Messen und Festivals

Poetry Slam auf der Buchmesse in Kairo

Foto: Goethe-Institut/Bernhard LudewigFoto: Goethe-Institut/Bernhard Ludewig

In den letzten 30 Jahren sind Poetry Slams in den USA und in vielen europäischen Ländern äußerst populär geworden. Bei dieser besonderen Form des Dichterwettstreits tragen Autoren an einem öffentlichen Ort, zum Beispiel in einem Theatersaal, ihre literarischen Texte im direkten Kontakt mit dem Publikum vor. Die Zuhörer küren anschließend den besten Beitrag der jeweiligen Veranstaltung.

Dichterwettstreite haben im arabischen Raum eine lange Tradition. Bereits vor über 1.500 Jahren waren sie auf der Arabischen Halbinsel ein weit verbreitetes Ritual. Sie spielten nicht nur in künstlerischer und kultureller, sondern vor allem auch in gesellschaftlicher Hinsicht eine wichtige Rolle, weil sie der Wahrung des historischen Erbes der einzelnen Volksstämme dienten. Hervorragende Dichter genossen deshalb ein entsprechend hohes Ansehen in der Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund veranstaltete das Goethe-Institut, im Rahmen seines Kulturprogramms auf der 48. Internationalen Buchmesse in Kairo, einen Dichterwettstreit in Form eines Poetry Slams, bei dem der deutsche Slam Poet Pierre Jarawan, die ägyptische Dichterin Malaka Badr und zahlreiche Besucher verschiedener Altersgruppen anwesend waren.

Während des anderthalbstündigen Slams wurden diverse Beiträge auf Arabisch und Deutsch vorgetragen, außerdem unterhielten sich Pierre Jarawan und Malaka Badr mit dem Publikum. Pierre Jarawan wies zunächst darauf hin, dass beim Poetry Slam in Deutschland andere Regeln gelten als in den USA. Man könne dort auf die Bühne kommen und innerhalb von maximal fünf Minuten einen beliebigen Lyrik- oder Prosatext zum Vortrag bringen.

Poetry Slams seien in den letzten Jahren in Deutschland sehr beliebt geworden, so Pierre Jarawan. Inzwischen finden sie in großen Theatersälen vor bis zu 1000 Zuschauern statt. Dass die Reaktion des Publikums sofort sichtbar wird, sei das Schönste an dieser Form der kulturellen Darbietung. Die Natürlichkeit der Beiträge ergebe sich dadurch, dass sie in direktem Kontakt mit dem Auditorium vorgetragen und nicht für die stille Lektüre konzipiert werden. Das regt die Dichter dazu an, neue kreative Methoden und Stilvariationen auszuprobieren.

Als Grund für den Erfolg der Poetry Slams in Deutschland nennt Pierre Jarawan die zahlreichen Organisationen und Institutionen, die entsprechende Projekte unterstützen, sowie die vielen Künstler und Autoren, die sich jahrelang massiv für dieses Format eingesetzt haben, was Dichtern und ihren Werken neue Möglichkeiten der Verbreitung eröffnet habe, zum Beispiel auf den Bühnen der großen Schauspielhäuser.

Seine eigenen Texte, sagt Pierre Jarawan, handeln vom Alltag und von den kleinen Details, denn das Leben stecke voller Geschichten, mit denen wir uns aber, vor lauter Eile, gar nicht richtig auseinandersetzen, während er in seinen Texten innehalte, um sich näher mit diesen Momentaufnahmen zu befassen. Seinen Aufenthalt in Ägypten und den Kontakt zu einem Publikum mit einem anderen kulturellen Hintergrund beim Poetry Slam in Kairo betrachtet Pierre Jarawan als Bereicherung für seine Arbeit als Dichter, weil Reisen und Ortswechsel immer belebend wirken und die Sinne schärfen. Er sehe seine Ägyptenreise als Inspirationsquelle für viele Texte und wolle deshalb der Dichterin Malaka Badr für ihre tollen Gedichte, ihren Mut und ihre einmalige Art des Vortrags danken, aber auch dem Publikum für die wohlwollende Offenheit, wodurch sich wieder einmal bestätigt habe, dass Kunst und Kultur Brücken zu Menschen schlagen können, die in anderen Gesellschaftsformen und kulturellen Umfeldern leben.

Malaka Badr ist wiederum der Meinung, dass Gedichte den interkulturellen Austausch fördern wie keine andere Form der Literatur, weil Lyrik auf sehr knappe und dichte Weise Erfahrungen zum Ausdruck bringe, wodurch Gemeinsamkeiten betont werden, die die Menschen über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg verbinden. Über das Format Poetry Slam und seine Perspektiven in Ägypten sagt die Dichterin: „Wenn unabhängige Organisationen und Institutionen und die Verantwortlichen in Theatern und Kulturzentren sich wirklich für Dichtung und Kultur einsetzen, könnte man bald überall viele erfolgreiche Projekte dieser Art finden. Es gibt eine neue Generation von Dichtern und Poesie-Fans, aber für neue kreative Konzepte fehlt es an echten Umsetzungsmöglichkeiten und Unterstützern.“

Malaka Badr erzählt, dass sie Pierre Jarawan gefragt habe, ob er von seiner Arbeit als Dichter leben könne oder ob er noch einen anderen Beruf ausübe. Pierre Jarawan habe daraufhin geantwortet, er sei Dichter von Beruf und befasse sich daher ausschließlich mit Schreiben, Reisen und der Planung seiner literarischen Projekte. Dies sei, so Malaka Badr, ein ganz wesentlicher Punkt, der zeige, mit welchen Schwierigkeiten Dichter und Kunstschaffende in Ägypten zu kämpfen haben. Man könne als Autor in Ägypten nicht vom Schreiben leben, sondern müsse oft noch selbst für die eigene literarische Tätigkeit aufkommen und deshalb diverse andere Arbeiten verrichten, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
März 2017

Übersetzung: Andreas Bünger

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