Rosa Maria Malet: der gute Engel von Miró

Rosa Maria Malet leitet seit 1980 die
Fundació Miró. Sie hat Philosophie und Literaturwissenschaft studiert,
sich auf Kunstgeschichte spezialisiert und ist Expertin für das Werk
von Joan Miró. Sie hat zwei Bücher und zahlreiche Artikel über Joan
Miró geschrieben und war als Kuratorin für eine ganze Reihe von
Ausstellungen verantwortlich. Durch die Arbeit für die Stiftung hat sie
sich zudem mit verschiedensten Strömungen zeitgenössischer Kunst
befasst.
Señora Malet, die Einrichtung, die Sie leiten, ist dem Werk Joan Mirós
gewidmet. Werden darüber hinaus auch andere temporäre Ausstellungen
ausgerichtet? Und wenn ja, welchen Kriterien müssen die ausgesuchten
Künstler entsprechen?
Die Kriterien orientieren sich vor allem an unseren Schwerpunkten. Da
wären die von uns organisierten Ausstellungen zur Verbreitung neuester
Tendenzen in der experimentellen Kunst zu nennen. Das, was wir für den
Raum 13 vorsehen, es handelt sich da um einen Saal, der nur eine
Installation oder nur eine Einzelausstellung eines Künstlers zulässt.
Dann haben wir noch die Säle, in denen temporäre Ausstellungen,
ebenfalls von zeitgenössischen Künstlern, präsentiert werden, sowohl
aus der Generation von Miró, die man schon zu den Klassikern zählt, als
auch aus späteren Generationen, d.h. es geht um die Zeit von Beginn des
20. Jahrhunderts an bis zur Aktualität. Die Ausstellungen müssen nicht
notwendigerweise in Bezug zu Miró stehen, doch entsprechend den von
Joan Miró bestimmten allgemeinen Richtlinien, versuchen wir solchen
künstlerischen Ausdrucksformen Vorrang zu geben, denen entweder
besondere Bedeutung in der Entwicklung zeitgenössischer Kunst zukommt
oder bei denen die Charakteristik des Werks für den Künstler wichtig
ist.
Ist es für Ihre Arbeit relevant, dass sich das Museum in Barcelona, in
Katalonien und nicht an irgend einem anderen Ort befindet?
Doch, das ist wichtig, denn ich meine, dass in der Person von Joan Miró
selbst, Barcelona, das Mittelmeer und Katalonien als Referenz für den
Standort des Museums zu erkennen ist. Mirós eigene Wurzeln bestimmen
den Charakter seines Werkes ebenso wie sie den Charakter dieses
Gebäudes beeinflusst haben.
Welche Rolle nimmt die Fundación Miró in der Museenlandschaft der Stadt Barcelona ein?
Die Situation in unserer Stadt, in unserem Land hat sich sehr
verändert.
Als vor dreißig Jahren die Pforten für das Publikum geöffnet wurden,
gab es kaum Alternativen, so dass in der Fundació Miró sehr
unterschiedliche Ausstellungen – von politisch radikalstem bis zu dem,
was gerade aktuell war - gezeigt wurden. Und das Publikum wollte alles
sehen, gleichgültig was für eine Ausstellung wir gerade anboten.
Heutzutage gibt es sehr viele Museen in der Stadt, die zeitgenössische
Kunst ausstellen. Vor allem seit das MACBA eröffnet wurde, ist es
möglicherweise dort und nicht in der Fundació Miró, wo inzwischen die
aktuellsten und radikalsten Ausstellungen gezeigtt werden. Außerdem
liegt es wohl auch an Joan Miró selbst, an seiner Persönlichkeit, die
nicht mehr in Frage gestellt wird, dass hier mehr als an anderen Orten
Künstler seiner Generation präsentiert werden.
Hier im Haus werden auch Musikzyklen organisiert. Ist das nicht etwas sehr Ungewöhnliches für ein Kunstmuseum?
Joan Miró selber hatte sich die Stiftung als ein für jedwede
zeitgenössische Kunstform offenes Zentrum vorgestellt. Und
Musikveranstaltungen hat es in der Fundació immer gegeben. Die Art der
Musik, die hier aufgeführt wird, ist – sagen wir mal - so speziell,
dass eine Art „abhängiges“ Publikum entstand, ein Publikum jedenfalls,
das die Veranstaltungen der Zyklen getreu besucht.
Baut die Fundació auf die Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen wie dem Goethe-Institut?
Man kann das so nicht sagen. Weder baut die Fundació auf die
Unterstützung anderer Institutionen, noch hofft sie darauf, ich will es
mal gewissermaßen egoistisch formulieren, die Stiftung „braucht“ die
Unterstützung, denn wir sind und waren nie eine reiche Einrichtung.
Nichtsdestoweniger stehen für uns die Inhalte an erster Stelle. Und was
die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut angeht, so war das stets
eine sehr positive Erfahrung, die in Inhalten und Interessen eindeutig
übereinstimmte. Schon in schwierigen Zeiten für die Stadt Barcelona hat
von Seiten des Goethe-Instituts eine Öffnung stattgefunden. Dank der
ausländischen Institute und dem Goethe-Institut konnte sich Barcelona
in jener Zeit nach außen hin offen halten, was damals etwas sehr
Schwieriges war. Doch auch nachdem diese konfliktreiche Zeit hinter uns
lag, gingen vom Goethe-Institut sehr wichtige Beiträge und kulturelle
Impulse aus.
Señora Malet, im Laufe der Jahre sind sehr viele Projekte gemeinsam vom
Goethe-Institut und der Fundació Miró organisiert worden. Hat diese
Kooperation Spuren hinterlassen?
Doch, es hat in der Tat sehr interessante gemeinsame Projekte gegeben.
Davon sind durchaus Spuren geblieben, zumal die Arbeit des
Goethe-Instituts kontinuierlich auf qualitativ hohem Niveau fortgeführt
wird. Hat das Einfluss auf die Auswahl der Künstler gehabt? Schwer zu
sagen. Heutzutage erfährt man von aktuellen Strömungen der
verschiedenen Länder auf der Documenta in Kassel oder der Bienale in
Venedig. Für uns ist Deutschland stets eine Art Bezugspunkt und zwar
mittels des Goethe-Instituts gewesen.
Haben Sie so etwas wie ein Lieblingsprojekt? Welche der gemeinsam durchgeführten Aktivitäten halten Sie für die Wichtigste?
In der Anfangszeit der Stiftung dienten einige Projekte wohl der
allgemeinen Information, dem Bekantmachen von Dingen, die man bis dato
nur in Schriftform kannte. Ich erinnere mich z.B. an eine Ausstellung
über das Bauhaus, die sehr großen Anklang fand. Natürlich weiß jeder,
was das Bauhaus ist, aber die ganze Geschichte über Grafiken und
Modellbauten, verständlich erklärt, verfolgen zu können, war wirklich
sehr wichtig. Außerdem gab es eine Ausstellung über Max Klinger, den
man zu jener Zeit in Barcelona kaum kannte und ich glaube, dass ihn
viele dank dieser Ausstellung für sich entdeckten.
Welche Bedeutung hat für Sie deutsche Kunst? Glauben Sie,
dass die bildende Kunst derzeitig irgendwie identitätsstiftend wirkt
oder gibt es nur noch schlicht den individuellen Künstler – den
Weltbürger – sozusagen?
Mir kommt Deutschland als ein Land mit starker kreativer Kraft vor,
mithin als sehr wichtig in Bezug auf Kunst, und zwar sowohl in den
bildenden Künsten, wie in der Musik oder anderen Bereichen. Berlin nach
der Wiedervereinigung zu besuchen war vielleicht in den letzten Jahren
eine der lohnendsten Erfahrungen für mich. Es gibt so eine
außerordentliche Kreativität in Deutschland ganz allgemein und in
Berlin ganz speziell. Und in diesem Sinne, mehr noch als um nationale
Kunst, sei sie deutsch, amerikanisch oder spanisch, geht es um Städte
mit ganz besonderer Ausdruckskraft. Und das, wenn auch in bescheidener
Form, erlebt Spanien gerade an einigen besonders kreativen Orten, dank
der Existenz einer guten Kunsthochschule z.B., wo sich Hochschullehrer
um neue Ideen bemühen. Es gibt Städte in der Welt, wie Berlin oder
Köln, wo das wichtige Potenzial vermutlich auf eine starke akademische
Tradition zurückzuführen ist. Wann immer möglich, versuche ich, auf das
Gleiche hinzuweisen: die Politiker haben kein ausreichendes Interesse
an der Verbesserung des akademischen Niveaus der Universitäten, denn
die Resultate werden dort nur langfristig deutlich und Politiker sind
normalerweise nur an unmittelbaren Erfolgen interessiert. Bei den
Ländern, die so weise waren, sich um eine fundierte Ausbildung zu
sorgen, sieht man die Ergebnisse. Ich glaube, Deutschland ist ein
klares Beispiel dafür.
Der Aktionskontext für die Fundació ist dabei, sich zügig zu verändern:
die Globalisierung, das Internet. Wie sehen Sie die Zukunft für das
Museum?
Ich weiß nicht, was alles passieren kann. Ich bin ein bisschen
pessimistisch in Bezug darauf, ob man auch weiterhin große
Ausstellungen großer Künstler organisieren kann, denn die
Versicherungspreise steigen beständig und in schwindelerregende Höhen
und so ist es auch immer schwieriger, an Kredite heranzukommen. Als die
Fundació vor dreißig Jahren eröffnet wurde, wäre wohl niemand auf die
Idee gekommen, dass eines Tages in diesem Zentrum jemand benötigt
würde, der sich mit fundraising beschäftigt. Und jetzt ist das ein
fester Posten im Team. Vielleicht sollte sich auch das Goethe-Institut
vornehmen, eine Einrichtung zur Unterstützung von Kontakten der
Kulturzentren des Landes untereinander und der Betriebe zu werden, die
sich mit finanziellen Mitteln beteiligen möchten.
Wie beurteilen Sie die Arbeit des Goethe-Instituts in Barcelona? Was erhoffen Sie für die Kooperation der Zukunft?
Das Goethe-Institut ist meiner Meinung nach stets ein sehr
aktives Zentrum gewesen, das sich immer offen für neue Strömungen
gezeigt hat. Das hat die Stadt Barcelona möglicherweise sogar insoweit
geprägt, dass für die Institutionen, die später dem Publikum zugänglich
gemacht wurden, das Goethe-Institut in großem Maßstab als Modell
diente. Angefangen bei der Fundació Miró, als vielleicht älteste
Einrichtung bis hin zum CCCB der heutigen Zeit. Welcher Aspekt wäre
noch hinzuzufügen? Dass wir sehr zufrieden wären, wenn wir für einige
Projekte über bessere wirtschaftliche Unterstützung verfügen könnten.
Vielen Dank für das Gespräch.
Rosa María Malet ist die
Leiterin der Fundació Miró
Leiterin der Fundació Miró
Aus dem Spanischen übersetzt






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