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Neue Herausforderungen für ägyptische Verlage

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Die Verlage in Ägypten sehen sich in jüngster Zeit auf verschiedenen Ebenen mit großen Schwierig­keiten und Herausforderungen konfrontiert. Die erste Herausforderung hängt mit der Wirtschafts­krise und der Tatsache zusammen, dass das Ägyptische Pfund über 80 Prozent an Wert verloren hat, was zu einer Verdoppelung der Druck- und Produktionskosten bei Print-Titeln sowie zu einem Rückgang der Kaufkraft der Ägypter geführt hat. Die zweite Herausforderung besteht in der Geschwindigkeit, mit der sich der Geschmack der Leser ändert, wodurch sich nur schwer voraussagen lässt, welche Art von Büchern den größten Anklang finden, zumal zuverlässige Informationen über die Menge der gedruckten Titel und über die Verkaufszahlen nur schwer erhältlich sind. Die dritte Herausforderung entsteht durch die zum halben Preis auf der Straße angebotenen Raubdrucke.

Angesichts dieser Herausforderungen versuchen die Verlage, diverse neue Lösungen zu finden, um aus dem Dilemma herauszukommen. Einige Verlage wollen sich aufs E-Publishing verlegen, andere streben auf den arabischen und internationalen Markt, wieder andere bemühen sich um eine Kooperation mit Forschungs- und Förderprojekten. In diesem Kontext arbeiten alle Verlage an einer Umstrukturierung ihrer Planung, ihres Verlagsprogramms, ihres Angebotsspektrums, ihrer Auflagenzahlen und ihres Pools an aussichtsreichen Autoren.

E-Publishing

Der Sama-Verlag existiert erst seit fünf Jahren und ist damit eines der jüngsten ägyptischen Verlagshäuser. Sein Chef, Ali Abdel Moneim, sagt: „Trotz der enormen Herausforderungen für die Verlagsbranche gibt es auch Chancen. In den letzten zehn Monaten hat der Verlag seine Planung und seine Projekte weitgehend neu gestaltet. Der Fokus liegt jetzt auf zwei Kern­bereichen, nämlich auf der Erschließung neuer Märkte und auf dem schwerpunktmäßigen Ausbau des E-Publishings. Wir haben mit mehreren Internetplattformen Verträge abgeschlossen, die in diesem Bereich tätig sind, wie etwa Google Play, Jarir oder Kotobi von Vodafone. In den letzten zwei Jahren haben sich die Verkaufszahlen bei den E-Books verdoppelt, doch im Vergleich zu den Print-Titeln ist der Zuwachs nur begrenzt. E-Books machen nach wie vor nur fünf Prozent unseres Gesamtumsatzes aus.“

Ali Abdel Moneim weist jedoch darauf hin, dass das E-Publishing, angesichts seiner rasanten Entwicklung, einer der Bereiche ist, auf den der Verlag in naher Zukunft verstärkt setzen wird, ebenso wie auf Hörbücher. Man habe auch hier Verträge mit entsprechenden Firmen abgeschlossen, beispielsweise mit Kitab Sawti, Booklava oder Dhad. Das stelle eine echte Alternative dar, weil die Risiken geringer sind als bei den Print-Produkten. Man habe in den vergangenen fünf Jahren im Verlag darauf geachtet, dass der durchschnittliche Buchpreis bei 30 Pfund liegt. Nachdem der Wert des Ägyptischen Pfunds um mehr als die Hälfte nachgelassen und sich die Druckkosten verdoppelt haben, müsste der Durchschnittspreis inzwischen über 65 Pfund betragen, was jedoch für die jungen Leser, die die Hauptzielgruppe des Verlags darstellen, eine Menge Geld wäre. Deshalb versuche man, die Gewinnspanne zu reduzieren und einen Durchschnittspreis von 45 Pfund zu halten, um keinen Einbruch bei den Verkaufszahlen zu erleben.

Neue Märkte

Die Rezession auf dem heimischen Markt und der Rückgang der Kaufkraft treibt viele ägyptische Verlage dazu, durch eine Zusammenarbeit mit Autoren aus anderen arabischen Staaten oder durch das Eröffnen von Vertretungen in diesen Staaten die dortigen Leser auf sich aufmerksam zu machen und sich den dortigen Markt zu erschließen. Zu den wichtigsten Verlagen, die diese Strategie verfolgen, gehört der Rwafead-Verlag, der sich in Richtung Maghrebstaaten orientiert, sowie der Awraaq-Verlag, der sich auf sudanesische Autoren spezialisiert hat, oder der Elain-Verlag, der schon von Beginn an Autoren aus diversen arabischen Ländern im Programm hatte und mit zahlreichen verschiedenen Literaten und Intellektuellen aus der Region zusammenarbeitet, während der Tanweer-Verlag, eines der größten Verlagshäuser im arabischsprachigen Raum, sowohl auf dem ägyptischen als auch auf dem tunesischen und libanesischen Markt vertreten ist.

Sherif Rizk, Chef von Tanweer in Kairo, erklärt, dass der Verlag einen optimalen Radius habe und mit maximaler Flexibilität auf eventuelle Unwägbarkeiten reagieren könne, weil er in drei Ländern arbeitet: „Ägypten ist ein großer und wichtiger Markt, aber er wird von vielen Krisen heimgesucht, wie etwa von Raubkopien, vom Währungsverfall oder vom Fehlen fester Regeln für Verkauf und Vertrieb. Tunesien ist ein vergleichsweise kleiner Markt, aber es gibt dort sehr viele Intellektuelle. Der Libanon ist wiederum ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt des Verlagswesens.“ Sherif Rizk weist ferner darauf hin, dass der Tanweer-Verlag, wegen des starken Wandels bei den Vorlieben der Leser, in mehr Vielfalt investiert hat, insbesondere im Bereich Belletristik, wo konstant hohe Verkaufszahlen erreicht werden. Es herrscht eine große Nachfrage nach übersetzten Romanen, nach illustrierten Büchern und nach Fachbüchern für Laien.

Vielfältige Alternativen

In diesem Zusammenhang versuchen viele Verlage auch, diesen Herausforderungen zu begegnen, indem sie diverse kulturelle Aktivitäten durchführen, um ihre Produkte zu bewerben und die Kulturszene zu beleben. Beispiele hierfür wären das Daal-Forschungszentrum oder das Ibn-Roshd-Projekt, wo Podiumsdiskussionen, Symposien, Buchmessen und Kinovorführungen stattfinden. Dadurch sollen neue Zielgruppen erreicht werden. Andere Verlage konzentrieren sich hingegen darauf, mit neuen Autoren zusammenzuarbeiten und mehr Vielfalt ins Programm zu bringen, wie zum Beispiel der Shorouk-Verlag, der sein Angebot in den letzten zwei Jahren sehr viel abwechslungsreicher gestaltet und im Zuge dessen verstärkt Biografien und Bücher über das Kino ins Programm aufgenommen hat.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Mai 2017

Übersetzung: Andreas Bünger

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