Rosemarie Hess - Gründerin der Deutschen Bibliothek

Die diplomierte Bibliothekarin und Philologin Rosemarie Hess gründete 1955 den Vorläufer des heutigen Goethe-Instituts und leitete die Bibliothek beinahe 30 Jahre lang. Nach dem Ablauf eines Stipendiums in Madrid während der Kriegsjahre war sie nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt und lebt seitdem in Barcelona.
Frau Hess, erzählen Sie uns, wie alles angefangen hat?
Im Sommer 1954 wurde ich zum Konsulat bestellt. Ich hatte lange in der Biblioteca de Catalunya, die früher Biblioteca Central hieß, gearbeitet und in der angeschlossenen Bibliotheksschule auch Unterricht gegeben. Im Konsulat kannte man mich daher. Der damalige Generalkonsul Dr. Schaffarczyk fragte mich, ob ich als Sekretärin für ihn arbeiten wollte, dabei kann ich nicht mal tippen. Ich habe ihm dann gesagt: “Wie wär’s, wenn wir eine Bibliothek aufmachen?” Er fand meine Idee sehr schön. Er sagte: “Dann fangen Sie mal an!” Und so kam das Ganze.

Das heißt, ich machte zuerst einmal einen ausführlichen Kostenvoranschlag. Anfang 1955 wurde ich dann beauftragt, alles vorzubereiten. Sie sagten mir, ich sollte Räume suchen und Möbel, aber möglichst kein Geld ausgeben. Ich fand dann etwas in der Calle Valencia. Das war eine vornehme Wohnung mit salonähnlichen Räumen und einem kleinen Garten, wo wir später Gartenfeste feiern konnten.

Am 2. November 1955 wurde die Bibliothek dann eröffnet. Der Deutsch-Unterricht und auch die Veranstaltungen begannen kurz danach, im Januar 1956. Zu jener Zeit hing die Bibliothek noch über das Generalkonsulat von der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes ab.
Wo bekamen Sie den Grundstock der Bücher her?
Die meisten bekam ich von Inter Nationes. Von einem Dr. Baudisch. Das war eine Serie von Kunstbüchern. Bis zum November 1955 kamen 1.242 Bände zusammen. Später erhielten wir regelmäßig große Buchsendungen von dort. Jedes Jahr gab es auch Beträge zum Kauf für übersetzte Literatur. Es war doch möglich, die Spanier interessierten sich für deutsche Bücher, konnten aber noch nicht deutsch. Die Bibliothek galt dann bald als Informationszentrum jeder Art und wurde wissbegierig von den Spaniern aufgenommen.
Wie wurden damals die Deutschkurse organisiert?
Am Anfang gab es nur zwei Lehrer, Frau Dr. Tech und Herrn Strack. Die wurden zum Generalkonsul gerufen und gefragt, ob sie Deutschkurse geben könnten. Die Armen bekamen aber kein Gehalt, sondern nur das Geld aus den Einnahmen der Kurse. Sie besorgten dann Tische und bezahlten sie aus ihrer eigenen Tasche. Die Stühle liehen sie sich aus dem Veranstaltungssaal aus. Ich machte die ganze Verwaltung der Kurse und nahm das Geld ein.

Wissen Sie, das war eine Zeit, wo eben einfach alles Idealismus war. Jeder freute sich, für Deutschland etwas zu tun, nachdem wir durch den Krieg so viel Ansehen verloren hatten.

Am Anfang hatten wir gleich 50 Schüler und feierten 1956 schon deutsche Weihnachten, mit Weihnachtsbaum und einem Krippenspiel, das Frau Tech verfasst hatte.
Erinnern Sie sich, welches die ersten Veranstaltungen waren?
Das war schon am 12. Januar 1956. Da gab es die erste Veranstaltung, eine Vorführung von Kulturfilmen. Es waren kurze Filme über deutsche Landschaften, Brauchtum und aktuelle Ereignisse. Letztere wurden einmal im Monat im „Deutschlandspiegel“ gezeigt. Später gab es in der Bibliothek auch ein Archiv von Dias und Kulturfilmen in spanischer Sprache, die vor allem an Schulen ausgeliehen wurden.

Am 9. Februar, kurz darauf, fand der erste Vortrag statt. Ich glaube, Reinhold Schneider war der erste Vortragende. Ein deutscher Schriftsteller, der u. a. über Philipp II geschrieben hatte.

Im Laufe der Zeit sind sehr interessante Vortragende aus Deutschland und aus Spanien gekommen. Die aus Deutschland wurden zuerst durch das Auswärtige Amt und später durch das Goethe-Institut vermittelt. Viele von ihnen haben sich auch in meinem Gästebuch verewigt.
Welche Aufgaben hatten Sie damals genau? Haben Sie die Veranstaltungen alleine organisiert?
Also ganz am Anfang habe ich alles alleine gemacht, bis 1958. Einige Veranstaltungen machte ich in enger Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung des Generalkonsulats, einem Herrn Kriegel. Der Kontakt zu Reinhold Schneider kam über einen Dozenten an der Uni. Und schließlich gab es ganz am Anfang eine Vereinigung, die uns half, die „Freunde der Deutschen Bibliothek“. Das waren Deutsche, die hier lebten, vor allem aus der Industrie. Der Präsident war ein Herr Birk.

Ich gab damals Anregungen für die Programme, ließ die Programmhefte drucken und versandte sie. Die Ankündigungen verfasste ich selbst und schickte sie an alle Zeitungen. Das Diario de Barcelona berichtete laufend über uns.

Und wenn etwas besonders interessant war, schrieb ich über verschiedene Veranstaltungen auch Rezensionen. Ich hatte zwar in der Bibliothek zu tun, aber es war ja niemand anderes da. Bis 1958 hatte ich ganz alleine mehr als 25.000 Bücher verliehen und mich um 22.000 Leser gekümmert, die in den Lesesaal kamen.
Sie mussten dann sehr bald wieder umziehen...
Wir hatten binnen kurzem 150 Schüler. Die Veranstaltungen waren auch ganz gut besucht und es kamen immer mehr Besucher in die Bibliothek. Da mussten wir neue Räume suchen. In der Calle Valencia waren wir insgesamt nur zwei Jahre, bis Ende 56. Die Nichte von Frau Tech arbeitete im Instituto de Previsión in der Gran Via und erreichte, dass man uns dort Räume vermietete.

Solange außer mir nur ein Pförtner, eine Putzfrau und ein Filmvorführer tätig waren, standen Klassenräume zur Verfügung. Als dann mehr Personal kam, hatte die Sprachabteilung nicht mehr Platz und zog in andere Räume, in der Gran Via gegenüber. Bis das auch wieder zu klein wurde und sie 1968 in die Calle Diputación musste. Sprachabteilung und Bibliothek sind dann erst wieder unter ein Dach gekommen, als sie vor sieben Jahren in die Calle Manso zogen.

Damals war kein Geld da, einen normalen Umzug zu machen. Wir zogen deshalb 1956 zwischen Weihnachten und Neujahr um und machten alles selbst. Natürlich half jeder mit.

Auch in der Gran Via hieß es zunächst noch „Deutsche Bibliothek“. „Deutsches Kulturinstitut“ nannte es sich erst ab 1960, obwohl wir vorher schon ein Kulturinstitut waren. Zum Goethe-Institut wurde es erst in den 60er Jahren.
Wann erhielt das Institut mehr Personal?
Irgendwann sah das Konsulat ein, dass man mir jemanden zuteilen musste, also eine Art Leiter. Sie gaben mir damals drei Namen und ich konnte immerhin aussuchen – und habe den schlechtesten ausgewählt. Zum Glück musste er nach ein paar Monaten gehen.

1959 kam der nächste Leiter, Dr. Hans Rudolf Picard. In seiner Zeit machten wir viele Konzerte. Und erhielten den Steinway-Flügel – Gott haben wir den da hinauf geschleppt! Der galt lange Zeit als der beste Flügel in Barcelona. Dadurch haben natürlich auch viele Leute gerne in unserem Saal Konzerte gegeben. Die Musiker Joan Guinjoan und Carles Santos kamen sogar immer zum Üben an unseren Steinway-Flügel.

1967 folgte Dr. Turtur als Leiter und dann ging es immer so weiter.
Haben die Veranstaltungen alle bei Ihnen im Haus stattgefunden?
Solange ich alleine war, konnte man da – also in der Gran Via meine ich – Veranstaltungen und auch Ausstellungen machen. Aber nachher kam ja ein Direktor, der brauchte einen Raum, der brauchte eine Sekretärin, einen Programmreferenten, Buchhaltung, etc. Und da waren die Räume alle besetzt.

Wir haben natürlich mit anderen Einrichtungen zusammengearbeitet. Ich glaube, es gab Veranstaltungen in ungefähr 20 verschiedenen Gebäuden – Barcelona hat ja wunderschöne historische Gebäude – ob Tinell, Santa Águeda, Pedralbes oder den Palau de la Música.

Es gab Veranstaltungen in der Biblioteca Central, im Colegio de Arquitectos, in der Deutschen Evangelischen Gemeinde – wo die beste Orgel in Barcelona stand -, dem Zentralgebäude der Universität usw. Die Beziehungen zu vielen dieser Institutionen waren noch dank meiner Tätigkeit in der Biblioteca Central zustande gekommen.
Wie haben Sie den Tod Francos erlebt?
In der Franco-Zeit machten wir zuerst ganz unkritisch unsere Veranstaltungen. Dann in den letzten Jahren vor seinem Tod haben wir uns wirklich exponiert, also sehr Vieles gemacht, wofür wir hätten im Gefängnis landen können. Wir haben allen Intellektuellen, die eben nirgendwo anders zusammen kommen konnten, erlaubt, sich bei uns zu treffen. Das Haus in der Gran Via war ja ein Bürohaus und wurde um neun Uhr unten abgeschlossen und die kamen oft nach zehn. Ich schloss dann immer auf und hörte mir an, wer da kam: „ich bin Literatur Eins“, „ich bin die Gruppe Theater“, „ich bin dies und ich bin das“. Und dann diskutierten sie eben über Politik.

Vor der Uni nebenan gab es öfter Aufmärsche und es kamen Polizisten und Guardia Civil und die Studenten schmissen Steine. Einmal kam einer an und sagte: „Bitte, hier, ich werde verfolgt, ich habe Flugblätter.“ Na ja und ich ganz brav, versteckte sie da unter meinem Schreibtisch.
Wie lange waren Sie dann noch im Institut?
Ich bin bis 1983 geblieben. Die Computer, die E-Mails und all dies habe ich nicht mehr miterlebt. Es ist eine unwahrscheinliche Entwicklung in 50 Jahren. Und es gibt inzwischen so viel Personal! Wir waren immer so wenige.

Also es war schon ein bisschen primitiv, aber es gab Einsatzbereitschaft. So mancher lächelt heute über vieles, was wir mit unseren minimalen Mitteln zuwege brachten. Aber niemand sollte daran zweifeln, wie viel Idealismus eingesetzt wurde, um ein Sandkörnchen zum Verständnis zwischen unseren Kulturen und Menschen beizutragen. – Manchmal waren es 80 oder 90 Wochenstunden! – Und die in Barcelona lebenden Interessierten waren der Bibliothek dafür immer dankbar.

Ja, ich denke, das Institut hat sehr viel geleistet. Und ich hatte viele interessante Jahre dort.
Herzlichen Dank für das Interview

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