Dossier: Übersetzen

Deutsch-Arabischer Übersetzerpreis 2014

Foto: Nadia Mounir © Goethe-Institut KairoDeutsch-Arabischer Übersetzerpreis 2014 | Foto: Nadia Mounir © Goethe-Institut Kairo
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Literaturübersetzer bauen Brücken zwischen den Kulturen. Literarische Übersetzungen regen den Leser dazu an, sich noch intensiver mit dem jeweils „anderen“ zu befassen. Seit 2010 lobt das Goethe-Institut einen Übersetzerpreis aus, der dieses Jahr zum ersten Mal in Kairo verliehen wurde.

„Mit jeder Sprache, die du erlernst, befreist du einen bis daher in dir gebundenen Geist.“ Mit diesen Worten des deutschen Dichters, Übersetzers und Orientalisten Friedrich Rückert begann der deutsche Botschafter in Kairo, Hansjörg Haber, seine Rede anlässlich der Verleihung des Deutsch-Arabischen Übersetzerpreises am 12. November 2014 im Goethe-Institut Kairo.

In der Kategorie „etablierte Übersetzer“ ging der Preis an den aus Ägypten stammenden Übersetzer und Dolmetscher Samir Grees, für seine Übersetzung eines Ausschnitts aus dem Roman Leben von David Wagner. Samir Grees, der unter anderem auch als Dolmetscher für den Sprachendienst des Deutschen Bundestags arbeitet, begann, eigenen Angaben zufolge, bereits kurz nach Abschluss des Sprachstudiums in Kairo mit dem Übersetzen von Kurzgeschichten, von denen die erste 1984 im Literaturmagazin al-Qahira veröffentlicht wurde. In den darauffolgenden Jahren, so Grees weiter, habe sich herausgestellt, dass es gar nicht so einfach sei, Verleger für Prosaübersetzungen zu finden. So sei eine Kurzgeschichtensammlung, die er 1986 übersetzt habe, erst zehn Jahre später erschienen. Es sei auch schon vorgekommen, dass er ein ganzes Jahr mühsamer Arbeit in eine Übersetzung gesteckt habe, die dann bei der General Egyptian Book Organization in einer Schublade gelandet ist und dort bis heute liegt.

Die Möglichkeit, kontinuierlich weiter zu arbeiten

Doch der leidenschaftliche Übersetzer ließ sich von solchen Schwierigkeiten nicht entmutigen. Inzwischen liegen 18 Titel der deutschen Gegenwartsliteratur in der arabischen Übersetzung von Samir Grees vor, darunter auch der Roman Die Klavierspielerin der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, der Roman Mein Jahr als Mörder von Friedrich Christian Delius und der Kriminalroman Das Versprechen von Friedrich Dürrenmatt, sowie zahlreiche andere Werke, bis hin zum bereits erwähnten Ausschnitt aus dem Roman Leben von David Wagner, für dessen Übersetzung Samir Grees nun ausgezeichnet wurde.

Nach Ansicht des Preisträgers ermöglicht der Übersetzerpreis des Goethe-Instituts den Übersetzern, kontinuierlich im Bereich Literaturübersetzung weiter zu arbeiten. Die Auszeichnung empfindet Grees nicht nur als Anerkennung seiner langjährigen und mühsamen Arbeit als Literaturübersetzer, sondern auch als Motivationsschub für zukünftige Projekte.

Nachdem sich Samir Grees bereits zwei Mal erfolglos um den Übersetzerpreis beworben hatte, entschied sich die Jury diesmal einstimmig für den Text des Ägypters. Der Jury gehörte auch die erfahrene Übersetzerin Dr. Cherifa Magdi an. Nach ihren Worten war sich die Jury darin einig, dass die Übersetzung von Samir Grees nicht nur sorgfältig formuliert und stets dem Ton der deutschen Vorlage angemessen gewesen sei, sondern auch durch einen flüssigen Stil und gute Lesbarkeit überzeugen konnte.

Dr. Cherifa Magdi | Foto: Nadia Mounir © Goethe-Institut Kairo

Übersetzerin Dr. Cherifa Magdi, Jurymitglied (Foto: Nadia Mounir)

Was ihr an den beiden diesjährigen Preisträgern gefalle, so Dr. Cherifa Magdi weiter, sei die Tatsache, dass beide auf der Universität begonnen haben, Deutsch zu lernen. Dies zeige, dass alle beide Sprachtalente seien, mit der Bereitschaft, in jener schwierigen Disziplin des Literaturübersetzens hart zu kämpfen und sich darüber hinaus auch mit den akademischen Grundlagen des Übersetzens zu befassen.

Samir Grees selbst strebt als nächsten Schritt an, den Roman Leben, dessen Textauszug ihm den Übersetzerpreis einbrachte, komplett zu Ende zu übersetzen und dafür zu sorgen, dass die arabische Übersetzung veröffentlicht wird.

Preis für Nachwuchsübersetzer

Neben dem Preis für etablierte Übersetzer hatte das Goethe-Institut auch einen Preis für Nachwuchsübersetzer ausgelobt, der an den ebenfalls aus Ägypten stammenden Mahmoud Hassanein ging. Auch Mahmoud Hassanein hat sein Sprachstudium in Kairo absolviert. Seine Neugier brachte ihn zunächst dazu, sich zur Erkundung der Geheimnisse der Sprache mit der Übersetzung von technischen, wirtschaftlichen und juristischen Texten zu befassen, bis seine Liebe zum Übersetzen ihn schließlich nach Deutschland trieb, wo er am Fachbereich Sprache, Translation und Kultur der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim die Grundlagen der Übersetzung erlernte und schließlich seine Leidenschaft für das literarische Übersetzen entdeckte. „Meine Liebe zum Übersetzen philosophischer, literarischer und gesellschaftswissenschaftlicher Texte wuchs während des Magisterstudiums in Deutschland. Meine erste literarische Übersetzung ins Arabische war ein Buch mit Geschichten für Kinder.“ In seiner Rede anlässlich der Preisverleihung äußerte Mahmoud Hassanein seinen tiefen Dank gegenüber seinen Dozenten, die ihm die deutsche Sprache und die Grundlagen des Übersetzens beigebracht haben.

Als Begründung für ihre Entscheidung gab die Jury an, Mahmoud Hassanein habe übersetzerische Probleme souverän gelöst und einen sprachlich schwierigen und literarisch anspruchsvollen deutschen Text auf überzeugende Weise ins Arabische übertragen.

Dr. Cherifa Magdi gefiel es, dass sich Mahmoud Hassanein für diesen Text entschieden hatte, weil dieser Text sehr komplex sei und vom Übersetzer ein Höchstmaß an Konzentration und die optimale Beherrschung der Fremdsprache erfordere.

In Hinblick auf seine nächsten Projekte gibt sich der junge Übersetzer ehrgeizig: „Mir haben es die Werke von Wolfgang Herrendorf angetan, aus dessen Roman Sand ich ja bereits diesen Ausschnitt übersetzt habe, der mir dann den Preis einbrachte. Meiner Meinung nach sollte alles, was Herrendorf geschrieben hat, auch den arabischen Leser erreichen. Außerdem träume ich davon, philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Bücher zu übersetzen.“

Übersetzung zur Wiederbelebung deutscher Literatur

Ebenso wie jede neue Fremdsprache demjenigen, der sie erlernt, neues Leben einhaucht, erweckt jede Übersetzung einen literarischen Text neu zum Leben, sobald ihn ein Leser aus einem anderen Kulturkreis in den Händen hält.

Beim diesjährigen Wettbewerb wurden 18 Übersetzungen eingereicht, zwölf davon in der Kategorie „Nachwuchsübersetzer“ und sechs Texte von etablierten Übersetzern. Die Jury sei sich bei der Auswahl der Gewinner einig gewesen, erzählt der Autor und Übersetzer Suleiman Taufiq, ebenfalls Mitglied der Jury, und fügt hinzu: „Es ist der einzige Preis für Übersetzungen aus dem Deutschen ins Arabische. Durch diesen Anreiz für Übersetzer erhält deutsche Literatur die Chance, mit den Werken englischer und französischer Autoren um die Gunst der arabischen Leser zu konkurrieren.“

Auch die beiden Preisträger sind der Meinung, dass der Preis bedeutenden Büchern ermöglicht, den arabischen Leser zu erreichen. Und beide bedauern, dass der krönende Erfolg für den Übersetzer oft ausbleibt, nachdem sie viel Zeit und Mühe für die Übersetzung aufgebracht haben, weil die Übersetzungen einfach nicht veröffentlicht werden, oder weil sie, aufgrund von logistischen Problemen im arabischen Verlagswesen, nicht in den Buchhandlungen verfügbar sind.

Samir Grees glaubt, dass die jungen Leser Übersetzungen mögen, wie sich am Erfolg des Romans Die vierzig Geheimnisse der Liebe der türkischen Autorin Elif Shafak zeige, der es zum meist verkauften Buch in Ägypten gebracht hat. Literarische Übersetzungen, so Samir Grees weiter, erlebten momentan eine Renaissance. Die Verlage müssten diesen Trend bloß nutzen. Dazu müssten jedoch zunächst die Probleme bei der Verbreitung und Vermarktung von Büchern gelöst werden.

Mahmoud Hassanein formuliert es folgendermaßen: „Solange es diese Probleme bei der Vermarktung gibt und keine exakten Verkaufszahlen vorliegen, lässt sich nur schwer einschätzen, wie gut sich übersetzte Literatur aus Deutschland und aus anderen Ländern in der arabischen Welt wirklich verkauft.“

Für die Gewinner des Übersetzerpreises, der alle zwei Jahre vom Goethe-Institut verliehen wird, stellt die Auszeichnung einen wichtigen Schritt dar. Teil der Auszeichnung ist auch eine Veröffentlichung der Siegerbeiträge. Außerdem wird dem Gewinner der Kategorie „Nachwuchsübersetzer“ ein Aufenthalt in Deutschland finanziert. Abgesehen davon haben sich beide Übersetzer natürlich in der Übersetzerszene einen Namen gemacht, und ihre übersetzerischen Leistungen haben eine angemessene Würdigung erfahren.

Download SymbolLaudatio auf Samir Grees (PDF, 148 KB)
Download SymbolLaudatio auf Mahmoud Hassanein (PDF, 159 KB)

Wafaa El-Badry
ist freie Journalistin und Teilnehmerin des Fortbildungsprogramms für Kulturjournalismus des Goethe-Instituts in 2013.

© Goethe-Institut Kairo
November 2014

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