Mit Wagner

Die Erstrezeption Richard Wagners in Spanien



In Spanien hatte das Werk Wagners seit dem späten 19. Jahrhundert tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesellschaft. Es führte zu leidenschaftlichen und anregenden Debatten in der damaligen Presse. Es hinterließ seine Spuren nicht nur in der Musik, sondern auch in anderen Bereichen der Kunst, wie der Literatur, der Malerei oder der Bildhauerei.

Eine einzigartige Rezeption

Die Rezeption Richard Wagners ist aufgrund ihrer Vielfältigkeit einzigartig. Weder davor noch danach hat es in der Musikgeschichte einen Komponisten gegeben, dessen Werk so viele unterschiedliche Bereiche der Kultur beeinflusste. Diese Interdisziplinarität beruht auf der wagnerianischen Auffassung des Operndramas als Gesamtkunstwerk, das musikalische und außermusikalische Elemente in einem neuen Kunstkonzept vereint. Wie in anderen europäischen Hauptstädten wird die spanische Gesellschaft durch die Rezeption der Wagner-Werke stark geprägt. Dies lässt sich nicht nur für die Musik, sondern auch für andere Bereiche der Kultur, insbesondere für die bildenden Künste und die Literatur belegen.

In Spanien verweisen folgende künstlerischen Phänomene auf Wagner: Die literarische Strömung des Modernismo (eingeführt in Spanien durch den aus Nicaragua stammenden Wagner-Anhänger Rubén Dario), der literarische Symbolismus (auf der Iberischen Halbinsel übermittelt durch französische Wagnerianer wie Charles Baudelaire, Édouard Dujardin und Catulle Mendès) sowie die Dekadenzliteratur des Fin de Siècle.

Wagner in der spanischen Presse

„Wer wird denn damit beauftragt, dem armen Siegfried, der so verletzlich ist, den Schlag zu versetzen?“ Karikatur, die die Wagner-Oper Siegfried verwendete, um die politischen Intrigen rund um Antonio Maura zu illustrieren. Titel des Gedeón vom 18. Februar 1906.
Die Auswirkungen der skandalösen Uraufführung des Tannhäuser in Paris 1861 (die von Baudelaire in der Presse verteidigt wurde) erreichten augenblicklich Spanien. In der Fachpresse wurde seit 1861 leidenschaftlich über ästhetische Vorstellungen diskutiert, die dem italienischen Belcanto den deutschen Wagnerismus, der damals die musikalische Avantgarde vertrat, entgegenstellten. Die erste Aufführung eines Stücks Richard Wagners in Madrid geht nachweislich auf das Jahr 1864 zurück. Seit 1868 gab es in der Presse eine Zunahme an Artikeln über Wagner, was sich zehn Jahre später mit einem für die literarische Bewegung der Generation von 98 typischen Bemühen um Aufklärung der Leser. Bei jeder einzelnen Wagner-Oper, die in Spanien uraufgeführt wurde, wurde die neue wagnerianische Ästhetik auf den Titelseiten der wichtigsten Tageszeitungen in Madrid und Barcelona detailliert diskutiert. Das wäre heutzutage natürlich undenkbar. Ab 1900 tauchten in der Presse Parodien, Illustrationen über das Werk Wagners und zahlreiche Karikaturen auf, die Figuren aus den Stücken Wagners verwendeten, um die damalige spanische Politik ins Lächerliche zu ziehen.

Wagner in Übersetzung und Literatur

Ab 1870 wurden Wagner-Opern vermehrt ins Spanische und Katalanische übersetzt. 1914 gab es bereits 38 Übersetzungen seiner Opern und Schriften ins Spanische und ein Dutzend Übersetzungen ins Katalanische. Darüber hinaus berichtete die Presse, wie die Spanier sich intellektuell auf die Uraufführungen der Wagner-Opern „vorbereiteten“ und mit dem spanischen Libretto in die Oper kamen.

Schon sehr früh hinterließ Wagner Spuren in der spanischen Literatur, wie anhand von so berühmten Autoren wie Vicente Blasco Ibáñez, Pío Baroja, Leopoldo Alas Clarín, Benito Pérez Galdós, Manuel Machado und Juan Ramón Jiménez zu sehen ist.

Das Wagner-Fieber in Madrid

Zu Beginn des Jahres 1900 fand die Schlacht zwischen den Anhängern Wagners und den Verfechtern des Belcanto ein Ende: das Werk Wagners galt fortan als die kulturelle und musikalische Avantgarde der damaligen Zeit.

„Der Triumph Wagners“. Karikatur, die zeigt, dass der Wagnerismus in Spanien zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus der Schlacht zwischen Anhängern Wagners und des Belcanto eindeutig als Sieger hervorging. La Música Ilustrada, 15. August 1900.
Im Jahre 1901 wurde der Richard-Wagner-Verband Barcelona (Asociación Wagneriana de Barcelona) gegründet und anlässlich der Uraufführung von Tristan und Isolde im Teatro Real in Madrid folgte zehn Jahre später der Richard-Wagner-Verband Madrid (Asociación Wagneriana de Madrid), die 1913 schon über 2000 Mitglieder zählte. Nicht nur die hohe Zahl der Mitglieder, sondern auch deren Zusammensetzung ist sehr aufschlussreich. Es handelte sich um ein erlesenes Mosaik der Madrider Gesellschaft. Es bestand nicht nur, wie zu erwarten wäre, aus Persönlichkeiten die direkt mit Musik zu tun hatten oder dem Adel und der Aristokratie, die der Welt der Oper traditionell sehr verbunden waren. Zahlreiche Mitglieder waren bedeutende Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen, die zur wachsenden Schicht des Bildungsbürgertums gehörten und freien Berufen oder im weitesten Sinne einer künstlerischen Tätigkeit nachgingen. Unter ihnen waren Ärzte (Gregorio Marañón) und Ingenieure (Miguel Otamendi), genauso wie Musiker (Conrado del Campo), Akademiker (Salvador de Madariaga) und Fotografen (Ruiz Vernacci) sowie Maler, Bildhauer (Rogelio de Egusquiza) und Architekten (Antonio Palacios).

Der riesige Erfolg des wagnerianischen Gesamtkunstwerks in den spanischen Spielhäusern führte interessanterweise zu einer Veränderung der Haltung des Publikums gegenüber der Oper. Der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit verlagerte sich langsam vom Sänger auf den Text, sowie auf visuelle Elemente und die Symbolik. An Bedeutung gewann auch das Orchester. Dies führte unterschwellig zu einer Verbreitung der symphonischen Bewegung. Zahlreiche Orchesterverbände wurden seit dieser Zeit in Spanien gegründet, so z.B. die Philharmonische Gesellschaft Madrid (Sociedad Filarmónica de Madrid) im Jahre 1901.

Wagner in der Malerei

Ein weiteres Phänomen waren die Wagner-Salons, die in bekannten Madrider Cafés wie dem Café Español, dem Café Suizo und dem Café de los Nigrománticos stattfanden und von zahlreichen Bürgern besucht wurden. Der bekannteste Wagner-Salon wurde im Restaurante Lhardy in der Carrera de San Jerónimo ganz in der Nähe der Puerta del Sol abgehalten. Im Hinterzimmer dieses Restaurants versammelten sich leidenschaftliche Anhänger seiner Musik und der symbolistischen Malerei, die stark von der wagnerianischen Ästhetik profitierte. Unter dem Einfluss des aus Santander stammenden Künstlers Rogelio de Egusquiza fühlten sich Maler wie Aureliano Beruete, Manuel Benedito, Cecilio Plá, Tomás Campuzano und auch Agustín Lhardy auf besondere Weise zur Musik des deutschen Komponisten hingezogen. In Übereinstimmung mit Schopenhauers Überzeugung von der Vorherrschaft der Musik innerhalb der Künste, die für die ästhetische Auffassung der deutschen Romantik äußerst wichtig war, und die in Spanien zwar erst verspätet, dafür aber umso stärker Anklang fand, erkannten viele Maler in der Liebe zur Musik, die für sie vor allem durch das Werk Wagners verkörpert wurde, ein Symbol für künstlerische Genialität.

Ein spanisches Bayreuth

Ein weiteres Musterbeispiel für die Begeisterung, die Wagners Werke in Spanien auslösten, war ein 1911 von den beiden wichtigsten spanischen Richard-Wagner-Verbänden (Madrid und Barcelona) angestoßenes Projekt, das so ehrgeizig war, dass es uns noch heute zum Schmunseln bringt. Geplant war der Bau eines Wagner-Theaters auf einem Hügel in der Nähe der Kloster- und Parkanlage Monasterio de Piedra in der Provinz Zaragozamit Sitzplätzen für zweitausend Zuschauer. In ihm hätte das letzte Stück Wagners, das Bühnenweihfestspiel Parsifal, aufgeführt werden sollen, dessen Schutzrechte europaweit am 1. Januar 1914 abliefen. Als ob es sich um ein spanisches Bayreuth handelte (d. h. um einen nationalen Pilgerort mit internationaler Bedeutung) wurde ein Nutzungsplan für die kommenden Jahre aufgestellt, wobei die Festivalpilger im Kloster untergebracht werden sollten. Die Wagnerianer setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um Mittel für den Bau zu erhalten. Sie weckten sogar das Interesse des spanischen Königs Alfonso XIII., mit dem sie am 19. April 1912 ein Gespräch darüber führten. Aufgrund der hohen Kosten und der damit verbundenen Schwierigkeiten war das Projekt jedoch zum Scheitern verurteilt. Es ist jedoch faszinierend, den Schriftwechsel zwischen den beiden Richard-Wagner-Verbänden zu rekonstruieren und zu beobachten, mit welchem Interesse und Enthusiasmus sich spanische Politiker für den Bau des Theaters einsetzten.

Wagner als erneuernde Kraft

Die Erstrezeption Wagners in Spanien, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete, steht für das starke Interesse an der deutschen Kultur, das in Spanien seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts besteht. Die erneuernde Kraft, die mit der Rezeption des Wagner-Werks einherging, hinterließ eine tiefe Spur in der Gesellschaft und Kultur Spaniens, das zu jener Zeit nach Veränderungen und einer kulturellen Erneuerung strebte.
Paloma Ortiz de Urbina
ist Germanistin und Musikologin und hat einen Lehrstuhl an der Universidad de Alcalá inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Rezeption der deutschen Kultur in Spanien durch die Musik, insbesondere in Bezug auf die Werke Richard Wagners, Arnold Schönbergs und Robert Gerhards. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher und Artikel über die Spuren Wagners in der spanischen Kultur. Ihre Dissertation über die Rezeption Wagners in Madrid (1900-1915) erhielt den Sonderpreis 2003/04 der Universidad Complutense de Madrid. Zurzeit organisiert sie mit der Goethe-Gesellschaft in Spanien einen internationalen Kongress der sich mit der Wagner-Rezeption in der abendländischen Kultur auseinandersetzt und der am 3. und 4. Juni 2013 an der Universidad de Alcalá abgehalten wird.

Copyright: Goethe-Institut Madrid, Internet-Redaktion
April 2013

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