Verlagsszene Arabische Welt

Die Revolution als Inspiration für gute Bücher

Foto: Public Domain (CC0 1.0)Junge beim Lesen | Foto: Public Domain (CC0 1.0)
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Verleger müssen stets optimistisch bleiben, sagt Balsam Saad, Gründerin und Chefin des ägyptischen Kinder- und Jugendbuchverlags Al Balsam. Etwas bewegen – darin sieht sie ihre Rolle als nützliches Mitglied der Gesellschaft und als Verlegerin.

Arabische Kinderbücher mit qualitativ hochwertigen Inhalten und Produkteigenschaften anbieten zu können war Balsam Saads Ziel, als sie 2005 den Al Balsam-Verlag gründete. 2010 kam dann die gleichnamige Verlagsbuchhandlung hinzu. Nur wenige Monate später fanden in Tunesien die ersten Demonstrationen statt, die zur Initialzündung für den Arabischen Frühling wurden.

In den Jahren zuvor, erzählt Balsam Saad, hatte es diverse staatliche Projekte zur Bereicherung der Buchbranche in den arabischen Ländern gegeben. Einige dieser Projekte, die teilweise noch heute existieren, hatten tatsächlich positive Auswirkungen, wie etwa das Maktabat al-Usra-Projekt (arabisch, wörtlich: ‚Die Familienbibliothek‘), durch das auch in abgelegenen Gebieten ohne entsprechende Infrastruktur Bücher erhältlich sind.

Stürmische Jahre

Diverse Projekte, die mit Kultur und Büchern zu tun hatten, kamen jedoch in Ägypten und anderen arabischen Staaten zum Erliegen, als die Phase ständiger Führungswechsel einsetzte, in der so manches Regime gestürzt wurde und permanent Korruptionsverdächtigungen kursierten.

Was als frische Frühlingsbrise begonnen hatte, entwickelte sich alsbald zum Orkan, der die gesamte Region erbeben ließ und mancherorts in blutigem Chaos und Bürgerkrieg endete. Der Al Balsam-Verlag überstand diese schwere Zeit nicht nur mehr oder minder unbeschadet, er festigte sogar seine Position und wurde 2015 in die Shortlist der Kinderbuchmesse in Bologna für den Preis als bester afrikanischer Kinderbuchverlag aufgenommen. Im selben Jahr gewann das bei Al Balsam erschienene Buch al-ḫurūğ mina l-fuqāca (arabisch, sinngemäß: ‚Raus aus der Blase‘) den Kinderbuchpreis der staatlichen emiratischen Gesellschaft für Telekommunikation Etisalat.

Natürlich seien die verschiedenen, mehr oder weniger turbulenten Phasen des Arabischen Frühlings an den Verkaufszahlen nicht spurlos vorübergegangen, so die Verlegerin, und zwar in verschiedenerlei Hinsicht. Unmittelbar nach Ausbruch der Revolution zeigten die Ägypter ein reges Interesse an Büchern und ganz allgemein einen großen Wissensdurst. Bei Veranstaltungen platzte die Verlagsbuchhandlung aus allen Nähten. Auf den arabischen Buchmessen wurden ägyptische Verleger mit offenen Armen empfangen. Man interessierte sich einfach generell für die Revolution in Ägypten.

Am 25. Januar 2011 waren in Ägypten Massenproteste ausgebrochen, die bereits im Februar desselben Jahres zum Sturz des damaligen Staatspräsidenten Hosni Mubarak führten. Der 25. Januar wird in Ägypten inzwischen als Jahrestag der Revolution gefeiert.

Als die Unruhen in Ägypten dann nach einer Weile wieder aufflammten, seien die Verkaufszahlen, nach Angaben von Balsam Saad, wieder zurückgegangen. Einige staatliche Projekte schliefen ein. Das Verlagswesen stagnierte, die Verlage mussten sich etwas einfallen lassen. Zum Glück hatte der Arabische Frühling große Hoffnungen freigesetzt, und das wirkte auf viele Teile der Branche belebend. Neue Verlage wurden gegründet. Die Bücherwelt wurde vielfältiger und bunter.

Vom Frühling inspiriert

Viele Bücher, die in den letzten fünf Jahren bei Al Balsam erschienen sind, seien von der ägyptischen Revolution und vom Arabischen Frühling inspiriert gewesen, sagt die Chefin des Verlags. Eine Buchreihe mit dem Titel min dākirati ‘arḍ wa-nahr (arabisch, sinngemäß: ‚Aufzeichnungen von Land und Fluss‘) behandelt die bedeutenden Kulturen, die weltweit an den Ufern großer Flüsse entstanden sind. Man könne aus diesen Büchern viel über das Leben und die Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen erfahren, sagt Balsam Saad. Es gehe dabei vor allem um Toleranz gegenüber anderen. Nach Ansicht der Verlegerin sei es höchste Zeit, dass diese Tugend auch in der ägyptischen Gesellschaft Einzug halte.

Die Inspiration, die von der ägyptischen Revolution ausging, resultierte unter anderem auch in dem Wunsch, dass ägyptische Jugendliche mehr über ihr Land erfahren, ergänzt Balsam Saad. Aus diesem Wunsch heraus ist ein Buch entstanden, das den Titel sana fī Qina (arabisch, wörtlich: ‚Ein Jahr in Qina‘) trägt und in die Shortlist für den Etisalat-Kinderbuchpreis 2014 aufgenommen wurde.

Balsam Saad war zwar während der Revolution in Ägypten an einigen Aktionen beteiligt, sie würde sich selbst aber niemals als politische Aktivistin bezeichnen. Ein Verleger solle, nach ihren Worten, vor allem Bücher produzieren, die zur Lösung der Probleme in der Gesellschaft beitragen können.

Im Al Balsam-Verlag sind diverse Titel zu politischen und sozialen Themen erschienen, zum Beispiel 2015 das Buch fāqidu l-ḥubb … yucṭīhi (arabisch, sinngemäß: ‚Liebe vermissen … und doch schenken‘) über Obdachlosigkeit und Straßenkinder.

Entwicklungen im Verlagswesen

Die Entwicklungen im Al Balsam-Verlag könne man, laut Balsam Saad, als Teil der Gesamtentwicklung in der Branche betrachten. Derartige Entwicklungen gebe es in jeder Firma. Nur so könne man auf dem Markt überleben.

Eine weitere Entwicklung bestehe zum Beispiel darin, dass der Verlag vom ursprünglich reinen Kinderbuchverlag zum Kinder- und Jugendbuchverlag geworden sei. Dies belegen die bereits erwähnten Bücher, aber auch diverse andere Titel, die wissenschaftliche Themen leicht verständlich aufbereiten. In dieser Rubrik weist Balsam Saad vor allem auf die arabischen Übersetzungen der deutschen Bücher Café Andromeda und Die wichtigsten Erfindungen der Menschheit hin.

Abschließend zitiert Balsam Saad aus den Kurzhinweisen zum Verlag und seinem Programm: „Unsere Bücher sollen der nächsten Generation als Quelle der Inspiration, der Hoffnung und des Wissens dienen.“ Oberstes Ziel sei es beim Al Balsam-Verlag, so Balsam Saad weiter, dazu beizutragen, dass unsere Kinder einer strahlenden Zukunft in einer besseren Welt entgegenblicken können: „Darum tun wir alles, was in unserer Macht steht, um die Kinder und Jugendlichen dazu zu ermutigen, jene Kräfte zu entdecken, die in ihnen selbst schlummern, damit sie eines Tages die Wegweiser sein können, die unsere Gesellschaft auf dem Weg zum erhofften Wandel leiten.“

Mohamed El-Baaly
ist Autor, Kulturmanager und Chef des Kairoer Verlagshauses Dar Sefsafa.

Copyright: Goethe-Institut
Juni 2016

Übersetzung: Andreas Bünger

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