Verlagsszene Arabische Welt

Masse statt Klasse

© Mariam Alsaedi© Mariam Alsaedi
Mariam Alsaedi (© Mariam Alsaedi)

Das Dilemma der Literatur in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Ich spreche hier aus Erfahrung. Das erscheint mir naheliegend. Anfangs war es so, dass ich mich gar nicht als emiratische Schriftstellerin gesehen habe. Ich habe einfach drauflos geschrieben. Dass sich die ganze Sache etwas komplizierter gestaltet, wurde mir erst im Laufe der Zeit klar. Die Situation in den Emiraten ist anders als anderswo, weil sich aus der geografischen Lage und dem ganzen Drumherum in der momentanen Konstellation eine ganz spezielle Dynamik ergibt. Das musste ich aber erst lernen. Ursprünglich wollte ich nur einen Roman schreiben, einen wie die, die ich immer gern las und die mich tief berührt haben. Manchmal war ich so aufgewühlt von den durch und durch menschlichen Schicksalen, die Victor Hugos und Fjodor Dostojewskis Romanhelden widerfuhren, dass ich mich in eine stille Ecke zurückzog und weinte. Bei der Lektüre von Les Miserables oder anderen großen Romanen wurde mir allmählich klar, dass es noch mehr geben musste, als mein eigenes kleines Leben, dessen Verlauf schon festzustehen schien, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte. Also wollte ich Schriftstellerin werden und Bücher machen, nicht mehr und nicht weniger. So stellte ich mir das damals vor. Das waren natürlich erst nur Schulmädchenträume. Doch schon bald schrieb ich erste Kurzgeschichten, die auch prompt in der Zeitung erschienen, weil emiratische Autoren damals – zu meinem großen Glück – Mangelware waren. Dann kam das Internet und ich schrieb bald täglich neue Texte für irgendwelche Webseiten. Ein kleiner, noch im Aufbau befindlicher Verlag aus Ägypten wurde auf mich aufmerksam und schlug mir vor, ein paar meiner Geschichten als Buch herauszugeben. Mein zweites Buch entstand dann im Rahmen eines Förderprogramms für arabische Autoren in Dubai, da hatte ich als Bewerberin aus den Emiraten natürlich einen Heimvorteil. Mein drittes Buch wollte ich gerne von einem der namhaften arabischen Verlage herausgeben lassen, bei denen auch meine Lieblingsromane erschienen. Mit meinen Kurzgeschichten konnte ich dort allerdings niemanden überzeugen – man wollte Romane. Ich hatte aber noch keinen Stoff, der zu einem Roman taugte, also erschien mein dritter Kurzgeschichtenband bei einem erst kürzlich gegründeten Verlag in Saudi-Arabien, der sich noch in der Orientierungsphase befand. Macht nichts, sagte ich mir, da haben wir ja was gemeinsam.

„Emiratische Autoren schießen wie Pilze aus dem Boden“

Inzwischen hat sich die Lage etwas geändert. Emiratische Autoren schießen wie Pilze aus dem Boden, das Verlagswesen in der Region boomt. Mittlerweile können wir als Autoren unter unzähligen heimischen Verlagen auswählen. Das Problem ist nur, dass die Titel dieser Verlage leider auch bloß innerhalb der Landesgrenzen vertrieben werden. Nur in den seltensten Fällen verirrt sich mal ein Buch eines dieser Verlage ins Ausland, weil sie ausschließlich emiratische Autoren im Programm haben, die aber nicht dazu angetan sind, dem betreffenden Verlag das erwünschte Renommee im arabischsprachigen Ausland zu verschaffen. Soweit ich weiß, wird in keinem anderen Land der Welt Literatur so stark mit öffentlichen Geldern gefördert, wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Kunst und Kultur haben bei uns in den letzten Jahren einen enormen Stellenwert erhalten. Der Staat tritt als Schirmherr zahlreicher Projekte auf, darunter auch Förderprogramme für die Veröffentlichung und die Übersetzung emiratischer Autoren. Durch Projekte wie „Qalam“ (initiiert von der Abu Dhabi Authority for Culture & Heritage), „Uktub“ (initiiert von der Mohammed Bin Rashid-Stiftung in Dubai) und vergleichbare Initiativen, Schreibwettbewerbe oder Literaturfestivals soll emiratische Literatur international bekannter werden. Derartige Aktivitäten sind zwar in jüngster Zeit aus diversen Gründen etwas abgeflaut. Doch wer aus den Emiraten kommt und dort ein Buch veröffentlichen will, wird nach wie vor problemlos einen emiratischen Verlag für seinen Text finden. In den Buchhandlungen und den Medien wimmelt es weiterhin von emiratischen Autoren. Die Förderprogramme und der damit verbundene Anspruch, in Rekordzeit die Literaturproduktion im Land anzukurbeln, haben tatsächlich dafür gesorgt, dass die Quantität gestiegen ist, doch die Qualität blieb dabei vielfach auf der Strecke.

Quantität statt Qualität

Spätestens nach der großspurigen Ankündigung eines emiratischen Verlegers, er wolle einhundert emiratische Romantitel pro Jahr auf den Markt bringen, versteht man, dass die allgemeine Euphorie, bei der ästhetische Ansprüche offenbar nur eine untergeordnete Rolle spielen, viele dazu ermutigt hat, sich als Schriftsteller zu versuchen, auch wenn sie nicht unbedingt mit dem nötigen Talent gesegnet sind. Vor allem junge Menschen erliegen der Verlockung, schnell berühmt werden zu können, ohne die Mühen ernsthafter schriftstellerischer Arbeit auf sich nehmen zu müssen, was zwangsläufig zu Qualitätseinbußen führen muss. Dementsprechend erreichen viele der Titel, die inzwischen auf dem Markt sind, gerade mal Oberschul-Aufsatzniveau. In solchen Fällen von Kunst zu sprechen, käme einer Verhöhnung der wahren Romanliteratur gleich. Viele der so genannten Romanautoren haben nicht den geringsten Schimmer davon, was kreatives Talent bedeutet. Ein paar seichte Dialoge, Marke „Hallo, wie geht’s, wollen wir essen gehen?“, garniert mit ein, zwei billigen Effekten und einem schwulstigen Duktus – fertig ist der Roman. So scheint sich das zumindest manch einer der Nachwuchsautoren vorzustellen.

In atemberaubendem Tempo erscheinen ständig neue Namen auf den Buchdeckeln und in den Schaufenstern der Buchhandlungen, während die Zeitungen Interviews am laufenden Band drucken, in denen literarische Emporkömmlinge, ohne mit der Wimper zu zucken, ankündigen, dass ihr nächster Roman alles in den Schatten stellen werde, was die arabische Literatur bislang hervorgebracht hat. Vom Rampenlicht geblendet, vergessen die frisch gebackenen Autoren in ihrer Selbstherrlichkeit mitunter, dass ein guter Schriftsteller nicht nur die rudimentärsten Regeln der arabischen Sprache beherrschen, sondern vor allem auch eine gehörige Portion Lebenserfahrung mitbringen sollte. Doch wer von diesen jungen Leuten kann das schon von sich behaupten? Weil es so leicht geworden ist, etwas Geschriebenes zu veröffentlichen, sind inzwischen so viele oberflächliche Peinlichkeiten in Umlauf, dass Kenner aus dem Ausland mit Sicherheit kein gutes Bild von der Literaturszene in den Emiraten haben. Zumal sich die wirklich guten Autoren, aus Frust oder teilweise vielleicht auch aus Protest, nach und nach zurückziehen. Kritische Töne sind hierzulande jedoch nicht zu hören, im Gegenteil. Die meisten Jungautoren stehen bei ihren Studienkollegen und Facebookfreunden ganz hoch im Kurs. Überhaupt haben die sozialen Medien ganz massiv zum derzeitigen Literatur-Hype in den Emiraten beigetragen. Autoren gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Nach guter Literatur muss man hingegen lange suchen.

Notwendigkeit zur kritischen Selbstreflektion

Es mag Ausnahmen geben, aber die meisten Verlage im arabischsprachigen Raum sind chronisch knapp bei Kasse, weshalb emiratische Autoren, die in der Regel bereit sind, die Produktionskosten selbst zu tragen, normalerweise problemlos einen Verlag für ihre Romane finden. Leider mangelt es uns emiratischen Schriftstellern aber bisher an der Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion. Weil wir uns nicht ernsthaft mit der Rolle befassen, die die Lebenserfahrung eines Autors spielt, findet in dieser Hinsicht auch nicht der nötige Reifungsprozess statt. Wir sind so sehr vom Erfolg bei uns daheim eingelullt, dass wir es schlichtweg nicht als notwendig erachten, an uns zu arbeiten. Deshalb sind wir nach wie vor nicht in der Lage, uns in unserer wahren Größe zu präsentieren, ohne uns mit fremden Federn zu schmücken. Wir stecken in einer Zwickmühle. Einerseits ist es unglaublich leicht, etwas zu veröffentlichen, andererseits ziehen sich die wirklich guten Autoren mehr und mehr zurück. Einerseits werden wir im Inland alle in den höchsten Tönen gelobt, andererseits werden wir deshalb im Ausland auch alle über einen Kamm geschoren. Mehr als zwei Möglichkeiten bleiben da nicht offen: Entweder produzieren bis zum Abwinken oder stillschweigend in der Versenkung verschwinden. Wer meint, es reiche, sich ausnahmslos als Schriftsteller zu definieren, dem fehlt der nötige Abstand, um sich weiterzuentwickeln. Ohne die nötige Ehrfurcht vor der Lebenserfahrung als kraftvoller Essenz des kreativen Schaffens wird ein Autor nicht begreifen, dass Literatur nicht auf dem Reißbrett entsteht, sondern durch persönliche, leidvolle Erfahrungen und den mutigen Entschluss, den steinigen Weg der Schriftstellerei notfalls auch im Alleingang zu beschreiten. Wir müssen deshalb aufhören, unsere Erfolge zu überschätzen, die wir letztlich nur einer intensiven staatlichen Förderung zu verdanken haben und eifrigen Feuilleton-Journalisten, die sich, aus Angst um ihre Existenz, in nicht enden wollenden Lobhudeleien ergehen und auf diese Weise – wissentlich oder unwissentlich – dazu beigetragen haben, dass unsere angeblich so blühende Kulturszene in Wirklichkeit nicht mehr ist, als eine riesige Seifenblase, die bei kritischer Betrachtung sofort platzen wird.

Mariam Alsaedi

Erschienen am 05.09.2015 im Literaturmagazin „Akhbar Al-Adab“

Übersetzung: Andreas Bünger

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolonline-redaktion@cairo.goethe.org

Links zum Thema

kutub:na

Neue Bücher für die arabische Welt

RSS-Feed

Abonnieren Sie unseren Feed, damit Sie immer über neue Beiträge informiert sind.