Hassanein, Mahmoud

Foto: Nadia Mounir © Goethe-Institut Kairo
Mahmoud Hassanein

Geboren 1982 in Kairo – Ägypten

Studium der Germanistik, Arabistik und Translationswissenschaft in Kairo und Germersheim. Übersetzer und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich 06 der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim.

Mail Symbolmahmoudhassanein@gmail.com


Stipendien und Auszeichnungen

November 2014 Deutsch-Arabischer Übersetzerpreis 2013/2014, Preisträger in der Kategorie „Nachwuchsübersetzer“


Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?
Meine erste Erfahrung mit dem Übersetzen habe ich an der Sprachenfakultät Al-Alsun der Ain Shams-Universität in Kairo gemacht. Ich hatte damals das Glück, Übersetzungsübungen bei Dozierenden wie Muhammad Badr und Assem El Ammary zu belegen, die mein Interesse am Übersetzen weckten. Seitdem kann ich mich in keinem anderen Beruf vorstellen. Durch glückliche Zufälle bin ich nach meinem Studium bei einem internationalen Unternehmen gelandet, das auf Fachübersetzung und Übersetzersoftware spezialisiert ist. Nach einigen Jahren, in denen ich den Alltag eines professionellen Übersetzers kennenlernen durfte, habe ich beschlossen, ein Masterstudium in Germersheim aufzunehmen und dort habe ich das Literaturübersetzen für mich entdeckt. Wieder dank herausragender Lehrenden, zu denen ich Mustafa Al-Slaiman und Andreas F. Kelletat zählen darf.

Woran arbeiten Sie gerade und was hat Sie an diesem Text am meisten gefangengenommen?
Bei mir auf dem Schreibtisch liegt im Moment ein Gedicht von dem Katarer Mohamed Al-Ajami. Angezogen hat mich nicht der Text an sich, sondern zum einen die Geschichte um ihn herum. Al-Ajami wurde wegen dieses Gedichts zu 15 Jahren Haft verurteilt! Dabei ist das Gedicht eigentlich ganz harmlos im Vergleich zu dem, was tagtäglich auf Al-Jazeera an Kritik geäußert wird. Zum anderen habe ich durch dieses Gedicht die Gelegenheit, einen für mich neuen Übersetzungsmodus anzuwenden. Ich erstelle eine kommentierte Interlinearversion, aufgrund derer der Lyriker Hans Thill ein Gedicht verfassen wird. Das Endergebnis soll in der Literaturzeitschrift allmende veröffentlicht und im Rahmen der Heidelberger Literaturtage vorgestellt wird.

Welches Werk würden Sie gerne übersetzen und warum?
Mich interessiert beim Übersetzen eher das Wie als das Was. Ich übersetze gerne Texte, die sich in originellen Formen präsentieren, oder die Möglichkeit zu unkonventionellen Übersetzungsformen anbieten. Ich würde da gern experimentieren. Ich würde gern auch mal zwei bedeutende Wissenschaftler dem arabischen Leser vorstellen: den Translatologen Hans J. Vermeer und den Soziologen Niklas Luhmann. Vom Letzteren liegt, soviel ich weiß, nur ein Buch auf Arabisch, vom Ersteren nicht mal ein Aufsatz vor.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zum Autor? Begründen Sie!
Gar nicht! Ich meide, solange es geht, jeden Kontakt mit dem Autor. Denn ich glaube, dass der Text, sobald er veröffentlicht wurde, dem Autor nicht mehr gehört. Er gehört dem Leser und dem Übersetzer als Leser, der ihn interpretiert und in seiner Zielsprache neu formuliert. Fragen wie „Wie haben Sie das gemeint, Herr Autor?“ bringen in der Regel einen nicht weiter, vor allem wenn der zu übersetzende Text ein paar Jahre zurückliegt. Ich habe auch immer die Befürchtung, dass der Autor einen unsympathischen Eindruck auf mich hinterlassen würde, was negativ auf mein intimes Verhältnis zum Text auswirken könnte!

„Einer Übersetzung darf man auf keinen Fall anmerken, dass sie eine Übersetzung ist.“ – „Dem Leser einer Übersetzung muss ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden dürfen.“ Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie eher zu und warum?
Fremdheitserfahrung können wir auch machen, wenn wir Texte in Original oder gar in unserer Muttersprache lesen. Wir machen diese Erfahrung als arabischsprachige Leser, wenn wir zum Beispiel Gedichte von al-Mutanabbi, Ibn Arabi oder Adonis lesen. Ich glaube, dass die Dichotomie „verfremdend vs. einbürgernd Übersetzen“ zu kurz greift. Übersetzungen sollten idealerweise als literarische Werke eigenen Rechts gelesen werden. Ob sie verfremdend oder vertraut wirken, hängt an erster Stelle von dem (literarischen) Hintergrund des Lesers ab.

In welchem der von Ihnen übersetzten Texte haben Sie am deutlichsten eine kulturelle Distanz verspürt?
Ich verspüre in letzter Zeit Unbehagen, wenn ich ‚Kultur‘ höre oder lese. Mein Eindruck, dass wir dem Kulturbegriff einerseits viel zu viel Bedeutung zumessen. Andererseits stellen wir ihn simplifiziert dar. Wir denken Kultur räumlich und statisch, als ob die Grenzen zwischen den Kulturen schon vorgegeben und unveränderbar wären. Hier sei die deutsche Kultur, dort die arabische! Ich glaube aber, dass die Kulturen als Denkmuster, die sich in unserem Verhalten und unserer Sprache widerspiegeln, viel komplizierter sind. Kulturen sind dynamisch und mehrdimensional. Dynamisch in dem Sinne, dass die Grenzen bei jeder Begegnung, und gerade beim Übersetzen, neu gezogen und verschoben werden (können). Und das versuche ich in meinen Übersetzungen zu machen. Mehrdimensional meint mehrschichtig. Wer kann zum Beispiel behaupten, mit all den geschichtlichen Schichten seiner Kultur vertraut zu sein? Man entdeckt manchmal beim Übersetzen Aspekte an seiner eigenen Kultur, die einem fremd sind. So habe ich beim Übersetzen von Eine Woche voller Samstage die altarabischen Namen für die Wochentage entdeckt, die auch für viele arabische Leser fremd sein dürften.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?
Erst wenn sprachliche Schwierigkeiten vorliegen, wird das Übersetzen für mich interessant. Texte, die als schwierig oder gar als ‚unübersetzbar‘ gelten, reizen mich ganz besonders. So hatte ich zuletzt eine Menge Spaß beim Übersetzen von Kinder- und Nonsensgedichten von Manfred Peter Hein. Ähnliche Schwierigkeiten hatte ich ebenfalls beim Übersetzen der Reime in Eine Woche voller Samstage, von dem ich eben erzählt habe. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Reime in diesem Roman des Öfteren dazu benutzt werden, um den Dialog und die Handlung zu entwickeln.

  Mahmoud Hassanein | Foto: Nadia Mounir © Goethe-Institut
Vom Deutschen ins Arabische übersetzte Werke:

Präauer, Teresa
إلى سيد ما وراء البحار
Verlag: Kalima
2015. 126 Seiten
Originalsachtitel: Für den Herrscher aus Übersee


Glattauer, Daniel
نسيم الصبا
Verlag: Kalima
2015. 337 Seiten
ISBN 978-9948-17-459-2
Originalsachtitel: Gut gegen Nordwind

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