Dossier: Übersetzen

Drama – übersetzt

Abier Megahed © Goethe-Institut KairoÜbersetzen ist nicht einsam, Übersetzung lebt ganz besonders durch den Austausch mit Autoren und Kollegen – Abier Megahed im Interview zur Übersetzerwerkstatt und Übersetzungen in Ägypten.

Abier Megahed © Goethe-Institut KairoAbier Megahed ist freie Übersetzerin und arbeitet als Projektassistentin Information und Bibliothek am Goethe-Institut Kairo. Sie war eine von neun Teilnehmern, die vom 19. bis 25. Mai 2012 an einer Übersetzerwerkstatt in Mühlheim teilgenommen haben. Seit 1985 veranstalten die Mühlheimer Theatertage gemeinsam mit dem Internationalen Theater-Institut (ITI) eine internationale Übersetzerwerkstatt. Dieses Jahr fand die Werkstatt mit Übersetzern aus der arabischen Welt zum Thema aktuelle deutschsprachige Dramatik statt.

Wie sah ein typischer Arbeitstag für Sie während der Übersetzerwerkstatt aus? Was haben Sie erlebt?

Vormittags haben wir Auszüge von Theaterstücken, die wir am Tag zuvor individuell übersetzt hatten, besprochen. Einer von uns hat den gesamten Auszug vorgelesen und die Gruppe hat ihre Meinung dazu geäußert, in dem Vorschläge gemacht worden sind oder über einen Ausdruck diskutiert worden ist. Wir sind immer gemeinsam zum Essen gegangen, was von Vorteil war, da wir uns dadurch besser kennengelernt haben. Wir sind auch gemeinsam mit zwei Autoren essen gegangen und konnten so mit den Schriftstellern weiter über ihr Werk sprechen und haben natürlich auch Näheres über ihr Leben erfahren. Abends haben wir das Theaterstück, welches wir tagsüber besprochen haben, auf der Bühne erlebt. Sehr beeindruckend war zu sehen, wie der Text vorgetragen wird, da die Satzmelodie und die Betonung vieles erklärt. Gerade bei Texten wie denen von Anne Lepper, die ohne Punkt oder Komma schreibt, war das interessant. Bei der Diskussion des Textes mussten wir manchmal erst mal deuten, was an einigen Stellen ganz genau gemeint ist. Das Schöne daran ist, dass jeder Recht hatte, da es keine Interpunktion gab.

Was waren für Sie persönlich die Höhepunkte der Werkstatt?

Das Treffen mit den Autoren, gerade mit der begabten Anne Lepper, die dem Rezipienten aber auch dem Übersetzer die schwere Aufgabe überlässt, den Text so zu deuten, wie er möchte. Auch als wir einen Text in der Umgangssprache übersetzt und festgestellt haben, dass genau diese Sprache den Text mehr zur Geltung bringt. Ich meine hier das Stück von Jens Raschke: „Schlafen Fische?“

Schlafen Fische? © Goethe-Institut Kairo

Ein weiterer Höhepunkt war die Inszenierung von Peter Handkes „Immer noch Sturm“. Der Stil und die Wortauswahl sind meisterhaft. Wenn man so ein Stück sieht fragt man sich gleich: Lässt sich so ein schöner Text überhaupt übersetzen?

Wie wichtig ist ein solches Projekt für Übersetzer aus der arabischen Welt?

So ein Projekt ist von großer Bedeutung, da man mit Übersetzern aus der arabischen Welt zusammen kommt, die man sonst nie treffen würde. Man profitiert von den Erfahrungen der anderen. Wichtig ist auch, dass man direkt mit dem Autor den Text besprechen kann. Das ist absolut wichtig, und diese Möglichkeit bekommt man nur, wenn man an solchen Projekten teilnimmt.

Wie sieht die Übersetzerlandschaft in Ägypten überhaupt aus, wie viel wird übersetzt?

Wir haben gute Übersetzer, allerdings sind es nicht viele. Noch kann man in Ägypten nicht von der Arbeit als Übersetzer leben, deshalb will man sich nicht gerne festlegen, sei es als Übersetzer nur für Belletristik oder andere Genres. Es werden im arabischen Raum im Jahr nicht einmal zehn literarische Werke aus dem Deutschen übersetzt.

Übersetzer spielen eine Schlüsselrolle im kulturellen Austausch. Aber wie wichtig sind literarische Übersetzungen in Ägypten?

Literarische Übersetzungen sind interessant, man sucht vor allem nach Bestsellern. Beliebt sind nach wie vor Klassiker, neuere Literatur soll einen gewissen Bezug zur Region haben oder aber auch allgemeine menschliche Fragen behandeln. Auch sind Werke, die Preise erhalten haben gefragt.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen vom Deutschen ins Arabische?

Kulturelle Unterschiede, die ein bestimmtes Vokabular mit sich bringen, welches in der Zielsprache nicht vorhanden ist, sind eine große Herausforderung. Beispielsweise der Schnee, und alles was damit verbunden ist, oder Feste, Sitten und Bräuche, die man nicht kennt. Auch können Redewendungen eine Schwierigkeit bilden. Aber ein guter Übersetzer findet immer eine Lösung, darin liegt die Kunst des Übersetzens.

Foto: Michael Dawid © Goethe-Institut Kairo

Abier Megahed beim Übersetzen

Was nehmen Sie persönlich mit aus der Übersetzerwerkstatt? Wie hat sie Ihre Arbeit beeinflusst?

Vor allem nehme ich viele Freunde aus Deutschland und der arabischen Welt mit. Aber auch die Erkenntnis, dass Übersetzen nicht unbedingt eine einsame Arbeit ist. Man sollte mit anderen kommunizieren und diskutieren, vor allem mit dem Autor, aber auch mit Kollegen und Kolleginnen.

Abier Megahed, vielen Dank für das Gespräch.

Übersetzerwerkstätten
Die Übersetzer spielen im deutsch-arabischen Kontext eine Schlüsselrolle. Sie sind es, die die literarische und intellektuelle Produktion einer Kultur einem breiteren Publikum näher bringen. In Bezug auf arabische und deutsche Übersetzungen gibt es noch viel zu tun. Neben der Übersetzerwerkstatt Theater in Mülheim in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Theaterinstitut, die sich aktuellen dramatischen Texten widmet, findet eine weitere Übersetzerwerkstatt am Literarischen Colloquium in Berlin statt.

Amira El Ahl
stellte die Fragen. Sie lebt und arbeitet als Journalistin und Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten in Kairo.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Februar 2013

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Litrix.de bietet für aktuelle Titel, die auf unserem Portal vorgestellt werden, eine Übersetzungs­förde­rung ins Arabische an. Hierzu finden Sie die entsprechenden Autoren­porträts, Buchbespre­chungen und Lese­proben auch in arabischer Übersetzung.

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