Teatre Lliure

Mit einem Blick nach Deutschland
Àlex Rigola: ein Visionär des Teatre Lliure

Seit 2003 ist Àlex Rigola (Barcelona, 1969) künstlerischer Leiter des Teatre Lliure. Seine Regiearbeit an verschiedenen Theatern in Katalonien begann mit Werken von Heiner Müller und Franz Kafka. Schon nach kurzer Zeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und als einer der wichtigsten Regisseure Spaniens gefeiert. Ihm liegt es, klassische Werke in moderner Zeit und Gesellschaft anzusiedeln, sowie Musik, Tanz und visuelle Projektionen mit einzufügen.

„Teatre Lliure“ (Freies Theater) ist der Name zugleich Programm? Wie definiert sich das Teatre Lliure, was unterscheidet es von anderen Theatern?
Das Teatre Lliure hat in der Vergangenheit ganz verschiedene Stadien durchschritten, momentan ist jedoch das wichtigste, dass es ein Theater mit einer gewissen Unabhängigkeit, einer gewissen Freiheit ist, auch wenn es sich um eine öffentliche Einrichtung handelt, die ökonomisch von vier, auf Stadt- und Landesebene unterschiedlichen Verwaltungskörperschaften abhängig ist und die ihrerseits ein Gremium gebildet haben, das angefangen von den Haushaltsanschlägen bis zum künstlerischen Leiter des Theaters alle Entscheidungen gemeinsam verantwortlich zeichnet. Das ist wichtig, denn es verleiht dem Theater gewissermaßen Unabhängigkeit gegenüber der politischen Regierungspartei.

Die Ideen, die wir im Teatre Lliure verwirklichen möchten, richten sich an das Publikum, an die Bürger der Stadt, zu denen wir den Kontakt suchen. Wir legen großen Wert darauf, dass der Zuschauer nach der Vorstellung noch eine Weile im Theater bleibt, einen Kaffee oder ein Bier trinkt und sich über das, was aufgeführt wurde unterhält, oder an dem Dichtungsfaden weiterspinnen kann.

Wieviele neue Produktionen sind alljährlich im Programm vorgesehen?
Das ist sehr unterschiedlich. Grundsätzlich führen wir – im großen und im kleinen Saal zusammen -  acht eigene Theaterstücke und vier Tanzproduktionen auf. Allerdings ist die Programmplanung damit noch nicht abgeschlossen. Wir gehen davon aus, dass eine Aufgabe des öffentlichen Theaters darin liegt, dem Zuschauer ganz allgemein ebenso wie dem Fachpublikum das, was außerhalb von hier produziert wird, zugänglich zu machen, denn das bringt uns sowohl als Publikum wie auch als Professionelle auf der Bühne weiter, weil wir davon lernen.
So gehören rund um die eigene Programmplanung herum internationale Produktionen ebenso dazu wie einige elektronische Jazzkonzerte. Nicht zu vergessen, die Fotoausstellungen im Eingangsbereich. Stück für Stück verwandelt sich dieses Haus vom reinem Theaterraum zum Kulturzentrum.

In den letzten Jahren waren im Teatre Lliure mehr deutsche Produktionen zu sehen. Welchen Platz nimmt, Ihrer Meinung nach, das deutsche Theater gegenwärtig ein?
Es ist offenkundig, dass das deutsche Theater ein Modell, ein Theater in beständiger Entwicklung vertritt, dem man nur zu gerne folgt. Wir sind wirklich fasziniert vom deutschen Theater, das wir derzeitig für den Inbegriff des modernen Theaters schlechthin halten. Die Aufführungen der Berliner Theater gehören weltweit zu den interessantesten, so dass wir uns nah am Pulsschlag der Zeit fühlen.
Vor ein paar Monaten haben wir uns hier Die zehn Gebote der Volksbühne, in der Inszenierung von Christoph Marthaler ansehen können. Ich glaube, dass er da zu fühlen war, der Pulsschlag, die Art zu sehen und auf der Bühne etwas zu erklären. Uns stärkt der Blick dorthin auf ganz besondere Weise. Es wäre schlimm, wenn wir keine Vorbilder hätten. Sogar in meiner Inszenierung von Richard III. steckt nicht wenig von dem, was ich zuletzt im deutschen Theater gesehen hatte. Indessen glaube ich nicht an ein schlichtes Nachmachen. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass es sich dabei um Lernen und um die Verbindung von Tendenzen handelt, um den Versuch, von diesem Modell das als Modell zu übertragen, was auch im katalanischen Theater gut aufgenommen wird.

Bei welchen Projekten haben Sie persönlich mit dem Goethe-Institut zusammengearbeitet?
Bei allen Aufführungen in Zusammenhang mit dem deutschen Theater, seit ich Intendant bin. Daraus sind für mich auch mehr als nur berufliche Beziehungen entstanden, es ist zu einer ganz persönlichen Frage geworden, einen der Meister des neuen zeitgenössischen Sprechtheaters wie es Thomas Ostermeier ist, hier zu haben, und ihn nicht nur für eine einzelne Vorstellung einzuladen, sondern gleich über mehrere Spielzeiten hinweg, verschiedene seiner Regiearbeiten vorstellen zu können. Für die nächste Spielzeit ist eine spanisch-deutsche Mixtur vorgesehen: L’àngel exterminador . (Der Würgeengel). Grundlage ist ein spanischer Film, in der Regie von Luis Buñuel, dessen Stoff sich Thomas Ostermeier für Deutschland einverleibt hat. Das Resultat werden wir hier zu sehen bekommen und es ist eine sehr schöne Sache, diesen Prozess zu verfolgen und zu durchleben.

Darüber hinaus haben wir uns sehr intensiv mit dem Thema Tanz befasst. Es ist uns gelungen das Stück „D’Avant“ vorzustellen. Wir sind sehr daran interessiert, Sasha Waltz hier zu haben. Durch die Zusammenarbeit mit dem Grec sind wir dabei, alles, was Volksbühne ist, hierher zu bringen, die Arbeit von Marthaler ebenso wie die von Frank Carstorf. Es würde uns gut gefallen, so ein Goethe-Institut auch für die Katalanen zu haben, und zwar mit all dem dahinter stehenden Potential. Allerdings meine ich damit, dass es keineswegs nur auf  Kraft ankommt, sondern vielmehr dass es um die Personen geht, die etwas mit dieser Institution zu tun haben.    

Nachdem nun enge Kontakte zu den deutschen Theatern hergestellt worden sind,
bedeutet die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut nach wie vor eine Hilfe für das Teatre Lliure?
Ja, denn es handelt sich nicht nur um ein gemeinsames Wirken auf künstlerischer oder inhaltlicher Ebene, sondern es geht bei dieser Zusammenarbeit auch um finanzielle Unterstützung. Das Goethe-Institut finanziert z.B. die Reisekosten, was ich für eine sehr gelungene Formel halte, die sehr gerne und so oft wie möglich auch auf uns angewendet werden sollte, wenn wir selbst ins Ausland fahren. Das Goethe-Institut trägt dazu bei, die deutsche Kultur zu exportieren und zwar auf vortreffliche und sehr demokratische Weise, denn es sind die Theater selbst, die die Kompanien anfordern. Das Institut wirkt mehr als Vermittler, doch es verpflichtet dich nicht auf diese oder jene Kompanie, stattdessen ist es dir behilflich, bei dem, was du machen möchtest. Das ist eine großartige Art und Weise des Vorgehens, es sollte als Vorbild für die Institutionen gelten, die internationaler Kreativität im eigenen Land Raum geben möchten, denn dadurch dass die Theater selber und nicht die Institutionen die jeweilig einzuladende Kompanie aussuchen,  kann man hier von wahrhaft demokratischen Verfahren sprechen.

Das Teatre Lliure befindet sich in der privilegierten Situation Subventionen von der Stadt Barcelona, der Generalitat, also der Landesregierung Kataloniens, sowie auch Mittel aus Madrid, vom spanischen Staat zu erhalten.  Ist das für die deutschen Kollegen schon Mal ein Motiv für Neid?
Nein, ganz im Gegenteil. Ein Theater wie die Schaubühne, also ein öffentliches Theater wie das Teatre Lliure, verfügt über drei Mal so hohe Haushaltsmittel. Darauf sind wir neidisch. Allgemein wird in Deutschland für Kultur drei bis vier Mal so viel ausgegeben wie in Spanien. Wir sind es, die auf die Situation der Theater in Deutschland neidisch sind.

Das Teatre Lliure hat sich in ganz Europa einen Namen gemacht. Gibt es da noch Herausforderungen?
Ja und ob, eine ganze Menge. Die erste Herausforderung kommt in der nächsten Spielzeit auf uns zu, wo es darum gehen wird, die Begeisterung für Autoren aus dem eigenen Land unter Beweis zu stellen. Auch das haben wir mit Blick auf die Schaubühne gelernt. Dass die Akzeptanz gegenüber den Textautoren, gegenüber dem katalanischen Autor genau auf gleicher Ebene liegen muss, wie die gegenüber dem deutschen, dem italienischen, dem englischen oder dem amerikanischen. Ich glaube, wir haben so gute Autoren, dass es sich lohnen würde, den katalanischen Text mehr zu unterstützen, ihn von unserer Arbeit her mehr zu verbreiten, auf den Weg zu bringen, ihm zu helfen und zu begleiten. Das steckt alles noch in den Anfängen. Es ist schon wahr, dass das Teatre Lliure sich inzwischen konsolidiert hat und dass man derzeitig in den europäischen Theatern weiß, wer das Teatre Lliure ist, doch es bleibt noch viel zu tun. Künstlerisch sind wir dabei neue Tendenzen zu entwickeln, aber da genau müssen wir auch weiter kommen. Ein Bereich, der sich im Zusammenhang unserer Tätigkeit vielleicht am zufriedenstellendsten entwickelt hat, ist die Arbeit unserer Schauspieler. Ich glaube, wir sind dabei, eine neue Generation von  Schauspielerinnen und Schauspielern zu konsolidieren, eine Generation, die mit Macht nach oben strebt und das ist – so glaube ich – wichtig für ein Land.

Möchten Sie vielleicht einen speziellen Wunsch für die zukünftige Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut anfügen?
Wenn wir auf demselben Weg weiter gehen, den wir bislang beschritten haben, wüsste ich wirklich nicht, was ich mehr verlangen sollte. Ich fände es sehr schön, wenn alle anderen internationalen Institutionen über die gleiche Kraft verfügen würden und so viel Verständnis aufbringen könnten wie das Goethe-Institut. Wir hoffen, dass diese außerordentlich gute Zusammenarbeit noch lange weitergeführt wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
Àlex Rigola ist
künstlerischer Leiter des Teatre Lliure

Aus dem Katalanischen übersetzt

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