-Verlag hat daraufhin 2013 und 2014 zwei Comicromane veröffentlicht, zum einen die bekannte iranische Erzählung Zahra’s Paradise, und zum anderen den Roman istiḫdāmu l-ḥayāt (arabisch, wörtlich: ‚Was man aus dem Leben macht‘) von Ahmed Nagy, die sich beide gut verkauften.“

Künstlerische Aktivitäten

Rückläufig waren auf der 47. Kairoer Buchmesse auch Podiumsdiskussionen und kulturelle Veranstaltungen mit kontroversen Inhalten und aktuellen Bezügen, insbesondere zum politischen Alltag. Stattdessen wurde ein mannigfaltiges Kunst- und Unterhaltungsprogramm angeboten. Neben einem Kinder- und einem Kunstpavillon sowie diversen Kunst- und Kulturwettbewerben, gab es zum ersten Mal auch eine Freilichtbühne, auf der unter anderem junge Musikgruppen wie Elawela Balady, Gemeza, Gawy oder Oscarisma auftraten. Ferner konnte man traditionelles Puppentheater und das berühmte Heldenepos der Banu Hilal erleben, das die arabische Kultur maßgeblich geprägt hat. Auch das Unterhaltungsprogramm war stets gut besucht.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Februar 2016

Übersetzung: Andreas Bünger

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