Dossier: Übersetzen

Übersetzungsförderung und interkultureller Dialog

Foto: Engin Akyurt/pixabay.com (CC0 1.0)© pixabay.com (CC0 1.0)
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Ein Übersetzungsförderungsprojekt steht und fällt mit der Philosophie, die dahinter steckt. Deshalb sucht jedes Förder­programm nach einer maximal effektiven Unternehmens­philosophie. In den letzten Jahren haben zahlreiche Kultur­institutionen aus dem Ausland diverse Übersetzungs­projekte in Ägypten und anderen arabischen Staaten initiiert, um sich der dortigen Bevölkerung zu öffnen und den interkulturellen Dialog voranzutreiben.

Ein reger Austausch hat sich entwickelt, wobei man nicht nur auf die von den jeweiligen Initiatoren vertretene Linie bei der Umsetzung ihrer Übersetzungs­projekte blickt, sondern sich auch die Frage stellt, inwieweit die einzelnen Konzepte tatsächlich zur interkulturellen Kommunikation beitragen.

In diesem Zusammenhang weist Hebba Sherif, Germanistin und ehemalige Leiterin von Pro Helvetia in Kairo, darauf hin, dass jeder Staat in Bezug auf Übersetzungen zwangsläufig eine Linie zu verfolgen habe, die zur Politik des betreffenden Staates passt: „An diesem Grundsatz orientieren sich die Richtlinien der Übersetzungsprojekte von Pro Helvetia. Regelmäßig finden Treffen und Seminare mit Schriftstellern, Verlegern, Übersetzern und anderen Leuten statt, die im Bereich Übersetzung tätig sind.“

Pro Helvetia unterstützt die Übersetzung ganz bestimmter Bücher, die nach bestimmten Kriterien ausgewählt werden, so Hebba Sherif weiter: „Der Schwerpunkt liegt auf Büchern, die gut beim Leser ankommen, wie etwa Reiseliteratur, und der Übersetzung von Titeln, deren Autoren ursprünglich nicht aus der Schweiz stammen, um den internationalen Charakter der Schweizer Literatur zu betonen, außerdem Bücher über moderne und zeitgenössische Kunst. Zudem gibt Pro Helvetia ein Mal im Jahr ein Magazin heraus, in dem die wichtigsten Bücher aus der Schweiz vorgestellt werden, die Pro Helvetia für übersetzenswert hält. Das Magazin erscheint auf Englisch, Französisch und Deutsch und wird weltweit auf zahlreichen Buchmessen verteilt.“

Über die größte Herausforderung bei der Publikation von Übersetzungen in Ägypten sagt Hebba Sherif: „Manche der ägyptischen Verleger suchen Titel aus, die nicht zur Philosophie von Pro Helvetia passen. Manche liebäugeln mit Titeln, die sich in der Schweiz super verkaufen, die jedoch künstlerisch vielleicht nicht unbedingt besonders wertvoll sind, weshalb Pro Helvetia kein Interesse daran hat, dass diese Werke übersetzt werden. Das bringt einige Verleger auf die Palme, obwohl Pro Helvetia schlussendlich die Kosten trägt und sich deshalb das Recht vorbehält, die Bücher auszusuchen, die gefördert werden sollen.“

Goethe-Institut

Seit drei Jahrzehnten gibt es beim Goethe-Institut ein Übersetzungs­förderungs­programm, das die Übertragung von Werken aus Deutschland in andere Sprachen unterstützt. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Neuer­scheinungen in den Bereichen zeitgenössische Literatur, Kinder- und Jugendbücher sowie Fachbücher, die auch dem nicht deutsch­sprachigen Leser zugänglich gemacht werden sollen.

Das Übersetzungs­förderungs­programm des Goethe-Instituts zielt darauf ab, einen Beitrag zum interkulturellen Dialog und zum Austausch zwischen Deutschland und den verschiedenen Kulturen der Welt zu leisten. Lobna Diab, Projektkoordinatorin im Bereich Information und Bibliothek am Goethe-Institut Kairo, erklärt, dass es eine ganze Menge Kriterien gebe, nach denen förderungswürdige Bücher ausgewählt werden. Vor allem muss es sich um zeitgenössische Literatur oder um ein Kinder- bzw. Jugendbuch handeln. Fachbücher kommen ebenfalls infrage, aber auch Titel mit einem Bezug zu aktuellen Ereignissen oder Problemen, wie etwa dem Thema „Migration“. Außerdem muss der jeweilige Titel bereits bei einem deutschen Verlag gedruckt worden sein. Über das Auswahlverfahren erzählt Lobna Diab, dass es vier Mal im Jahr in München eine Tagung gebe, auf der man sich über die Titel austausche, die von Verlagen vorgeschlagen wurden.

Darüber hinaus gibt das Goethe-Institut regelmäßig das Magazin kutub:na heraus, in dem herausragende Werke aus Deutschland vorgestellt werden, die ins Arabische übersetzt werden sollten. Ausgesucht werden diese Werke von einer Jury, der neben Verlegern, Übersetzern und Journalisten aus Ägypten, Palästina und dem Libanon auch Experten aus dem deutschen Verlagswesen angehören.

Bayt al-Hikma

Unter den Übersetzungsprojekten der letzten fünf Jahre fällt vor allem das Bayt al-Hikma-Programm für das Sprachenpaar Arabisch-Chinesisch auf. Das Programm wurde 2011 in China als chinesisch-arabisches Gemeinschafts­projekt ins Leben gerufen. Seit 2014 hat das Projekt zahlreiche Zweigstellen im arabisch­sprachigen Raum eingerichtet. Die diversen kulturellen Aktivitäten erstrecken sich von den Bereichen Publikation und Übersetzung über Zeichen­trick­filme und Dokumentar­filmprojekte bis hin zu Daten­banken und den Vertrieb von E-Books.

Anders als die Übersetzungsprojekte aus dem europäischen Ausland, die sich im arabischsprachigen Raum engagieren, wird beim Bayt al-Hikma-Projekt nicht nur in eine Richtung, aus dem Chinesischen ins Arabische, sondern auch aus dem Arabischen ins Chinesische übersetzt.

Auch in Hinblick auf die Philosophie des Projekts und die Art der Bücher, die übersetzt werden, unterscheidet sich Bayt al-Hikma von den europäischen Programmen. Historische Inhalte kommen bei dem chinesisch-arabischen Übersetzungsprojekt ebenso zum Zug wie zeitgenössische Werke. Außerdem beschränkt sich das Bayt al-Hikma-Projekt nicht nur auf die Zusammenarbeit mit arabischen Verlagen, sondern übernimmt selbst verlegerische Funktion und steht direkt mit den Übersetzern in Kontakt.

Ahmed Saeed, Leiter der Bayt al-Hikma-Zweigstelle in Kairo, erläutert, dass man auf chinesischer Seite sehr daran interessiert sei, sich für Angehörige der arabischen Kultur zu öffnen, daher wurden Dutzende von Büchern aus dem Chinesischen ins Arabische übersetzt. Umgekehrt sind herausragende arabischsprachige Werke, insbesondere aus dem Bereich Belletristik, ins Chinesische übertragen worden, um die chinesische Leserschaft mit der arabischen Kultur vertraut zu machen.

Man arbeite bei Bayt al-Hikma gewinnorientiert, so Ahmed Saeed weiter. Fördergelder werden vom chinesischen Außenministerium beigesteuert, das die Kulturbranche massiv unterstützt. Daher herrsche bei den Werken, deren Übersetzung von Bayt al-Hikma in Auftrag gegeben werden, eine große Vielfalt. Man findet unter anderem Titel aus dem Bereich Ökonomie, sowie Bestseller, Fachbücher und „schwere Kost“.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Mai 2017

Übersetzung: Andreas Bünger

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Links zum Thema

Litrix Schwerpunkt 2015–2018: Arabische Welt

Litrix.de bietet für aktuelle Titel, die auf unserem Portal vorgestellt werden, eine Übersetzungs­förde­rung ins Arabische an. Hierzu finden Sie die entsprechenden Autoren­porträts, Buchbespre­chungen und Lese­proben auch in arabischer Übersetzung.

Residenzprogramme des Goethe-Instituts

Foto: iStockphoto Richard Prudhomme
„Raum für neue Perspektiven“ – Informationen rund um die Residenz- programme weltweit

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