Der Hund von Paul Auster – Übersetzen als Kulturtransfer
Der katalanische Autor Jordi Puntí und sein deutscher Übersetzer Michael Ebmeyer sprechen im Interview über Literaturübersetzungen und warum ein Übersetzer sich niemals von der Leine des Autoren losreißen darf.
Sie sind beide Autoren und haben beide Werke anderer Autoren übersetzt. Herr Puntí, Sie haben Paul Auster aus dem Englischen übersetzt. Wen noch?
Jordi Puntí: Zwei Autoren aus dem Französischen und mich selbst habe ich auch schon übersetzt. Vom Katalanischen ins Kastilische. Das war von allen die seltsamste Erfahrung, beinahe ein bisschen schizophren. Man weiß dann nicht: Bin ich jetzt der Autor oder der Übersetzer? Denn wenn du der Autor bist, schreibst du ein weiteres Mal deinen Roman. Da möchtest du die Freiheit haben, Dinge zu verändern. Vielleicht ist inzwischen ein Jahr vergangen und du siehst deinen Text mit anderen Augen. Hast neue Ideen, die dir besser erscheinen als das Original. Als Übersetzer hingegen ist deine Aufgabe, dem Text möglichst treu zu bleiben.
Was machen Sie dann?
JP: Letztlich muss jede Übersetzung – auch die eines fremden Übersetzers – eine Kombination beider Aspekte sein. Man muss dem Originaltext treu bleiben. Aber – und das finde ich noch wichtiger – der übersetzte Text muss für den Leser klingen, als sei er in der Zielsprache verfasst worden. Dabei sind Übersetzer und Autor ein bisschen wie Hund und Hundebesitzer. Der Autor führt seinen Übersetzer spazieren. Manchmal ist die Leine länger, manchmal kürzer. Bei manchen Texten muss der Hund ganz nah neben seinem Herrchen herlaufen. Bei anderen kann er sich auch mal ein paar Meter entfernen. Nie aber kann er ohne Leine laufen. Dann würde er sich verirren. Der Übersetzer schafft nicht aus dem Nichts wie der Autor, sondern aus etwas Vorbestehendem heraus. Und eben das ist eine interessante Erfahrung für einen Autoren, ich war sehr gerne der Hund von Paul Auster.
Und, Herr Ebmeyer, wie gerne waren Sie der Hund von Herrn Puntí?
Michael Ebmeyer: (Lacht.) Oh, ich wollte seinen Roman Maletes perdudes (auf Deutsch: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz) unbedingt übersetzen. Jordi hat mir das Manuskript geschickt, noch bevor ein deutscher Verlag es auf dem Tisch hatte. Ich habe für KiWi ein Lektorat dazu verfasst und empfohlen, dass sie den Roman veröffentlichen. Die Chancen standen gut, da KiWi bereits 2007 Jordis Erzählband Erhöhte Temperatur veröffentlicht hatte.
Was für einen Sprachstil hat Jordi Puntí?
ME: Jordi schreibt in einem guten Sinne bedächtig. Er nimmt sich Zeit, Dinge zu betrachten und hat keine Scheu vor der Abschweifung, bleibt dabei aber konzentriert. Mein Stil ist viel ungeduldiger. Ich bin nicht so detailverliebt. Jordi zum Beispiel schildert in Maletes Perdudes sehr genau die Atmosphäre im Barcelona der 1950er- und 60er-Jahre. Das macht dann den Spaß für mich aus: dass ich als Übersetzer eines Textes einen anderen Autorenstil ausprobieren kann.
Das Bewusstsein für Sprache ist in Katalonien sehr ausgeprägt, nicht nur unter Autoren. Warum?
ME: Sprache ist Identität und die Katalanen legen – in ihrem ausgeprägten Wunsch nach Selbstbehauptung – großen Wert darauf, ihre Sprache zu pflegen. Sie haben immer Angst, dass ihre Sprache vom Kastilischen aufgefressen wird. Deshalb geht diese Dauerbeschäftigung mit der eigenen Sprache auch durch alle Gesellschaftsschichten. Ich habe in Barcelona schon mit Telefontechnikern und Bäckersfrauen über grammatikalische Fragen des Katalanischen geredet. Das würde mir in Deutschland nicht passieren.
Übersetzung ist immer auch Kulturtransfer. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?
ME: Sprache ist immer Ausdruck eines kulturellen Zusammenhangs. Deswegen ist das Deutsch, das wir in Deutschland sprechen, ein anderes Deutsch als das in der Schweiz oder als das Deutsch in Rumänien und jenes der deutschsprachigen Minderheiten in Russland. Beim Übersetzen ist deshalb die eigentliche Herausforderung nicht, dass man Wörter findet, die denen des Originals entsprechen. Sondern dass man tatsächlich diesen kulturellen Hintergrund mitnimmt und überträgt. Zum Beispiel bei Jordis Buch anklingen zu lassen, dass es ein katalanischer Roman ist und was das Katalanische ist.
Und welches Bild von Katalonien vermittelt Jordi Puntí in Maletes Perdudes?
ME: Sein Roman ist eigentlich ungewöhnlich für katalanische Literatur, weil er sich aus Katalonien rausbewegt. Es ist ein europäischer Roman. Die meisten katalanischen Romane kreisen – so wie die Katalanen selbst – um das ewige Thema Katalonien. Jordi aber schafft es, Katalonien als das zu zeigen, was es historisch eigentlich immer gewesen ist: ein Land des Durchgangs und des Austauschs. Der Roman ist ein moderner Ritterroman: die Helden brechen auf und erleben Abenteuer. Statt aufs Pferd setzen sie sich in ihren LKW. Barcelona ist der Ausgangspunkt ihrer Abenteuer und damit Keimzelle eines Kosmopolitismus. Und das tut, glaube ich, der katalanischen Kultur sehr gut, mal über diesen ewig gleichen Horizont hinaus zu blicken.
JP: Man spürt den katalanischen Ursprung des Buches an vielen Stellen. Das fängt schon bei den Charakteren der Figuren an. Oder dass Barcelona als Stadt eine große Rolle spielt. Die Hauptfiguren sprechen die meiste Zeit Katalanisch, aber manchmal – mit andalusischen Gastarbeitern in Deutschland zum Beispiel – sprechen sie Kastilisch. Das kann man in der deutschen Übersetzung natürlich nur mittelbar wiedergeben. Michael hat dann hinzugefügt: „sagte er auf Kastilisch“. Es ist ihm jedenfalls gelungen, bei seiner Übersetzung ohne Fußnoten auszukommen. Das ist gut, denn in einem Roman will der Leser keine Fußnoten, das stört die Einbildungskraft. Der Übersetzer muss es schaffen, die notwendigen Erklärungen in den Text so einfließen zu lassen, dass der Leser sie nicht wahrnimmt.
ME: Trotzdem lassen sich nicht alle kulturellen Referenzen in die Übersetzung hinüberretten.
JP: Das stimmt. Dennoch wird es zunehmend einfacher, überall auf der Welt verstanden zu werden. Zumindest wenn man einen in der Gegenwart angesiedelten Roman schreibt. Durch die Globalisierung werden wir uns immer ähnlicher. In einer meiner Kurzgeschichten gehen die beiden Hauptfiguren zu IKEA. Das muss man keinem Europäischen Leser weiter erläutern. Die wissen sofort, wie ein Einkauf bei IKEA abläuft, sie haben es selbst erlebt.
Mit der Globalisierung wird die Transferleistung, die die Übersetzer erbringen müssen, also immer geringer?
JP: Ja, kann man sagen. Allerdings finde ich, die Autoren und ihre Übersetzer sollten gegen die Globalisierung ankämpfen! Denn es ist eben die Sprache, die jeden Autoren einmalig macht. Unsere Sprache und die Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen. Die Albaner erzählen anders als die Katalanen und die erzählen anders als die Amerikaner und so weiter. Das darf nicht verloren gehen! Und nachdem der Einfluss des Englischen durch das Internet ohnehin kaum einzudämmen ist, finde ich wichtig, dass es weiterhin Übersetzer gibt, die genau das beherrschen: die kulturellen Besonderheiten des jeweiligen Werkes in die eigene Sprache zu übertragen.
Michael Ebmeyer, geboren 1973, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er hat unter anderem die Romane Plüsch, Achter Achter, Der Neuling (verfilmt als Ausgerechnet Sibirien) und Landungen geschrieben sowie die Gebrauchsanweisung für Katalonien. Mit Jordi Puntí freundete er sich 2007 im Rahmen des deutsch-katalanischen Autoren-Austauschprogramms GeoGraphia – Literarische Landschaften an.
führte das Interview. Sie studierte in München Dokumentarfilmregie und ist freiberufliche Regisseurin und Journalistin.
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September 2013
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