Ghoneim, Hala

Hala Ghoneim © privat
Hala Ghoneim

Geboren 1963 in Kairo – Ägypten

Besuchte die Grundschule in Tunes und das Gymnasium in Ost-Berlin. Nach dem Grundstudium der Germanistik an der Universität Kairo (1984), absolvierte sie den Magisterstudiengang an der University of Maryland, USA (1987). Sie promovierte mit einer Dissertation über das Bild der Dritten Welt im Werk Hans Magnus Enzensbergers. Seit 1996 als Dozentin für Germanistik an der Universität Kairo tätig (1996). Von 2001 bis 2009 leitete sie Sprachkurse am Goethe-Institut Kairo.

Mail Symbolhalaghon@gmail.com


Stipendien und Auszeichnungen

2010 Deutsch-Arabischer Übersetzerpreis 2009/2010, Preisträgerin in der Kategorie „Nachwuchsübersetzer“

März 2010 Teilnahme am Internationalen Treffen der Übersetzer Deutscher Literatur. Literarisches Colloquium Berlin

Juli 2010 Teilnahme am Übersetzungscolloquium im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad in der Schweiz. Literarisches Colloquium Berlin

Juli 2013 Aufenthaltsstipendium für Übersetzer am Festspielhaus Hallerau in Dresden. Residenzprogramm der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen in Kollaboration mit dem Goethe-Institut

Dezember 2013 Teilnahme an der Deutsch-Arabischen vice-versa Übersetzerwerkstatt. Literarisches Colloquium Berlin


Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?
Übersetzen und insbesondere literarisches Übersetzen ist sowohl kreatives Arbeiten im Medium der Sprache wie auch ein Akt der Vermittlung zwischen den Kulturen. Von daher lag es für mich immer nahe, da ich zwischen den Kulturen und multilingual aufgewachsen bin und schon als Kind ein besonderes Interesse für Sprachen und Literatur hatte. In der Grundschule schrieb ich am liebsten Aufsätze in meiner Muttersprache, die auch von Erwachsenen gewürdigt wurden.
Der Anstoß zur professionellen Übersetzung von Literatur kam jedoch viel später als ich von dem vom Goethe-Institut Kairo im Jahr 2009 zum ersten Mal ausgelobten Deutsch-Arabischen Übersetzerpreis erfuhr. Ich empfand es gleich als einen Wink, eine lange im Hinterkopf geisternde Neigung doch noch zu erfüllen. Ich machte mich an die Übersetzung des ersten Kapitels des Debut-Romans Tagsüber dieses strahlende Blau von Stefan Mühldorfer, das ich gerade mit Interesse gelesen hatte und erhielt dafür ein paar Monate später den ersten Preis.
Durch das Goethe-Institut bekam ich auch den ersten Übersetzungs­auftrag, auf dem weitere folgten.

Woran arbeiten Sie gerade und was hat Sie an diesem Text am meisten gefangengenommen?
Zurzeit arbeite ich an der Übersetzung des Romans Die Zeitwaage von Lutz Seiler, der 2010 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Es handelt sich um eine Sammlung von Erzählungen, die für mich persönlich faszinierend ist, da die meisten von ihnen die Lebenserfahrung und -atmosphäre in der damaligen DDR durch intime Erzählung über persönliche Befindlichkeit vermitteln, wobei in allen Erzählungen ein schwerwiegendes Ereignis beziehungsweise einschneidendes Erlebnis im Leben der Protagonisten diese Befindlichkeit prägt. Die Einzelteile sind verbunden durch ein Netz von Motiven, deren symbolische Aussagekraft jedoch von existentieller Bedeutung jenseits der spezifischen Zeit und des historischen Orts ist. Sie kreisen um Fragen des Lebens und des Todes, der Einsamkeit und der Schuld als allgemeinmenschliche universelle Konstanten.

Welches Werk würden Sie gerne übersetzen und warum?
Es gibt immer wieder neue reizvolle Bücher, die man gern übersetzen würde. Ich halte Bücher, die durch ihr Sujet potentiell einen Leistungsmehrwert an interkultureller Verständigung in sich tragen, für besonders übersetzungs-würdig. In diesem Zusammenhang fällt mir der Roman Die Laute von Michael Roes ein, in dem es um das Leben von Asis geht, einem Jemeniten, der nach dem Verlust seines Gehörs nach Polen zieht und sich dort der Komposition einer modernen Oper widmet.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zum Autor? Begründen Sie!
Den Kontakt zum Autor halte ich für wichtig, da literarische Texte sich im Vergleich zu anderen Textsorten durch ein Maß an Verschlossenheit auszeichnen, die zugleich eine Offenheit des Sinnangebots ist. Diese kann und soll in der Übersetzung zwar nicht getilgt werden, sollte jedoch im Sinne der Intention des Autors übertragen werden. Außerdem bleibt auch jeder Kulturgrenzgänger hier und da vor kulturspezifischen Phänomenen im Text stehen, die außerhalb seines Erfahrungshorizonts liegen und einer vermittelnden Klärung bedürfen.

„Einer Übersetzung darf man auf keinen Fall anmerken, dass sie eine Übersetzung ist.“ – „Dem Leser einer Übersetzung muss ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden dürfen.“ Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie eher zu und warum?
Ich würde eher der zweiten Aussage zustimmen, denn dieses Mindestmaß an Fremdheit ist die erhaltene Spur, die vom Originalcharakter des Ausgangstexts zeugt, das durch die Übersetzung nicht getilgt werden sollte. Die erste Position würde dagegen einer Adaption gleichkommen, die ich angesichts der kulturellen Spezifik von literarischen Texten für nicht angemessen halte.

In welchem der von Ihnen übersetzten Texte haben Sie am deutlichsten eine kulturelle Distanz verspürt?
Jedem literarischen Werk ist ein Quantum an Fremdheit inhärent, das auch zum Reiz der Übersetzungsarbeit und zur Herausforderung beiträgt. Bei Ingo Schulzes Noch eine Geschichte im Erzählband Handy wird diese durch Intertextualität verdichtet. Der Erzähler, ein Schriftsteller, liest im Zug das Manuskript seiner Erzählung, die im Gespräch tritt mit Erzählungen von Schriftstellerkollegen Imre Kertész und Peter Esterházy, deren Sätze er einbaut, und die ebenfalls eine Zugfahrt von Budapest nach Wien zum Gegenstand haben und Grunderfahrungen in totalitäten Strukturen thematisieren. Ich fand mich genötigt, die Erzählungen von Kertész und Esterházy zu besorgen und zu lesen, um die intertextuellen Zusammenhängen selbst zu erschliessen.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?
In der Erzählung Turksib von Lutz Seiler begegnet der Ich-Erzähler während einer Zugfahrt durch die kasachische Steppe dem kasachischen Heizer, der einmal auswendig gelernte deutsche Verse aus Heinrich Heines Loreley mit übermäßiger an Leiden grenzender Anstrengung aus dem Gedächtnis wie aus der eigenen Kehle hervorzuziehen versucht, und durch die eigene russische Aussprache fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Diese Zwangsbegegnung mit dem Fremden, die gleichzeitig eine Begegnung mit dem eigenen Kulturgut im fremden Mund ist, wird vor allem durch die Artikulation des Heizers deutlich.
Eine inhaltliche Übersetzung der Verse Heines ins Arabische wäre an diese Erfahrung des Erzählers vorbeigegangen und somit auch der Textintention kaum gerecht. Ich habe mich daher schließlich dafür entschieden, die durch die russische Aussprache entstellten deutschen Verse in arabischer Transkription stehen zu lassen, um die akustische Erfahrung des Fremden zu bewahren.

Ihrrweiss niehrrt, wahs sohlbe deute,
dass ihrrsoo trau riehrrtbien,
eimährre aussallteseite…

  Hala Ghoneim © privat
Vom Deutschen ins Arabische übersetzte Werke:

Seiler, Lutz
نبض الزمن
Verlag: Modern Bookshop
2015. 301 Seiten
ISBN 978-977-410-368-5
Originalsachtitel: Die Zeitwaage


Schulze, Ingo
هاتف محمول
Verlag: Sefsafa Publishing House
2014. 312 Seiten
ISBN 978-977-5154-15-6
Originalsacht.: Handy

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