Dossier: Übersetzen

So wörtlich wie möglich – so frei wie nötig

Foto: Mathias Hoffmann jugendfotos.de CC BY-ND 3.0Übersetzerwerkstatt mit Christoph Peters in Kairo; Foto: Mathias Hoffmann jugendfotos.de CC BY-ND 3.0

Im Sommer 2013 trafen sich zehn Übersetzer in der Übersetzerwerkstatt im Goethe-Institut Kairo, um gemeinsam mit Autor Christoph Peters einige seiner Kurzgeschichten zu analysieren, zu diskutieren und zu übersetzen. Ein Rückblick.

Um das Wichtigste vorauszuschicken: Die Übersetzerwerkstatt, die ich im Mai/Juni diesen Jahres im Goethe Institut-Kairo zusammen mit Prof. Dr. Ola Adel von der Ain Shams Universität und Assist. Prof. Dr. Hebatallah Fathy von der Kairo Universität begleiten durfte, zählt zu den Höhepunkten meines Schriftstellerlebens. Im Zentrum der Arbeit standen ein Aufsatz über Kairo und neun meiner Kurzgeschichten, die in Rohfassungen bereits von den zehn TeilnehmerInnen ins Arabische übertragen worden waren. Alle Texte greifen auf erzählerisch-poetische Weise Themen auf, die, nicht erst seit Samuel Huntington den unseligen Begriff vom „Clash of Civilisations“ in den Ring geworfen hat, im Diskurs zwischen der westlichen und der im weitesten Sinne islamischen Welt eine Rolle spielen. Die Spanne reicht von den mal verklärenden, mal düsteren Bildern, die sich Europa vom Orient macht (und umgekehrt), über Spätfolgen des Kolonialismus, aktuelle politische Konflikte, wirtschaftliche Interessens­verquickungen, bis hin zur Beschäftigung mit den verschiedenen Gesichtern des Islam selbst, der – allen Verwerfungen der jüngeren Geschichte zum Trotz – nach wie vor viele Menschen im Westen fasziniert, nicht zuletzt infolge der Selbstverständlichkeit, mit der Muslime inzwischen das Gesicht deutscher Städte mitgestalten.

Kulturelle Prägung als Verständnisrahmen

Christoph Peters; Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut Kairo Kulturelle Prägungen bilden implizit und explizit den geistigen und sozialen Hintergrund von Figuren und Lesern, Übersetzern und Autor. Sie bestimmen einerseits Gestalt und Selbstverständnis der Ausgangstexte, bilden andererseits den Verständnis- und Deutungsrahmen des Lesers. Insofern kreisten die Gespräche, ausgehend von der Arbeit am möglichst präzisen Erfassen der Texte und ihrer adäquaten Übertragung ins Arabische, um politische, soziale, religiöse und ästhetische Differenzen beziehungsweise deren Bruchstellen, Durchlässigkeiten oder Verschwinden. Gleichwohl ging es in den Diskussionen nur am Rande um das Vermeiden von Tabuverletzungen im Bereich Politik, Religion, Familie oder Sexualität, sondern vor allem um das möglichst tiefenscharfe Ausleuchten der jeweiligen Denk- und Empfindungsmuster. Viele der angeblich nicht hinterfragbaren Selbstverständlichkeiten beider Kulturräume stellten sich bei näherer Betrachtung als gesellschaftliche Absprache, überlieferte Konvention, gepflegtes Vorurteil oder eingeschliffene Sehgewohnheit heraus. Dabei erwies sich allerdings gerade das bewusst inszenierte Spiel der Texte mit kulturellen Erwartungen beziehungsweise orientalistischen Stereotypen an vielen Stellen als besonders knifflig in der Übersetzung.

Was wird aus dem Orientalismus im Orient?

Eselskarren im Kairoer Stadtbild; © colourboxWie überträgt man Passagen, in denen die Szenerie dem Europäer pittoresk, „exotisch“ oder auch einfach „ ganz anders“ scheint, während sie dem ägyptischen Leser lästiger Alltag oder schlicht „normal“ ist? Wenn zum Beispiel der „Ich“-Erzähler im Eingangsaufsatz Kairoer Aufklärung von „Pferdefuhrwerken und Eselskarren mit Knoblauchbergen oder aufgetürmten Hühnerkäfigen“ spricht, wähnt sich der deutsche Leser für einen kurzen Moment in tausend und einem Morgenland, während für den Ägypter die Esel einen alltäglichen Störfaktor im Straßenverkehr darstellen, ihn vielleicht daran erinnern, wie dringend das Land wirtschaftlichen Aufschwungs bedarf und welchen sozialen Sprengstoff die Landflucht birgt.

Neben derartigen inhaltlichen Herausforderungen ging es immer wieder um den adäquaten Transfer sprachlich-stilistischer Eigenarten und der mit ihnen verbundenen Ausdruckswerte: Ausdruck ist in erster Linie Wirkung von Form. In der Literatur ist die Form an die grammatischen Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Sprache gekoppelt und bewegt sie sich im Rahmen historisch gewachsener Entscheidungen hinsichtlich dessen, was als schön, kraftvoll, schicklich oder geschmacklos erachtet wird.

„Gutes Deutsch“ – „Schlechtes Arabisch“

Eine bestimmte Art des Satzbaus, die als „gutes Deutsch“ gilt, bestens geeignet um eine bestimmte Empfindung zu transportieren, kann im Arabischen eine völlig andere Verfasstheit der Figur zum Ausdruck bringen oder schlicht als unschön – als „schlechtes Arabisch“ – gelten. So erfuhr ich beispielsweise, dass die in der westlichen Moderne entwickelten Verfahren der Sprachzertrümmerung – unvollständige Sätze, verknappende Interpunktion, extreme Parataxe –, die dem Leser schon auf der klanglichen Ebene extreme Anspannung vermitteln und hierzulande längst Eingang in die Unterhaltungsliteratur gefunden haben, im Arabischen regelrecht verpönt sind. Allerdings stellte sich heraus, dass über den angemessenen Umgang mit solchen Passagen auch unter den TeilnehmerInnen durchaus unterschiedliche Auffassungen darüber herrschten, wie weit die wörtliche Abbildung der Strukturen des Deutschen gehen solle und ab wann den grundlegend anderen Stilvorgaben arabischen Erzählens Rechnung getragen werden müsse.

Einblick; Foto: Linda Ackermann jugendfotos.de CC BY-ND 3.0 Insbesondere im konkreten Abgleich der sprachlichen Grenzen und Möglichkeiten habe ich unendlich viel Neues und Unerwartetes über die Strukturen meiner eigenen Sprache, ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Art meines Redens, Schreibens, Denkens und damit letztendlich auf meinen persönlichen Weltzugang gelernt. Dabei ging die Atmosphäre, in der die Zusammenarbeit stattfand, weit über professionelle Offenheit hinaus. Es stellte sich eine Arbeitsintensität und -intimität ein, wie ich sie normalerweise nur vom heimischen Schreibtisch kenne. Ich habe mich – ganz anders als einige der Figuren in meinen Texten – zu keinem Zeitpunkt als „Fremder“ gefühlt, und inzwischen sind eine ganzen Reihe der TeilnehmerInnen zu Freunden geworden: Danke an Euch alle – es war ein großes Glück für mich, mit Euch zusammenzuarbeiten!

Christoph Peters
Seine Kurzgeschichten wurden vom 26. Mai bis zum 6. Juni 2013 im Rahmen der Übersetzerwerkstatt am Goethe-Institut Kairo übersetzt.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
September 2013

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