Dossier: Übersetzen

Übersetzer aus Leidenschaft

© Goethe-Institut Kairo© Goethe-Institut Kairo

Die Übersetzung literarischer Texte spielt eine bedeutende Rolle für den interkulturellen Austausch. Der Übersetzer ist immer auch Kulturvermittler. Wie man versucht, dieser Rolle gerecht zu werden und wie die Arbeit eines Übersetzers aussieht, erzählt in einem Interview Ibrahim Marazka, Vertreter einer jungen Generation von Übersetzern.

Ibrahim Marazka (*1982) kommt aus Nazareth. Er hat Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert. Nach seinem Studium kehrte er zurück in seine Heimat und lebte für eine Weile in Ramallah, wo er über Kontakte zum hiesigen Goethe-Institut das erste Mal ein deutsches Theaterstück ins Arabische übersetzte. Inzwischen hat er Theaterstücke von Heiner Müller (Traktor, Die Schlacht, Der Auftrag), Roland Schimmelpfennig (Der Goldene Drache), Jens Raschke (Schlafen Fische?) und Azar Mortazavi (Ich wünsch mir eins) ins Arabische übersetzt. 2011 und 2012 nahm er an den Mühlheimer Theatertagen teil. Trotz seiner großen Leidenschaft für das deutsche Theater ist er der Philosophie treu geblieben: Zurzeit schreibt er in Chicago, in den USA, an seiner Doktorarbeit in Philosophie und Germanistik.

Wie sieht die Übersetzerlandschaft im arabisch-deutschen Kontext aus? Wieviele Werke werden hier jährlich übersetzt?

So genau kann ich das nicht einschätzen, ich habe aber den Eindruck, dass, gerade im Vergleich mit anderen Sprachen wie etwa Englisch und Französisch, noch sehr wenig ins Arabische übersetzt wird.

Ich wünsche mir, dass vor allem deutsche Theaterstücke häufiger ins Arabische übersetzt werden. Das deutsche Theater hat soviel zu bieten, erfindet sich ständig neu und hat damit auch immer eine avantgardistische Komponente. Das gefällt mir sehr.

Die Finanzierung sollte dabei nicht immer die größte Rolle spielen. Ich übersetze nicht ausschließlich aus beruflichen Gründen, sondern weil ich möchte, dass die Menschen in der arabischen Welt mitbekommen, was in der deutschen Theaterlandschaft passiert und weil ich meine Leidenschaft mit ihnen teilen möchte.

Welche Themen beziehungsweise Werke sind für die die arabische Welt besonders relevant?

Ich finde, dass die Relevanz bestimmter Themen, auch für die arabische Welt, davon abhängt, welche Inhalte auf dem Theater behandelt werden, denn hier werden neue Räume geschaffen und soziale Räume dargestellt. Mich persönlich interessiert dabei besonders die Einsamkeit der Menschen und die Beziehung zwischen Menschen – wie sie beeinflusst wird durch äußere Mächte wie Geschichte und Politik und wie sie von ihnen diktiert, ja sogar erschlagen wird. Das finde ich interessant.

Sind für ein arabisches Publikum eher klassische oder zeitgenössische Texte aus Deutschland interessant?

Die klassischen deutschen Dichter wie Goethe und Schiller wurden vor allem in den 1950er und 1960er Jahren ins Arabische übersetzt. Es ging darum, den europäischen Kanon zu übersetzen. Denn diese Texte zu lesen, wurde als Bildung und als Teil einer guten Erziehung verstanden.

Heute hat das Interesse an klassischen Texten eher nachgelassen, deshalb trifft man zunehmend auf Übersetzungen zeitgenössischer Texte, was ich sehr befürworte.

Ich finde trotzdem, dass man die klassischen Stücke nicht aus den Augen verlieren, sondern versuchen sollte, sie neu zu übersetzen und dabei zu schauen, was man aus den Texten noch machen, wie man sie zeitgenössisch interpretieren kann. Das ist ja für die deutsche Gesellschaft genauso wichtig wie für die Übersetzung.

Wie bereiten Sie sich auf die Übersetzung eines Theaterstückes vor? Können Sie kurz Ihren Arbeitsprozess beschreiben?

Zuerst einmal setze ich mich ganz intensiv mit dem Autor des Stückes auseinander. Als ich Heiner Müllers Werke übersetzen sollte, bin ich für drei Monate nach Deutschland geflogen, um die Archive der Humboldt-Universität in Berlin und der Akademie der Künste zu durchforsten. Ich habe sämtliches Bild-, Audio- und Textmaterial gesichtet, mir Interviews mit Heiner Müller angeschaut, seine Autobiografie gelesen. Auf diese Art versuche ich Texte aufzuschlüsseln und den Kontext zu begreifen. Das ist gerade bei Heiner Müller nicht immer einfach und leider konnte ich ihn nicht mehr fragen: „Was hast du damit gemeint?“ - Obwohl Heiner Müller vermutlich geantwortet hätte: „Ich weiß selbst nicht, was ich damit gemeint habe!“ (lacht)

Bei zeitgenössischen Autoren, wie zum Beispiel Mortazavi oder Raschke, plane ich die Zeit ein, mit ihnen per E-Mail oder telefonisch Textstellen zu besprechen.

Anschließend versuche ich nach Möglichkeit, eine Aufführung vom Text zu sehen und die Reaktionen des Publikums zu erleben. So kann ich feststellen, welche Stellen etwa provokativ, witzig, traurig oder ähnlich wirken. Diese Erkenntnisse beziehe ich in die Übersetzungsarbeit mit ein.

Erst am Ende kommt das Übersetzen selbst. Die Besonderheit bei Theaterstücken ist dabei, dass es nicht nur um das geschriebene Wort geht. Die Stücke werden geschrieben, damit sie auf der Bühne aufgeführt werden und dementsprechend die Übersetzung. Deshalb versuche ich immer, soweit es geht, Formulierungen zu finden, die arabischen Rezipienten intuitiv zugänglich sind. Andererseits beachte ich den Fluss des Texts, damit die Schauspieler ihn gut und fließend aussprechen können. In Ramallah hatte ich Gelegenheit, gemeinsam mit den Schauspielern des Kasaba Theaters zu schauen, wie der übersetzte arabische Text gesprochen und wie er von den Schauspielern angenommen wurde und konnte das in meine Arbeit integrieren.

Wie gehen Sie mit „heiklen“ Passagen in deutschen Texten um (z.B. Sexualität oder Politik)?

Was ich niemals tue, ist, heikle Passagen zu streichen. Diese Entscheidung liegt beim Regisseur oder Dramaturgen. Ich übersetze den Text nur und bemühe mich dabei immer um eine textgetreue Übersetzung. Die Entscheidung, ob ich bestimmte Stellen „gemäßigter“ übersetze, liegt natürlich bei mir. Ich bin aber der Meinung, dass auch provokative Stellen textgetreu übersetzt werden sollten. Ich tue das mit viel Sensibilität sowohl zum Text als auch zur Kultur meistens sogar bewusst, weil ich der Meinung bin, dass man auch über solche Themen sprechen muss, selbst, wenn dies im jeweiligen kulturellen Kontext eher seltener getan wird.

Schlafen Fische? © Goethe-Institut Kairo

Schlafen Fische?

Bei Raschkes Stück zum Beispiel wird die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod verspottet, als kindisch und naiv dargestellt. Diese Stelle ist in Deutschland nicht besonders provokativ, in der arabischen Welt dafür umso mehr. Ich habe diese Stelle textgetreu übersetzt.

Es geht aber auch bei expliziten Themen nicht immer nur um Provokation. In Ich wünsch mir eins geht es ganz explizit um Sex – auf eine Art und Weise, die selbst in Deutschland provoziert. Die aggressiven Sexszenen im Stück wollen aber vor allem die sexuelle Frustration eines alternden Mannes und die innere Rastlosigkeit einer jungen Frau ausdrücken sowie den Mangel an und den Wunsch nach Liebe und Zärtlichkeit. Das Stück hat definitiv einen Standpunkt, den man respektieren kann. Wenn man versteht, was Mortazavi sagen möchte, dann geht es nicht darum, zu provozieren, sondern um die Liebe, das Leben und das Leiden eines Menschen. Um ihren Standpunkt stärker hervorzuheben als die von ihr gewählten Ausdrucksmittel, habe ich bestimmte Stellen „gemäßigter“ formuliert.

Eine letzte, ganz persönliche Frage: Welches deutsche Buch sollten arabische Leser ihrer Meinung nach unbedingt kennen?

Unbedingt den West-östlichen Divan von Goethe! Das Buch ist eine der bedeutendsten Gedichtsammlungen überhaupt und eine große Denkprovokation an arabische Leser, weil es der arabischen Kultur viel Kritik aber auch ebenso viel Bewunderung entgegen bringt.

Ibrahim Marazka, vielen Dank für das Gespräch!

Rike Nölting
stelte die Fragen.

Copyright: Goethe-Institut Palästinensische Gebiete
Juli 2013

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