Durs Grünbein: Leseprobe

Der Cartesische Hund
Wedelnd um jedes Nein das ihn fortschleift
Worte wie Flöhe im Fell, die Schnauze im Dreck

Ohren angelegt auf der Flucht vor den Nullen
Gejagt von den kleineren Übeln ins Allergrößte

Müde der leeren Himmel, die Kehle blank
Gehorcht er dem Ersten das kommt und ihn denkt

Aus: Schädelbasislektionen, S. 91
© Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1991


Kosmopolit
Von meiner weitesten Reise zurück, anderntags
Wird mir klar, ich verstehe vom Reisen nichts.
Im Flugzeug eingesperrt, stundenlang unbeweglich,
Unter mir Wolken, die aussehn wie Wüsten,
Wüsten, die aussehn wie Meere, und Meere,
Den Schneewehen gleich, durch die man streift
Beim Erwachen aus der Narkose, sehe ich ein,
Was es heißt, über die Längengrade zu irren.

Dem Körper ist Zeit gestohlen, den Augen Ruhe.
Das genaue Wort verliert seinen Ort. Der Schwindel
Fliegt auf mit dem Tausch von Jenseits und Hier
In verschiedenen Religionen, mehreren Sprachen.
Überall sind die Rollfelder gleich grau und gleich
Hell die Krankenzimmer. Dort im Transitraum,
Wo Leerzeit umsonst bei Bewußtsein hält,
Wird ein Sprichwort wahr aus den Bars von Atlantis.

Reisen ist ein Vorgeschmack auf die Hölle.

Aus: Nach den Satiren, S. 79
© Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1991


Robinson in der Stadt
aus dem Zyklus: Asche zum Frühstück (1999)
Wie die Ufer versteinern ... Nur er schaut aufs Meer hin wie immer.
»Dieses winzige Zweibein, wer ist das?«, fragen sich stumm die Gerüste
Am neusten Büroturm, die skelettsteifen Kräne. »Absolut spinnert«,
Gähnt ein Erdloch und stinkt.

Aus dem Schiffbruch kein Zimmer,
Vom Kinderbett keine Planke blieb übrig. »Nicht, daß ich wüßte«,
Schweigt ein Sperrzaun, befragt, ob der Mensch ihn an etwas erinnert.
Doch er kann es nicht lassen. Tief im Landesinnern gestrandet,
Sind die Dächer der Vorstadt sein Horizont, den er absucht. Wonach?
Aus den Segeln wurde die Leinwand der Kinos. Was draußen brandet,
Ist nur der Autoverkehr. Kein Mast, der ihm nicht droht »Dich leg ich flach«.
»Verpiß dich!« schallt es von jedem Friedhof, den die Bulldozer räumen,
Weil die Liegezeit um ist, verjährt sind die Abos für morsche Gebeine.
Allerorts treibt ein Blaulicht durch Straßen, ohrenbetäubend – tatüü,tatüü!
Nur er grast den Beton ab, Sammler von Strandgut, kommt nie ins Reine,
Wenn am Freitag zum Beispiel, auf hohem Absatz, genug zum Träumen,
Ein Chanson mit den Hüften schwenkt: »La mort vient et je suis nu ...«.

Aus: Nach den Satiren, S. 85
© Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1991

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