Verlagsszene Arabische Welt

Mutiges Verlagsprojekt in drei Hauptstädten

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Das Verlagshaus Dar Al-Tanweer ist einer der größten Verlage im arabischsprachigen Raum. Seine Geschichte beginnt mit der Verlags­gründung Mitte der 1970er Jahre in Beirut. Von Beginn an verfolgte der Verlag das ehrgeizige Konzept, neben arabisch­sprachiger Roman­literatur auch bislang noch unübersetzte Texte von europä­ischen Denkern und Philosophen auf Arabisch zu veröffentlichen.

Während der vergangenen dreißig Jahre sind beim Tanweer-Verlag Hunderte hervorragender Bücher erschienen, so zum Beispiel das gesamte Werk von Hegel oder Spinoza auf Arabisch, aber auch zahlreiche Titel aus den Bereichen Politik- und Gesellschaftswissenschaft, Literatur und Literaturwissenschaft, zeitgenössische Islamwissenschaft, Genderforschung etc.

Vom Konkurs zur Expansion

Obwohl der Tanweer-Verlag, wegen seines abwechslungsreichen Verlags­programms, als feste Größe in der arabischen Verlagslandschaft galt, erlebte er immer wieder schwere Krisen, sodass er schließlich Insolvenz anmelden und die Arbeit einstellen musste. 2012 taten sich die drei Verleger Hassan Yaghi aus dem Libanon, Sherif Rizk aus Ägypten und Nouri Abid aus Tunesien zusammen, um den angeschlagenen Tanweer-Verlag zu kaufen. Sherif Rizk, Regionalleiter in Ägypten, erinnert sich: „Tanweer ist ein alteingesessener, namhafter Verlag. Er hat viele wichtige Titel im Programm, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Zahlreiche Tanweer-Ausgaben wurden bereits mehrfach aufgelegt und stehen teilweise seit dreißig Jahren für Qualität – anders als die neuerdings in Umlauf befindlichen Billigausgaben und Eintagsfliegen anderer Verlage. Es reizte uns deshalb, in den Tanweer-Verlag zu investieren und ihn wieder ins Geschäft zu bringen.“

„Wir haben“, so Sherif Rizq weiter, „ ein neues Verlagskonzept entworfen, das zu allen drei Ländern, in denen wir arbeiten, passt, also sowohl zum Libanon als auch zu Ägypten und Tunesien. Wir waren uns darin einig, dass der Verlag seine Identität behalten sollte und konzentrierten uns weiterhin schwer­punkt­mäßig auf den Bereich philosophische Übersetzungen. Wir nahmen aber auch Übersetzungen von Fachbüchern für Laien neu ins Programm auf, wobei unser besonderes Augenmerk der arabischsprachigen Literatur und Literaturkritik galt. Tatsächlich sind bei uns schon etliche Romane und literaturkritische Titel erschienen. So haben wir beispielsweise schon die Rechte für sämtliche Werke des großen Schriftstellers und Kritikers Edwar al-Charrat erworben.

Vielfalt und Unterschiedlichkeit

Dadurch, dass die wirtschaftliche und soziale Lage in den arabischen Staaten angespannt ist, Gemeinschaftsprojekte eher unüblich sind und Verleger in jedem arabischen Land andere Regeln beachten müssen, wurde das länder­über­greifende Verlagsprojekt mit drei verschiedenen Standorten zum wagemutigen Vorstoß ins Unbekannte.

Man habe darauf spekuliert, so Sherif Rizk, dass Vielfalt und Unterschied­lich­keit für das Gemeinschaftsprojekt eher förderlich als hinderlich sein werden. Das Geschäftsmodell sieht deshalb für jede der drei Regional­vertretungen des Verlags ein großes Maß an Unabhängigkeit bei der Auswahl von Texten auf Arabisch vor. Bei Texten, die ins Arabische übersetzt werden sollen, ist den Haupt­verant­wort­lichen hingegen ein Konsens wichtig. Die drei treffen sich ein Mal im Jahr, um das Verlagskonzept zu erörtern und den Markt zu analysieren. Darüber hinaus stehen sie ständig in Kontakt, um sich gegenseitig auszutauschen.

Über die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Verlagswesen in Ägypten, im Libanon und in Tunesien sagt Sherif Rizk: „Ägypten ist mit seinen 90 Millionen Einwohnern natürlich ein riesiger Markt, auch wenn die Hälfte davon Analpha­beten sind und unter der Armutsgrenze leben. Große Teile der Gesellschaft interessieren sich aber durchaus fürs Lesen. Dennoch stößt man bei der Vermarktung von Büchern in Ägypten auf große Probleme, angefangen von Schwierigkeiten bei der Auslieferung, über die Inflation, bis hin zu den Auflagen für Verkauf und Logistik. Tunesien ist dagegen nur ein vergleichs­weise kleiner Markt, aber es gibt dort außerordentlich viele Intellektuelle und Übersetzer. Entsprechend sorgfältig werden die Werke dort ausgewählt. 2015 erhielt der bei Tanweer in Tunesien erschienene Roman aṭ-ṭalyānī (arabisch, wörtlich: ‚Der Italiener‘) von Shukri Mabkhout den Arabischen Booker-Preis. Der Libanon wiederum gilt als wichtige richtungs­weisender Dreh- und Angelpunkt für die gesamte arabische Verlagsindustrie.“

Klare Richtlinien

Eine der wichtigsten Grundlagen für Erfolg und Kontinuität im Verlagswesen sind klare Richtlinien, nach denen die eingereichten Manuskripte aussortiert werden. Über die Richtlinien des Tanweer-Verlags sagt Sherif Rizk: „Bei uns sind zwei Aspekte maßgeblich. Zum einen legen wir bei belletristischen Titeln auf die literarische und ästhetische Qualität großen Wert, bei Fachbüchern auf einen guten Stil und einen hohen Grad an Wissenschaftlichkeit. Zum anderen ziehen wir die zu erwartenden Verkaufszahlen in Betracht. Da machten sich in den letzten vier Jahren ein paar Unwägbarkeiten bemerkbar. Die Idee, Comics zu verlegen, fanden wir zum Beispiel große Klasse. Wir rechneten mit gewaltigen Umsätzen durch das Comic-Geschäft, die jedoch ausblieben. Dann gab es wiederum Bücher, bei denen wir lange hin und her überlegt haben, ob sich die enormen Kosten für den Erwerb der Rechte und die Produktion wirklich lohnen. Der große Entwurf von den beiden Physikern Stephen Hawking und Leonard Mlodinow war so ein Fall. Keiner hatte erwartet, dass das so ein Verkaufsschlager werden würde.“

Auch für das Lektorat gelten im Tanweer-Verlag bestimmte Regeln: „Jede der drei Regionalvertretungen hat einen Verlagslektor, der die Texte auf deren stilistische und strukturelle Konsistenz überprüft, aber auch auf die Qualität der grafischen und typografischen Gestaltung. Anschließend folgt ein Korrektur­gang bei einem der Korrekturleser, die wir unter Vertrag haben. Er prüft den Text auf sprachliche Richtigkeit und Eindeutigkeit.“

Über die Zukunftspläne der drei Verleger sagt Sherif Rizk, dass man das Angebot bei den übersetzten Fachbüchern für Laien erweitern wolle, aber auch das Angebot an übersetzten Titeln in den Bereichen, die bei Tanweer traditions­gemäß eine wichtige Rolle spielen, wie etwa die Romanliteratur, die Geisteswissenschaften und die Philosophie.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Juli 2016

Übersetzung: Andreas Bünger

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