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Zufallsbibliotheken: „Offene Bücherschränke“

Foto (Ausschnitt): S. Alexis (sapa7180 @flickr), CC BY-SA 2.0Foto (Ausschnitt): S. Alexis (sapa7180 @flickr), CC BY-SA 2.0

Foto (Ausschnitt): S. Alexis (sapa7180 @flickr), CC BY-SA 2.0


„Offene Bücherschränke“ nennen sich kleine Bibliotheken, die in einigen deutschen Städten auf der Straße stehen. Sie können von jedermann bestückt und bepflückt werden. Rund um die Uhr geöffnet, ändern sie ständig ihren Bestand.

Selbst der Regen kann die Bonner Bevölkerung nicht von ihren offenen Bücherschränken fernhalten. Auf der Poppelsdorfer Allee, einem von fünf Standorten in der Stadt, ist ein reges Kommen und Gehen. Eine junge Frau springt kurz aus ihrem Auto und spendet der Bibliothek unter den großen Kastanienbäumen neue Bücher: Warum Männer nicht zuhören von Allan und Barbara Pease ist eines davon, Selige Zeiten, brüchige Welt von Robert Menasse ein anders. Sie stehen nun zusammen mit rund 200 anderen Werken in einem zwei Meter hohen Schrank mit Glastüren.

Die Grundidee der offenen Bücherschränke ist ebenso simpel wie genial: Jeder kann hier Bücher hineinstellen und herausnehmen: ohne bürokratischen Aufwand, rund um die Uhr, an jedem Tag im Jahr. Die Bibliotheken sind so bunt und vielfältig wie ihre Nutzer: Belletristik steht neben Kochbüchern, Computerbücher lehnen sich an psychologische Fachliteratur. Studenten, Hausfrauen, Senioren und Obdachlose greifen zu. Sie kommen zufällig vorbei oder steuern den Bücherschrank gezielt an. „Es ist auch ein Ort der Kommunikation“, sagt Nicole Schmidt von der Bürgerstiftung Bonn. „Hier kommen Menschen über Bücher ganz schnell miteinander ins Gespräch.“

Bibliothek als soziale Skulptur

Die „offenen Bücherschränke“ gingen aus einem Ideenwettbewerb hervor, den die Bürgerstiftung Bonn 2003 ausgeschrieben hatte. Damals konnte Trixy Royeck mit ihrem Vorschlag überzeugen. Sie studierte damals in Mainz Innenarchitektur und wurde von dem Künstlerduo Clegg & Guttmann inspiriert. Diese schufen bereits Anfang der Neunzigerjahre offene Bibliotheken in Europa, zunächst im österreichischen Graz, später in Hamburg und Mainz. Clegg & Guttmann verstehen die offenen Bibliotheken als soziale Skulptur. Denn die Zusammenstellung der Bücher und die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird, spiegelt für die Künstler die Struktur eines Stadtviertels wider.

„Vandalismus oder Missbrauch der Bücherschränke haben wir so gut wie gar nicht erlebt“, berichtet Nicole Schmidt. Kein einziges Graffiti sei in all den Jahren angebracht worden. „Das wundert uns selbst ein bisschen und freut uns natürlich sehr.“ Die einzige Ausnahme: „An Weiberfastnacht hat mal jemand die Bücher im Schrank in Bonn-Beuel angezündet.“ Deshalb ist diese Bibliothek ausnahmsweise an den „fünf tollen Tagen“ zu Karneval geschlossen.

Beständig gegen Wind und Wetter

Überhaupt nutzen die Bonner ihre offenen Bücherschränke nicht nur rege: Sie fühlen sich auch für sie verantwortlich. Ehrenamtliche Paten achten darauf, dass keine Bücher mit rechtsextremen, pornografischen oder sonstigen anstößigen Inhalten eingestellt werden. Zudem putzen sie ab und an die Glastüren. „Die Paten sind uns gar nicht alle namentlich bekannt“, erklärt Nicole Schmidt. „Oft werden die Bücher auch von Passanten, die zufällig vorbeikommen, ein bisschen geordnet.“ Oder sie rufen an, wenn zum Beispiel eine Tür vom Wind aus den Angeln gehoben wurde. Der gelegentliche Austausch von Türen gehört zu den einzigen laufenden Kosten. Und auch die werden komplett über Spenden finanziert. „Das ist zu einem echten Selbstläufer geworden“, freut sich die Stiftungs-Mitarbeiterin.

Die letzten beiden Schränke, die in Bonn im August 2008 angeschafft wurden, kosteten jeweils 6.000 Euro. „Die Türen haben jetzt eine bessere Mechanik, sie gehen automatisch zu“, erklärt Schmidt. Auch das Glas ist nun witterungsbeständiger und stabiler, damit es sich nicht unter der Last der Bücher biegt. Geblieben ist der Rahmen aus einer speziellen Stahllegierung, die besonders unempfindlich gegen Rost ist. Die Stahl-Glas-Konstruktion ist fest in den Boden einbetoniert. So kann der offene Bücherschrank auch heftigen Stürmen trotzen. Doch auch bei längeren Regenperioden setzt sich keine Feuchtigkeit in den Büchern fest, dafür ist die Fluktuation zu groß: „Einige Bücher stehen nur fünf Minuten da.“

Für die Zugfahrt rüsten

„Regalhaltung ist Buchquälerei“ – das ist das Motto des Bookcrossings, einer internetbasierten Büchertauschbörse. Auch hier organisieren sich Leser selbst und bringen ihre gelesenen Werke ohne kommerzielles Interesse in Umlauf. Im Gegensatz zum Bookcrossing sind die offenen Bücherschränke jedoch sehr lokal organisiert. Offline verfügbar, bieten sie sich für die spontane Lektüre an. Der Bonner Bücherschrank an der Poppelsdorfer Allee liegt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Ein großer Vorteil, weiß Nicole Schmidt: „Hier kommen viele Pendler vorbei, die sich für ihre Zugfahrt noch schnell ein Buch mitnehmen und es nach ein paar Tagen zurückbringen.“ Oder sie behalten es einfach, wenn es ihnen besonders gut gefällt und spenden dafür ein anderes – eine Freiheit, die sonst wohl keine Bibliothek zu bieten hat.

Die Bonner Bürgerstiftung freut besonders, dass die Idee der offenen Bibliotheken von Touristen in deren Heimatstädte kommt: „Oft rufen Besucher an und erkundigen sich, wie wir das organisiert haben. Und später schicken sie uns dann Presseartikel über die neuen Bücherschränke in ihrer Stadt.“ So gibt es mittlerweile auch in Hannover, Darmstadt und Bayreuth offene Zufallsbibliotheken. In ihnen stecken die unterschiedlichsten Bücher, viel bürgerschaftliches Engagement und eine Idee, die sich weitertragen lässt.



Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln

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