Dossier: Übersetzen

Spiegel des Selbst – Abbild des Anderen

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Übersetzungen sind aus dem Leben der Völker und Staaten nicht mehr wegzudenken. Sie zählen nicht nur zu den wichtigsten Methoden des interkulturellen Dialogs, durch sie wird auch die Macht und der Einfluss von Staaten sichtbar. Ganzheitlich betrachtet bedeutet Übersetzen weitaus mehr als die Übertragung von Inhalten aus einer Sprache in die andere, denn die Übersetzung ist zugleich Spiegel des Selbst und Abbild des Anderen.

Durch die rasante technologische Entwicklung im Zeitalter der Globalisierung ist heutzutage nahezu jeder beliebige Ort der Welt innerhalb kürzester Zeit erreichbar. Sprach- und Kulturtransfer haben in den letzten Jahren weltweit einen enormen Stellenwert erhalten, weil sie Außenstehenden die Lebensgewohnheiten, Traditionen, Denkweisen und andere typische Merkmale einer bestimmten Gesellschaft vermitteln können. Das Bild, das dabei von dieser Gesellschaft gezeichnet wird, untermauert aber nicht immer nur deren Stärke und deren Daseinsberechtigung. Mitunter geben Übersetzungen auch ein falsches oder zumindest verzerrtes Bild wider, was dem betreffenden Volk oder Kulturkreis dann nachhaltig schaden kann.

Translation als Machtmittel

Emad Abdul Latif, Übersetzer und Professor für Rhetorik und Diskursanalyse an der Universität Kairo, meint dazu: „Translation kann als Machtmittel eingesetzt werden, wenn man einer bestimmten Kultur bestimmte Werke überstülpt. Das passiert normalerweise, indem man die Übersetzung ausgewählter Werke fördert und diese dann nicht nur mit einer hohen Auflage drucken lässt, sondern auch leicht und günstig erhältlich macht. In der Regel läuft es so, dass manche Länder bestimmte Werke als in irgendeiner Weise nützlich für ihre Interessen oder für die Verbreitung ihrer Ideologie betrachten und deshalb dafür sorgen, dass die Verbreitung dieser Werke erleichtert wird. Das Übersetzen übernimmt in diesem Fall tatsächlich Brückenfunktion für den Herrschaftsanspruch. In den Sechzigerjahren findet man etwa solche Beispiele, als sich der Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus auch im Bereich Translation manifestierte. Wir wissen heute, dass während des Kalten Krieges ein beträchtlicher Aufwand betrieben wurde, um massiv in die Produktion von Kultur und deren Verbreitung einzugreifen, was natürlich auch die Übersetzungen betraf.“

Was im arabischsprachigen Raum, nach Ansicht von Emad Abdul Latif, fehlt, sei eine klare Übersetzungspolitik in den einzelnen Ländern sowie eine entsprechende Kooperation und Koordination zwischen ihnen, wodurch viel Energie verpufft. Um Abhilfe zu schaffen, schlägt er unter anderem vor, Grundlagen für Zusammenarbeit und Koordination zu entwickeln, aber auch Richtlinien für die Übersetzungspolitik. Ein erster Schritt wäre demnach die Einrichtung einer umfassenden Datenbank mit sämtlichen übersetzten Werken im arabischsprachigen Raum. Weitere Maßnahmen wären die Ausweitung der Terminologiearbeit, die Abstimmung von Vorstößen durch Organisationen und Einzelpersonen sowie die Ausarbeitung einer gemeinsamen Agenda, um ein Maximum an Effizienz bei solchen unbedingt erforderlichen kulturellen und intellektuellen Aktionen zu erreichen.

Übersetzung und Identität

Eines der Hauptprobleme für die Translation im arabischsprachigen Raum ist die Verbindung zwischen Übersetzung und ägyptischer bzw. arabischer Identität und Kultur. Manch einer sieht Übersetzungen als Gefährdung der kulturellen Identität an, weil sie Ideen und Konzepte transportieren, die sich nicht immer mit herrschenden gesellschaftlichen und religiös bedingten Strukturen vereinbaren lassen. „Zunächst einmal müssen wir uns fragen, warum wir übersetzen“, sagt die Übersetzerin Rania Fathy. „Prinzipiell bedeutet Übersetzen Interaktion. Jede der beteiligten Seiten lernt dabei die Andersartigkeit der jeweils anderen kennen und verstehen. Übersetzen dient also der Kommunikation und dem Dialog zwischen uns und dem anderen. Das funktioniert natürlich nur, wenn man Identität als etwas Lebendiges und Erneuerbares betrachtet, das sich entwickeln und veränderten Umständen anpassen kann, insbesondere in einer globalisierten Welt, in der Grenzen und Barrieren zwischen Kulturen und Völkern aufgehoben sind.“

„Das Problem“, so Rania Fathy weiter, „ besteht darin, dass wir bisher immer zu passiv an das Übersetzen rangegangen sind und dabei nicht nur unser eigenes reiches kulturelles und historisches, sondern auch unser beträchtliches übersetzerisches Erbe mehr oder weniger ausgeblendet haben. Immerhin waren es ja die im 13. und 14. Jahrhundert im arabischen Kulturraum angefertigten Übersetzungen, die den europäischen Staaten zur Errichtung einer modernen Kultur verholfen haben. Deshalb müssen wir den diskursiven und kognitiven Kontext der Werke erfassen, die wir übersetzen wollen, weil das Übersetzen ein wichtiger Faktor in Bezug auf Kulturindustrie und auf individuelles und historisches Selbstbewusstsein ist.“

Ein weiteres Problem für die Translation im arabischsprachigen Raum besteht in den vielen verschiedenen translatorischen Disziplinen, wie etwa Dolmetschen, Fachübersetzen in den Bereichen Recht und Handel oder Übersetzung journalistischer Texte, ganz zu schweigen von den literarischen und den wissenschaftlichen Übersetzungen. Der syrische Übersetzer Khalid al-Jubaili weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass er zwar in vielen Bereichen und Fachgebieten als Translator tätig sei, dass ihm jedoch das literarische Übersetzen am meisten abverlange, wobei es ihm auch am meisten Spaß mache, weil es nicht nur Kreativität erfordere, sondern auch geistig anspruchsvoll und stilistisch abwechslungsreich sei. Ein Literaturübersetzer müsse noch über viel mehr als nur fremdsprachliche und muttersprachliche Kompetenz verfügen. Er müsse auch die kulturellen Besonderheiten beider Sprachräume kennen, leidenschaftlich gern lesen und eine schriftstellerische Ader haben. Ein guter Übersetzer sei wie ein zweiter Autor, der einen ebenbürtigen Text kreiert.

Die Zukunft des Übersetzens

Trotz all dieser Probleme, vor denen das Übersetzen im arabischsprachigen Raum steht, geben diverse Entwicklungen Anlass zu Optimismus, wie etwa die vielen neuen Übersetzungsprojekte und die vielen Möglichkeiten auf intellektueller Ebene, die die moderne Kommunikationstechnologie bietet. Ein Lichtblick ist auch die junge Generation von Übersetzern und Wissenschaftlern, die nach passenden Lösungen für die genannten Probleme suchen. Emad Abdul Latif erklärt: „Anders als andere Beobachter bin ich der Meinung, dass es um das Übersetzen in Ägypten und anderen arabischen Ländern gar nicht so schlecht bestellt ist. In meinem 2016 veröffentlichten Bericht über den wissenschaftlichen Status Quo der Geisteswissenschaften in der arabischen Welt habe ich festgestellt, dass die Übersetzung hier einen durchaus bereichernden Einfluss hat. Ich leite diese optimistische Einschätzung aus verschiedenen Indikatoren ab, zum Beispiel aus der Vielzahl von offiziellen Stellen, die für das Übersetzen zuständig sind, wie etwa das Nationale Zentrum für Übersetzung in Ägypten oder das Kalima-Projekt in den Emiraten, aber auch die zahlreichen regionalen Einrichtungen, die sich mit Translation befassen, wie etwa die Arab Organization for Translation oder der Bund arabischer Übersetzer. Ein weiterer Indikator sind die vielen Übersetzerpreise, wie etwa der Refa'a Al-Tahtawi-Preis, der Scheich Zayed-Preis für Übersetzung, der König Abdullah-Preis für Übersetzung, der Scheich Hammad-Übersetzerpreis etc. Noch genauer kann man diese positive Tendenz zum Beispiel an der Zahl der übersetzten Bücher oder der entsprechenden Auflagenzahlen erkennen.“

Trotz all dieser optimistisch stimmenden Faktoren, fürchtet Emad Abdul Latif, dass durch die instabile Lage in den arabischen Ländern und den Ölpreisverfall Subventionen für Übersetzungen wegbrechen könnten.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Februar 2017

Übersetzung: Andreas Bünger

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