Verlagsszene Arabische Welt

Der literarische Lektor als Mitwirkender, nicht als Korrektor

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Hassan Yaghi zählt zu den namhaften Verlegern im arabisch­sprachigen Raum, die das dortige Verlagswesen in den letzten 40 Jahren entscheidend gestaltet haben. Er begann seine Karriere 1984 beim Verlag Dar Al-Tanweer, beteiligte sich ab 1987 an Gründung und Leitung des Markaz Thakafi Arabi-Verlags in Beirut und kehrte dann 2012 zu Dar Al-Tanweer zurück, um gemeinsam mit mehreren Freunden in Beirut, Ägypten und Tunesien dem renommierten Verlagshaus wieder neues Leben einzuhauchen, nachdem dieses lange Zeit nicht in der Branche präsent gewesen war.

Im folgenden Interview erzählt er Islam Anwar über seine langen Dienstjahre im Verlagswesen und über seine Ansicht zur Tätigkeit des Lektors in Verlagen im arabischsprachigen Raum.

Literarische Lektoren gibt es im arabischen Verlagswesen noch gar nicht so lange. Wie sieht denn deren Tätigkeit bei international renommierten Verlagen aus? Und inwieweit arbeiten Sie beim Verlag Dar Al-Tanweer nach denselben Prinzipien?

Weltweit haben Verlage einen Kader von Mitarbeitern, die auf das Lektorat spezialisiert sind und von Beginn des Schaffensprozesses an mit den Autoren zusammenarbeiten, um deren Werke gemeinsam mit ihnen zu produzieren. Ein bekannter Autor stellt also eine Idee vor, man schließt einen Vertrag ab und dann beginnt die Arbeit. In den arabischen Ländern gibt es so etwas überhaupt nicht. Dort liest lediglich jemand das Manuskript, um anschließend einer Veröffentlichung zuzustimmen oder höflich abzulehnen. Eine Kooperation zwischen Lektor und Autor findet so gut wie nie statt. Beim Verlag Dar Al-Tanweer pflegen wir so ein Verhältnis mit einigen unserer Autoren, nicht mit allen.

Welche Qualifikationen sollte man denn für das literarische Lektorat mitbringen? Wie sieht es zum Beispiel bei Ihnen persönlich mit der Ausbildung und der Berufserfahrung aus?

Ich weiß nicht, ob es diese Fachrichtung irgendwo auf der Welt an einer Universität gibt, aber ich weiß, dass es sie bei uns nicht gibt. Der literarische Lektor muss sich in vielen Themenbereichen gut auskennen, im Laufe der Zeit eignet er sich das entsprechende Wissen über kulturelle Belange, über den Markt und über den Geschmack potenzieller Leser an. Ich selbst verfüge zum Beispiel nur über meine Erfahrung, die aus einer seit vierzig Jahren anhaltenden Passion für das Leben mit Büchern resultiert, von denen ich wiederum über 30 Jahre lang in der Branche tätig war. Zeugnisse kann ich keine vorweisen, nur meine Erfahrung und meine Leidenschaft.

Sie arbeiten seit Jahrzehnten im Verlagswesen. Was sind die wichtigsten Veränderungen, die sich in dieser Zeit ereignet haben?

Am wichtigsten ist die Tatsache, dass es inzwischen ein Vielfaches an Autoren gibt, selbst wenn es sich bei Neuerscheinungen auf Arabisch nach wie vor fast nur um Dissertationen, Artikelsammlungen, Bücher mit Bezug zum kulturellen Erbe oder Neuauflagen von Klassikern handelt. Nur selten werden neuartige Studien oder Denkansätze vorgelegt.

Sie hatten ja ständig Kontakt mit Schriftstellern und mit literarischen Texten. Haben Sie da nicht irgendwann mal selbst mit dem Gedanken gespielt, Schriftsteller zu werden?

Das ist eine Hoffnung, die noch darauf wartet, erfüllt zu werden, aber das ist schwierig und die Arbeit als Verleger nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Außerdem bin ich ja derjenige, der die Texte liest und entscheidet, ob sie veröffentlicht werden sollten, da hätte ich einen enormen Respekt vor jedem von mir verfassten Text, wenn ich mich selbst beurteilen müsste.

Ihre Tätigkeit ist anstrengend und mit einiger Verantwortung verbunden. Worin besteht der Reiz für den literarischen Lektor, der doch immer ein Schattendasein führt?

Das Leben mit Büchern und Texten ist ein großer Anreiz. Ich habe nicht das Gefühl, im Schatten zu stehen, sondern mittendrin in einem Leben, das ich liebe.

Wie geht man im Verlag Dar Al-Tanweer bei der Veröffentlichung eines Buches vor? Und wie werden die Texte ausgewählt?

Der Prozess ist kompliziert, denn er hat viele Facetten. Zunächst wird der Text auf Sprache und Inhalt geprüft, aber auch auf sein innovatives und kreatives Potenzial, dann auf seine Vermarktbarkeit und die zu erwartende Resonanz bei den Lesern. Die Aufgabe des Lektors besteht nicht darin, für sprachliche Perfektion zu sorgen, er soll vielmehr einen ganzheitlichen Blick auf verschiedene Aspekte des Textes werfen, den er vor sich liegen hat, und auf den Markt. Ferner muss er, aufgrund der entsprechenden Erfahrung, einen sicheren Geschmack haben. Allerdings gestattet ihm diese unbedingt erforderliche Sicherheit nicht, sich bei der Beurteilung über andere Faktoren hinwegzusetzen und den Fehler zu begehen, Texte abzulehnen, die man nicht ablehnen sollte. Die Ratlosigkeit, was ich mit einem Text machen soll, wenn ich eine Entscheidung über ihn fällen muss, bereitet mir immer große Bauchschmerzen.

Gehen Sie beim Lektorat von Fachbüchern oder Übersetzungen anders vor als bei Literatur bzw. Büchern auf Arabisch? Was sind die größten Probleme, mit denen ein Lektor im arabischsprachigen Raum zu kämpfen hat?

Natürlich geht man mit einem Fachtext anders um als mit einer Studie oder einem Roman. Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass niemand begreift, was ein Lektor leistet. In Büchern aus dem Ausland findet man häufig eine Danksagung an den Lektor, was in arabischsprachigen Büchern äußerst selten vorkommt. Das zeugt von mangelndem Vertrauen oder nicht vorhandener Akzeptanz bzw. der fehlenden Bereitschaft, sich einzugestehen, dass das vom Autor vorgelegte Manuskript Defizite aufweisen könnte.

Viele Verlage rechtfertigen den Verzicht auf ein literarisches Lektorat mit den immensen Kosten, die dadurch entstehen könnten. Stimmen Sie dem zu?

Es stimmt, dass vor allem aus Kostengründen auf den Lektor verzichtet wird, aber nicht, weil der Lektor Unsummen verschlingen würde, sondern weil bei Büchern im arabischsprachigen Raum knapp kalkuliert werden muss und viele Verleger vermeintlich unnötige Ausgaben generell scheuen.

Wie schätzen Sie das arabische Verlagswesen ein? Und was brauchen wir am dringendsten, um das Verlagswesen auszubauen?

Das Verlagswesen im arabischsprachigen Raum ist nicht gut aufgestellt, überhaupt nicht gut. Wie kann ein Sektor wachsen, der 300 Millionen Menschen erreichen soll, während von jedem Buch durchschnittlich nur 1000 Exemplare gedruckt werden? Das führt doch zu relativ hohen Produktionskosten und entsprechend hohen Preisen für Bücher. Was wir brauchen, ist eine ganze Menge, aber vor allem möchte ich darauf hinweisen, dass ganz dringend Gesetze erforderlich sind, die Produktpiraterie und Raubdrucke verhindern. Das ist das große Problem und muss als eine regelrechte Krise des Verlagssektors angesehen werden. Wenn ein Verleger die Rechte für einen Titel erwirbt, Übersetzung, Korrektur und Publikation bezahlt, bevor er es drucken lässt, und dann kommt einer und klaut das fertige Produkt, um es als Raubkopie in Umlauf zu bringen, wird sich immer ein Abnehmer finden, der den vom Verleger des Originals aufgerufenen Preis gierig und unverschämt findet. Doch wie wird der Verleger für den Aufwand entschädigt, den er betrieben hat? Irgendwann wird das Verlagswesen zugrunde gehen, weil jeder Verleger, aufgrund gewaltiger Verluste keine guten Bücher mehr verlegen will, bei denen er damit rechnen muss, dass sie der Produktpiraterie zum Opfer fallen.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
April 2017

Übersetzung: Andreas Bünger

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