Messen und Festivals

Literatur als Selbstbefreiung und Selbstfindung

Foto: Yerson Retamal/pixabay.com (CC0 1.0)Foto: Yerson Retamal/pixabay.com (CC0 1.0)
Schreiben als Stimme über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg (Foto: Yerson Retamal/pixabay.com (CC0 1.0))


Von 11. bis 16. Februar 2017 fand in Kairo das dritte Cairo Literature Festival statt, dessen Motto dieses Jahr sinngemäß „Die weibliche Essenz des Schreibens” lautete. Auf dem Programm des Literaturfestivals stand unter anderem eine Lesung und ein Autorengespräch mit der deutschen Schriftstellerin Anna Katharina Hahn im Kulturhaus Beit El-Senari im Kairoer Stadtteil Sayyida Zainab. Auch die ägyptische Schriftstellerin May Telmissany und die österreichische Schriftstellerin Milena Michiko Flašar waren zu der Veranstaltung eingeladen worden, die Frau Dr. Ola Adel moderierte.

Anna Katharina Hahn las zunächst einige Ausschnitte aus ihrem jüngsten Roman Das Kleid meiner Mutter, der auf verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen, teilweise in Spanien, teilweise in Deutschland spielt, wobei sich reale Welt und Fantasiewelt miteinander vermischen. Im Mittelpunkt steht eine junge Spanierin aus Madrid, die unter den Folgen der Wirtschaftskrise leidet und so für eine ganze Generation junger Menschen steht, die in eine ungewissen Zukunft aufbrechen, in der das, was sie gelernt oder studiert haben, offenbar nicht zählt.

Eine Möglichkeit zur Flucht aus der harten Realität findet die Protagonistin im Kleid ihrer Mutter, das ihr magische Kräfte verleiht und sie zum Abbild der Mutter macht, wobei sie nicht nur deren Leben lebt, sondern auch bisher unbekannte Einzelheiten über die Mutter, aber auch über sich selbst erfährt. Der Autorin Anna Katharina Hahn gelingt es auf dieser Fantasiereise zahlreiche Facetten der Krise abzubilden, in der die Jugend und die gesamte Mittelschicht im sozial und mental zerrütteten Europa steckt.

Literatur und Städte

Während des anschließenden Autorengesprächs wurde nicht nur die Beziehung zwischen Literatur, Geschichte und Großstadt thematisiert, sondern auch die Frage, inwieweit Literatur dem interkulturellen und zwischenmenschlichen Dialog diene. Viele literarische Texte der ägyptischen Autorin May Telmissany, die inzwischen in Kanada lebt, handeln vom Kairoer Stadtteil Heliopolis und von der ausgeprägten Vielfalt, die dort während ihrer Kindheit herrschte, als Menschen verschiedenster Nationalitäten das Viertel bewohnten. Auch in Milena Michiko Flašars Roman, der in Japan spielt und auf beeindruckende Weise die verschiedensten Charaktere, ihr Alltagsleben im Japan des 21. Jahrhunderts und ihre diversen Angewohnheiten bis ins kleinste Detail beschreibt, spiegelt die kulturelle Vielfalt unserer heutigen Welt wider. In der fantastischen Sphäre von Anna Katharina Hahns Roman tauchen indes immer wieder jene universellen Fragen zu Liebe, Freundschaft und Angst auf, unserer Beziehung zu Vergangenheit und Gegenwart, unserem immerwährenden Wunsch, uns selbst zu befreien, und unserer ewigen Suche nach dem Sinn des Lebens.

In diesem Zusammenhang bezeichnet Anna Katharina Hahn die Literatur als Weg, nicht nur die Welt, sondern auch uns selbst zu entdecken – und zu befreien. Sie achte deshalb beim Schreiben eines Romans stets darauf, ausschließlich als Autorin zu fungieren, ohne zu werten oder eine politische oder geistige Haltung durchscheinen zu lassen. Stattdessen schildere sie lediglich die Ereignisse, wobei die Charaktere sich selbst und ihre Träume und Ängste beschreiben. Ob der Leser diese Charaktere sympathisch findet oder ob er ihr Handeln ablehnt, solle letztlich allein ihm selbst überlassen bleiben.

Literatur und Übersetzung

Über ihre Reise nach Kairo und den Vorbereitungen zu der arabischsprachigen Ausgabe von „Das Kleid meiner Mutter“ sagt Anna Katharina Hahn, sie sei gespannt gewesen, zu erfahren, was die Leser in Ägypten von ihrem Roman halten. Den Aufenthalt in Kairo betrachte sie als Glücksfall und sie sei dankbar, dass sie durch das Schreiben und das Übersetzen eine Stimme erhalten habe, die über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg vernehmbar werde. Sie wolle allen danken, die diesen Aufenthalt in Kairo möglich gemacht haben. Kairo sei eine beeindruckende, atemberaubende Stadt und sie komme sich teilweise vor, wie auf einer Reise durch verschiedene Zeitalter. Sehr glücklich sei sie auch über das Gespräch mit den beiden anderen Autorinnen und dem Publikum. Ein derart großes, aktives Interesse für Literatur, Kultur und weibliche Autorinnen habe sie nicht erwartet.

Sie habe, so Anna Katharina Hahn, einige Werke des verstorbenen Romanautors Nagib Mahfuz auf Deutsch gelesen und sei überglücklich, jetzt in Alt-Kairo Orte aufsuchen zu können, über die der ägyptische Literaturnobelpreisträger geschrieben habe. Sie wünsche sich, dass mehr zeitgenössische ägyptische Romane ins Deutsche oder Englische übersetzt werden, sodass sie noch mehr über die Kulturszene in Ägypten erfahren kann. Über den Vormarsch der politischen Rechten in Amerika und Europa, über die Rückkehr von Hass und Hetze und über die Möglichkeit, derartigen Tendenzen durch Kunst und Kultur entgegenzuwirken sagt Anna Katharina Hahn, dass in ihrem Roman „Das Kleid meiner Mutter“ die Frage nach unserer Vergangenheit eine zentrale Rolle spiele, ebenso die Frage nach dem Vermächtnis, das Europa aus den Verbrechen und dem Blutvergießen der beiden Weltkriege geblieben ist, die hauptsächlich das Resultat radikaler Gesinnungen waren. Als sie vor Jahren begonnen habe, diesen Roman zu schreiben, sei der Rechtsextremismus noch nicht so stark präsent gewesen. Entsprechend besorgt ist die Autorin jetzt angesichts der aktuellen Entwicklung. Sie verfüge jedoch über nichts als das Wort und die Literatur, um etwas dagegen zu tun. Europa und die Welt müssen wachsam sein, damit der Radikalismus nicht erneut überhand nimmt und wir nicht in noch mehr Mordtaten, Krieg, Hass und Gewalt verwickelt werden.

Anna Katharina Hahn wurde 1970 geboren. Sie studierte Anglistik, Germanistik und Volkskunde in Hamburg. Sie lebt und arbeitet heute in Stuttgart. Von ihr sind bereits zahlreiche Romane erschienen. Sie erhielt unter anderem den Literaturförderpreis der Stadt Hamburg (1999), den Clemens Brentano Preis (2005), den Roswitha-Preis (2010) und den Wolfgang-Koeppen-Preis (2012). Im Frühjahr 2017 soll die arabische Fassung ihres Romans Das Kleid meiner Mutter erscheinen. Unterstützt wurde die Übersetzung vom Litrix-Förderprogramm.
Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
März 2017

Übersetzung: Andreas Bünger

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@cairo.goethe.org

Links zum Thema

RSS-Feed

Abonnieren Sie unseren Feed, damit Sie immer über neue Beiträge informiert sind.