Wilhelm Genazino: Porträt

Wilhelm Genazino, © Peter-Andreas Hassiepen

Hassiepen

… wenn man auf Dinge schaut, die mit einem verwachsen sind, dann fangen sie an zu sprechen – dann ist man drin. Ich habe das vielleicht nicht ganz reell dargestellt, aber das macht nichts. Denn: Wer spricht eigentlich in uns? Die Erinnerung? Ein Gegenstand?

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren. Nach einem Volontariat in der Rhein-Neckar-Zeitung studierte er Germanistik, Philosophie und Soziologie in Frankfurt a.M. und arbeitete anschließend als freier Journalist und Redakteur. Bis 1971 schrieb er für das Satiremagazin Pardon und von 1980 – 1986 war er Mitherausgeber der Zeitschrift Lesezeichen. Daneben machte er sich als Hörspielautor einen Namen und ist noch immer einer der wichtigsten Vertreter dieses in Deutschland sehr beliebten Genres. Der Liebhaber spanischer Literatur lebt seit 1998 in Heidelberg.

Als Romanautor erregte Genazino 1977 mit seiner Abschaffel-Trilogie Aufsehen und gehört seither zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. Mit den sogenannten Angestellten-Romanen der 1970er Jahre stellte er sich in die Tradition eines kritischen Realismus. Der Entwurf einer „Phänomenologie des Alltags“ aus der Sicht eines Angestellten, formuliert zugleich eine Klage über Entfremdung, Identitätskrise und Wirklichkeitsverlust. Mit Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz von 1989 verabschiedet sich Genazino zunehmend vom soziologisch-deterministischen Blick und öffnet sich, auch stilistisch, einer individualistischeren Lesart des Alltagslebens. Die Protagonisten seiner heutigen Romane, so formuliert es der Autor selbst, „wissen, wie schwierig es ist, unabhängig zu sein – das heißt auch, unabhängig zu fühlen und zu denken –, „aber sie versuchen es trotzdem mit einigem Erfolg“. Seine Bücher zeichnen sich aus durch eine genaue, ungekünstelte Sprache und eine messerscharfe Wahrnehmung.

Genazino wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 1996 mit dem Berliner Literaturpreis, 2004 mit dem Georg-Büchner-Preis und 2007 mit dem Kleist-Preis.

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    Harry Kühn liest Mittelmäßiges Heimweh