Dossier: Übersetzen

101 Nacht im Museum Beit El-Sehemy

Kopie einer Seite des Manuskripts von „101 Nacht“. Foto: Mohammad AlbdewiMan könnte vergessen, dass die Violine ursprünglich in Europa beheimatet ist, wenn der ägyptische Komponist und Violinist Abdo Dagher dem Instrument östliche Weisen entlockt. Wer hätte erwartet, von einer deutschen Wissenschaftlerin in die wunderbare Welt der klassischen arabischen Literatur entführt zu werden? Mohamed El-Baaly teilt seine Eindrücke und Faszination.

Am Montag, den 11. Februar 2013, lud das Goethe-Institut Kairo ins Beit El-Sehemy zu einem Abend mit Abdo Dagher und Claudia Ott ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, so hieß es in der Einladung, sollte ein in Ägypten nahezu unbekanntes Werk aus dem literarischen Erbe der arabischen Welt stehen.

Eine andere Welt

Schon auf dem Weg zum Beit El-Sehemy, einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das heute als Museum und Kulturzentrum dient, wurde ich vom Zauber des fatimidischen Kairo erfasst. Einige wenige Schritte durch die Moez Street, vorbei an Bauwerken mit teilweise bis zu tausendjähriger Geschichte, vorbei an den Läden, mit ihren Waren, die an längst vergangene Zeiten erinnern, reichten aus, um mich auf die bevorstehende Veranstaltung einzustimmen.

Unter den zahlreichen Besuchern, die sich an diesem Abend im Beit El-Sehemy eingefunden hatten, waren auch etliche Deutsche, sodass ich mich unweigerlich an Goethes Gedichtsammlung West-östlicher Divan erinnert fühlte, die auf wunderbare Weise die Magie von Orient und Okzident miteinander vereint.

Abdo Dagher mitsamt Ensemble und Claudia Ott an der Nay; Foto: Mohammad Albdewi

Als hätten sie schon immer zusammengespielt: Abdo Dagher mitsamt Ensemble und Claudia Ott an der Nay, der Rohrflöte.
Bildergalerie (Fotos: Mohammad Albdewi)

Der Abend begann mit einem Auftritt des Ensembles von Abdo Dagher. Begleitet wurde das Ensemble auf der Längsflöte (Nay) von der deutschen Arabistin Claudia Ott, die nicht nur an der FU Berlin in Arabistik promoviert, sondern auch – unter anderem in Kairo – arabische Musik studiert hat.

Große und kleine Schwester

Nach dieser musikalischen Einleitung wartete das Publikum gebannt auf das angekündigte Gespräch über das von Claudia Ott übersetzte Buch 101 Nacht. Es folgte zunächst ein vom Übersetzer und Dolmetscher Tarek Abdelbary moderierter Gedankenaustausch zwischen Claudia Ott und dem ägyptischen Schriftsteller Gamal Al-Ghitany, der erklärte, dass er sich durchaus nicht zum ersten Mal mit Claudia Ott treffe, um über 101 Nacht zu sprechen. 2010 hatte Claudia Ott die etwa 800 Jahre alte Handschrift 101 Nacht auf der Ausstellung Schätze des Aga Khan Museum im Martin-Gropius-Bau in Berlin entdeckt. 2012 erschien dann im Manesse Verlag ihre Übersetzung der Handschrift.

Buchcover „101 Nacht“ von Claudia Ott; Foto: Mohammad AlbdewiDer Text gilt, genau wie die das Buch Tausendundeine Nacht, das beim C.H. Beck Verlag in der mehrfach preisgekrönten deutschen Übersetzung von Claudia Ott erschienen ist, als wichtiges Werk der klassischen arabischen Literatur. Es wurde aus dem Mittelalter vollständig überliefert, zunächst mündlich und dann schriftlich, wobei 101 Nacht vor allem im andalusisch-nordafrikanischen Raum bekannt war, die „große Schwester“ Tausendundeine Nacht hingegen eher im mittleren Osten und auf der arabischen Halbinsel.

Gleich zu Beginn seiner Ausführungen wies Gamal Al-Ghitany darauf hin, dass ihn Orte wie das Beit El-Sehemy an die Erzählungen aus tausendundeiner Nacht erinnerten. Mit diesen Erzählungen hatte der Schriftsteller, nach eigenen Worten, zum ersten Mal in unmittelbarer Nähe der Al-Husseini-Moschee Bekanntschaft gemacht, und zwar in den beiden Buchhandlungen al-Halabi und Sabih unweit der Moez Street, wo Tausendundeine Nacht gedruckt und verkauft wurde, nur wenige hundert Meter vom Beit El-Sehemy entfernt.

Gamal al-Ghitany machte das Publikum ferner darauf aufmerksam, dass Claudia Otts Übersetzung von 101 Nacht nach dem im 13. Jahrhundert entstandenen Originaltext erfolgt ist, wohingegen der in den 1970er Jahren in Tunesien veröffentlichte arabische Text auf eine wesentlich jüngere Fassung zurückgeht.

Nacht um Nacht

Claudia Ott, die unter anderem an den Universitäten Erlangen und Göttingen im Bereich Forschung und Lehre tätig ist, erklärte, dass der Wissenschaft über die Entstehung von 101 Nacht nur relativ wenig bekannt sei. Man könne aber mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass 101 Nacht und Tausendundeine Nacht mehr oder weniger unabhängig voneinander entstanden seien.

Der ursprünglich aus Marokko stammende Text von 101 Nacht enthält eine Sammlung volkstümlicher Erzählungen, die teilweise auf historischen Fakten beruhen, teilweise reinen Märchencharakter haben. Die Rahmenerzählung erstreckt sich über einen Zeitraum von hundertundeiner Nacht, während derer Schahrasad dem König verschiedene Geschichten erzählt, um so dem sicheren Tod zu entgehen, der jede Frau des Königs erwartet, seitdem dieser von seiner ersten Ehefrau betrogen worden ist.

Zur Veranschaulichung präsentierte Claudia Ott dem Publikum eine dieser Geschichten, und zwar Die Geschichte vom jungen Ägypter und dem Mädchen Gharîbat al-Husn, die größtenteils in Ägypten spielt. Die Geschichte besteht aus vier Episoden, die im Verlauf von vier Nächten erzählt werden. Zunächst trug Claudia Ott diese vier Episoden in der äußerst gefällig klingenden deutschen Übersetzung vor. Danach las sie zwei der vier Episoden nochmals im Original aus dem arabischen Text.

Abdo Daghers; ; Foto: Mohammad AlbdewiNach der Lesung griffen dann Claudia Ott und Abdo Dagher, den Gamal al-Ghitany als einen der größten Violinisten des 20. Jahrhunderts in Ägypten bezeichnet hatte, nochmals vor der Kulisse der Holzgitterfenster des Beit El-Sehemy zu ihren Instrumenten, um gemeinsam ein Stück mit dem Titel Das Holzgitterfenster zu intonieren. Und schließlich erzählte Claudia Ott dann noch ein wenig über die Erfahrungen während der Arbeit am Text von 101 Nacht. So gebe es zum Beispiel zwischen 101 Nacht und Tausendundeine Nacht große Unterschiede, die sich schon auf den ersten Seiten der beiden Werke bemerkbar machten. Um diese Behauptung zu belegen, las Claudia Ott die ersten Zeilen aus 101 Nacht vor.

Die Veranstaltung, die übrigens, wie Gamal al-Ghitany im Verlauf des Abends ausdrücklich erwähnt hatte, auf den zweiten Jahrestag von Präsident Mubaraks Rücktritt am 11. Februar 2011 fiel, als es den Ägyptern nach wochenlangen Protesten gelungen war, zum ersten Mal seit Ende der Monarchie 1952 ihr Staatsoberhaupt zu stürzen, näherte sich dem Ende.

Zum Abschluss signierte Claudia Ott die für das Publikum bereit liegenden Exemplare ihrer Übersetzung mit prachtvoll verziertem Einband, die jedoch alsbald vergriffen waren, sodass sich einige der Besucher damit begnügen mussten, mit der Musik und den Geschichten aus 101 Nacht im Ohr den Heimweg anzutreten.

Mohamed El-Baaly
ist Gründer des Sefsafa Verlags.

Übersetzung: Andreas Bünger

Copyright: Goethe-Institut Kairo
März 2013

Links zum Thema

Litrix Schwerpunkt 2015–2018: Arabische Welt

Litrix.de bietet für aktuelle Titel, die auf unserem Portal vorgestellt werden, eine Übersetzungs­förde­rung ins Arabische an. Hierzu finden Sie die entsprechenden Autoren­porträts, Buchbespre­chungen und Lese­proben auch in arabischer Übersetzung.

Residenzprogramme des Goethe-Instituts

Foto: iStockphoto Richard Prudhomme
„Raum für neue Perspektiven“ – Informationen rund um die Residenz- programme weltweit

RSS-Feed

Abonnieren Sie unseren Feed, damit Sie immer über neue Beiträge informiert sind.