Verlagsszene Arabische Welt

Freischaffend als Illustrator arbeiten? Warum nicht?!

Foto: Sabine SeebalyJoanna El Mir | Foto: Sabine Seebaly
Joanna El Mir ist Leiterin des Lektorats für die Kinderbuch-Abteilung beim Verlag Samir Éditeur (Foto: Sabine Seebaly)

Nach ihrem Abschluss in Werbung an der Libanesischen Akademie der Feinen Künste ALBA arbeitete Joanna El Mir für drei Jahre in einer Werbeagentur. Bei Samir Éditeur startete sie als Art Director. Mittlerweile ist Joanna Leiterin des Lektorats für die Kinderbuch-Abteilung.

Joanna, Sie sind zu Samir Éditeur ursprünglich als künstlerische Leiterin gekommen. Was hat Sie dazu veranlasst, in den Lektoratsbereich zu wechseln?

Ich war schon immer sehr am Verlagswesen interessiert. Dieses Interesse hat sich nach einigen Jahren bei Samir Éditeur – ich war mittlerweile Prepress-Manager – noch verstärkt. Letztendlich aber gab der Gewinn des Young Creative Entrepreneur Awards des British Council im Jahr 2006 den Ausschlag: meinen Gewinn investierte ich in Fortbildungen bei britischen Verlagshäusern, vor allem im Lektorats- und Rechtsbereich. Für mich hat sich diese Investition wirklich gelohnt.

Sie arbeiten jetzt ja schon ein paar Jahre im Verlagswesen – finden Sie, dass sich die Szene geändert hat?

Im Bereich Kinderbücher auf jeden Fall – sowohl was die Qualität aber auch was die Auswahl angeht. Übrigens nicht nur in arabischer, sondern auch in übersetzter Literatur. In den letzten paar Jahren sind in der gesamten Region viele neue Kinderbuchverlage gegründet worden – innovative Ideen zu moderner arabischer Kinderliteratur haben den Markt grundlegend verändert. Auch im Bereich Übersetzen sehe ich ähnliche Tendenzen: noch vor 20 Jahren wurden wirklich nur bekannte Werke der kommerziell erfolgreichen Verlage übernommen. Mittlerweile findet man mehr und mehr Titel, die vielleicht schwieriger zu verkaufen, aber inhaltlich definitiv anspruchsvoller sind!

Buchcover © Verlag Samir Éditeur
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Wie sieht es denn mit Bilderbüchern aus – arbeiten Sie in diesem Bereich mit lokalen Illustratoren zusammen?

Auf jeden Fall! Zu Beginn war das echt schwierig, ich musste damals den Grafik Design- und Kunststudenten im wahrsten Sinne des Wortes hinterher­jagen. Jeder wollte in die Werbe­branche, Illustration von Kinder­büchern war nicht wirklich interessant. Aber die Zeiten haben sich auch hier geändert: es ist nicht mehr wie früher, als das Allerwichtigste eine feste Anstellung war. Mittlerweile sind die Absolventen aufgeschlossener: „Freischaffend als Illustrator arbeiten? Warum nicht?!“, denken sich viele.

Samir Éditeur produziert die meisten seiner Veröffentlichungen selber – sowohl auf Französisch als auch auf Arabisch, ergänzt von einigen ausgewählten Übersetzungen. Übersetzungen aus dem Deutschen habe ich leider nicht gefunden!

Zu Beginn bestand unser Kinderbuch-Programm in der Tat ausschließlich aus selbst produzierten Inhalten. Aber immer öfter dachten wir uns „Hm, dieses Buch könnte für den arabischen Markt wirklich interessant sein.“ Also haben wir dann angefangen, ganz gezielt Bücher aus dem Englischen und Französischen zu übersetzen. Übersetzen aus dem Deutschen ist aber schwierig. Bevor ich ein Buch überhaupt für eine Übersetzung in Betracht ziehe, muss ich mich intensiv damit beschäftigen – eine englische oder französische Zusammenfassung, wie es viele Verlage anbieten, reicht mir persönlich dafür nicht aus. Auf der anderen Seite können wir es uns als Verlag nicht leisten, Bücher vorab übersetzen zu lassen, um dann erst über die Qualität zu entscheiden.

Aber ich habe gute Nachrichten für Sie! Gerade bereiten wir die Veröffentlichung von Michael Ende’s Momo auf Arabisch vor. Ein Buch das mir persönlich sehr am Herzen liegt – und das wir natürlich vorab auf Englisch und Französisch lesen konnten.

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse | Foto: Alexander Heimann © Frankfurter Buchmesse

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse 2014 (Foto: Alexander Heimann © Frankfurter Buchmesse)

Joanna, Sie haben ein Verleger-Stipendium der Frankfurter Buchmesse 2014 bekommen. Was hat dieses Stipendium für Sie so attraktiv gemacht?

Ich wollte schon immer die Frankfurter Buchmesse besuchen, leider liegt diese zeitlich so nah an unserer französischen Buchmesse hier in Beirut, dass ich nie die Zeit fand. Als sich dann vergangenes Jahr die Ausschreibung speziell an Kinderbuch-Verleger richtete, dachte ich „Jetzt oder nie!“ Und ich bin tatsächlich aus mehr als 100 Bewerben ausgewählt worden.

Eine Ihrer Kolleginnen hat die deutsche Verlegerszene einmal mit der Auto-Produktion verglichen – extrem effizient und organisiert. Sehen Sie das genauso?

Ja und Nein. Auf der einen Seite arbeitet die Verlegerszene in Deutschland in der Tat sehr effizient und organisiert. Auf der anderen Seite denke ich aber nicht, dass das kulturelle Hintergründe hat – viel mehr sind die strukturellen Gegebenheiten einfach anders als im Libanon. In Deutschland – wie übrigens in vielen europäischen Ländern – gibt es große internationale Verlagshäuser mit entsprechend spezialisierten Mitarbeitern. Unsere Verlage im Libanon und der Region sind im Vergleich dazu klein. Wir brauchen also keine Spezialisten sondern viel eher Allrounder. Übrigens gibt es auch in Europa kleine, unabhängige Verlagshäuser mit wenigen Angestellten – die haben es aber nicht einfach!

Hm, gibt es denn dann Ihrer Meinung nach überhaupt Unterschiede zwischen dem deutschen und dem libanesischen Verlagswesen?

Doch, die gibt es. Was mich zum Beispiel total erstaunt hat sind die Unterschiede im Bilderbuchbereich! Ich konnte gar nicht glauben, wieviel Text deutsche Bilderbücher enthalten – übrigens nicht nur im Vergleich zu arabischen, sondern auch im Vergleich zu englischen und amerikanischen Kinderbüchern. Was mir so vorher nicht bewusst war, ist, dass es in Deutschland eine sehr viel stärker ausgeprägte Vorlesetradition gibt. Die Bilderbücher in Deutschland sind also viel weniger zum selber lesen als viel mehr zum Vorlesen designt.

Eine abschließende Frage: finden Sie, das Stipendium hat sich gelohnt?

Auf jeden Fall! Allein die Gelegenheit, sich mit deutschen Verlegern intensiv auszutauschen statt einfach nur deren Kataloge durchzublättern oder Web-Angebot zu studieren, möchte ich nicht missen. Abgesehen davon ist es natürlich toll, auch andere Stipendiaten aus der ganzen Welt kennenzulernen.

Joanna, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Ruth Hartmann
führte das Gespräch. Sie leitet die Informations- und Bibliotheksarbeit am Goethe-Institut Beirut.

Copyright: Goethe-Institut Libanon
März 2015

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Mail Symbolruth.hartmann@beirut.goethe.org

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