Verlagsszene Arabische Welt

Verjüngungskur für den ägyptischen Buchmarkt

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Facebook gibt die Richtung vor – bei den neu gegründeten Verlagen ist 80 Prozent der Leserschaft unter 23 Jahre alt.

Der Rap-Musiker Zap Tharwat ist zum Beispiel einer der vielen Nachwuchs­autoren, die die alten Hasen der ägyptischen Literaturszene von der Spitze der Bestsellerlisten verdrängt und auf dem ägyptischen Buchmarkt für Aufbruchsstimmung gesorgt haben. Rückendeckung erhielten sie dabei vor allen Dingen von Verlagen, die nach der Revolution vom Januar 2011 gegründet worden sind, nachdem die Kontrolle des Sicherheitsapparats und des regimetreuen Verlegerverbandes über die Branche deutlich nachgelassen hatte.

Der 22jährige Student Youssef Hassan hält sich mithilfe der sozialen Medien, allen voran Facebook, über seine Lieblingsautoren auf dem Laufenden. 95 Prozent der Informationen über Neuerscheinungen erhält der junge Mann und die Mehrzahl seiner Altersgenossen aus diesen Quellen. Die restlichen fünf Prozent sind Mundpropaganda. Was die Kritiker sagen fällt hingegen so gut wie gar nicht ins Gewicht.

Hany Abdullah, Gründer des Rewaq-Verlags, hat sich intensiv mit der Lage auf dem Buchmarkt beschäftigt. Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass bei den unbekannten Nachwuchsautoren etwa 80 Prozent der potenziellen Leser aus der Altersgruppe der unter 23jährigen kommen.

Der Rewaq-Verlag wurde 2011 gegründet und hat schwerpunktmäßig junge Autoren im Programm. Zahlreiche der dort erschienen Titel haben über einen längeren Zeitraum hinweg die Bestsellerlisten angeführt, zum Beispiel der Roman Hepta von Mohamed Sadek oder die Romane der Autorin Sherin Hnaey, deren allererste Titel mit großem Erfolg von Rewaq verlegt worden waren.

Hany Abdullah profitiert bei seiner Arbeit offenbar von seiner Erfahrung in der Branche, in der er schon lange Zeit vor der Revolution tätig war. Ein neues Buch müsse, seiner Ansicht nach, vor allem durch einen spannenden Titel, eine attraktive Aufmachung und eine zielgruppenorientierte Promotion in den „einschlägigen“ Medien von sich reden machen, um erfolgreich sein zu können.

Der Rewaq-Verlag arbeitet allerdings – in gewisser Hinsicht – noch mit althergebrachten Methoden. Die Autoren reichen dort ihre Manuskripte ein, die zunächst gründlich gelesen werden, bevor eine Entscheidung darüber getroffen wird, ob der Titel erscheinen soll oder nicht. Hany Abdullah sagt: „Täglich erreichen uns ein bis zwei Manuskripte von Autoren aus ganz verschiedenen Altersgruppen.“

Andere Verlage, wie der Dawen-Verlag, stöbern stattdessen lieber gezielt in den sozialen Medien nach jungen Talenten. Hier gilt das Motto: Je größer die Fangemeinde bei Facebook, desto größer die Chance, ins Verlagsprogramm aufgenommen zu werden. Gegründet wurde der Dawen-Verlag nur wenige Jahre vor der Revolution, infolge des Internetbooms, wie schon sein Name sagt, in dem auch das Wort „Blogging“ anklingt. Auch dieser Verlag konnte in den vergangenen Jahren mit einigen seiner Titel beachtliche Erfolge erzielen.

Nach Ansicht von Mustafa Soliman, Autor des 2012 erschienenen Romans Graffiti, habe die Verjüngungskur in der ägyptischen Literatur schon Jahre vor der Revolution ihren Anfang genommen, wenn auch nur schleichend, und zwar mit Alaa Al-Aswani und Ahmed Mourad, denen es noch zu Zeiten relativer Unbekanntheit gelungen war, Verlage davon zu überzeugen, dass sich ihre Werke gewinnbringend vermarkten lassen.

Alaa Al-Aswanis Roman Der Jakubijân-Bau, der 2002 im experimentier­freudigen Merit-Verlag erschien, fand dann auch tatsächlich reißenden Absatz, wodurch der Shorouk-Verlag, eines der größten Verlagshäuser Ägyptens, auf Al-Aswani aufmerksam wurde und die Rechte an dem Bestseller erwarb, um eine Auflage nach der anderen davon zu produzieren. Ähnlich verhielt es sich mit Ahmed Mourad, einem der derzeit meistverkauften ägyptischen Autoren, dessen Erstlingswerk Vertigo 2007 ebenfalls bei Merit erschien und der inzwischen ebenfalls zu Shorouk übergewechselt ist.

Facebook ist, nach Mustafa Solimans Ansicht, momentan die wichtigste Informationsquelle für junge Leser, die sich für aktuelle Entwicklungen in der Literaturszene interessieren. Er verweist auf diverse Groups mit entsprechend illustren Namen, die, seiner Meinung nach, ganz wesentlich dazu beitragen, dass die junge Leserschaft auf Neuerscheinungen aufmerksam wird.

Laut Zamzam Salah, Gründerin des Maqam-Verlags, der seit 2014 besteht, ist die Revolution eine der Hauptursachen für die veränderten Vorlieben bei der Leserschaft. Vor 2011 seien vor allem Bücher zum Thema Humanentwicklung hoch im Kurs gestanden, wohingegen nach der Revolution Bücher von jungen Autoren immer beliebter wurden, und zwar sowohl im Bereich Belletristik als auch bei den politischen Themen. Beim Maqam-Verlag sind inzwischen zahlreiche Bücher junger Autoren erschienen, die sich mit dem Islamismus auseinandersetzen und sich sehr gut verkauft haben.

Bevor sie ihren eigenen Verlag gründete, war die Verlegerin bereits fünf Jahre lang in der Branche tätig gewesen. Dies gilt auch für den 27jährigen Ahmed Saed, seines Zeichens Mitbegründer des seit zwei Jahren bestehenden Verlags Rabe3arabe. Der Name ist auch hier Programm – er bedeutet wörtlich „Arabischer Frühling“.

Die Neuausrichtung der Verlagsprogramme habe, nach Angaben von Zamzam Salah, wesentlich dazu beigetragen, dass die Zahl der Leser und das Interesse an Büchern in Ägypten zugenommen haben. Dies beweise auch der Ansturm der jungen Leser bei den diversen Signierstunden von bislang unbekannten Autoren auf der diesjährigen Internationalen Kairoer Buchmesse. Die Messe erhält großen Zulauf, vor allem von jungen Lesern. Einige junge Autoren, wie der Rapper Zap Tharwat oder der Dichter Mohamed Ibrahim haben dort mit ihren Erstlingswerken bzw. ihrem zweiten Buch gute Verkaufszahlen erzielt, obwohl sich die Kritiker in Zeitung und Internet in beiden Fällen eher bedeckt gehalten hatten.

Doch die jungen Verlage beschränken sich keineswegs nur auf junge Autoren. Beim Rabe3arabe-Verlag sind dieses Jahr zum Beispiel auch Altmeister wie Ibrahim Abdel Meguid neu aufgelegt worden oder diverse Übersetzungen. Andere Verlage haben die klassische Weltliteratur innerhalb und außerhalb der arabischen Länder neu für sich entdeckt. Im Maqam-Verlag sind wiederum etliche Bücher zu politischen Themen und Übersetzungen von zeitgenössischer deutscher Literatur erschienen.

Zamzam Salah bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Wir jungen Verleger beschränken uns nicht nur auf leichte Kost. Man wird mit uns rechnen müssen. Wir haben die ägyptische Bücherwelt auf den Kopf gestellt.“

Mohamed El-Baaly
ist Autor, Kulturmanager und Chef des Kairoer Verlagshauses Dar Sefsafa

Copyright: Goethe-Institut Kairo
November 2015

Übersetzung: Andreas Bünger

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