Überleben

Warum mogelt man sich in Deutschland in der Schlange vor?

Foto (Ausschnitt): Wolf Brüning @flickr, CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): Wolf Brüning @flickr, CC BY 2.0

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In der spanischen Sprache bedeutet esperar nicht nur warten, sondern auch hoffen und erwarten. Jemand, der wartet, hofft, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt. Mit dieser Vorstellung geht eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit Wartezeiten einher. Das Anstehen an der Kasse ist vielleicht lästig, aber kein Grund zur Panik. Das ist in Deutschland etwas anders. Hier trifft man schon mal auf nicht ganz so gelassene Ansteher, die aus der Reihe tanzen.

Kurz vor Ladenschluss im Supermarkt. Die Schlange vor Kasse eins wird immer länger und länger. Eine Durchsage erklingt: „Frau Meier zur Kasse zwei bitte, Frau Meier, Kasse zwei!“ Plötzlich gerät Bewegung in die wartende Menge. Vereinzelt lösen sich Individuen voll bepackt mit Lebensmitteln aus der Schlange und stürmen der zweiten Kasse entgegen. Vor der noch unbesetzten Kasse warten sie nun auf die Kassiererin von Kasse zwei.

Aktives Anstehen – eine Anleitung für Anfänger

Vordrängeln ist in Deutschland weit verbreitet, um die Wartezeit zu verringern. Es gibt drei Wege „aktiv“ an zustehen: Man schleiche sich an und überhole unauffällig. Man nutze den Zeitvorsprung und renne schneller als die anderen nach vorne. Man setze gekonnt seine Körpersprache ein und rempele sich nach vorne. Bei jeder Methode gilt es, Beschwerden zu ignorieren und sich nicht beeindrucken zu lassen. Denn die Mitwartenden nehmen dieses Verhalten meist hin. Aber Achtung! Es kann dem schlauen Vordrängler schon passieren, dass er kritische Blicke erntet oder sogar missbilligende Kommentare. In den meisten Fällen hat dies aber keine direkten Konsequenzen. Er steht als erster an Kasse zwei!

Wer dem Drängeln einfach nichts abgewinnen kann, fragt sich weiter: Warum bloß haben es die Deutschen an der Kasse so eilig? Jeder Einzelne in der Schlange möchte schnellstmöglich nach Hause. In dem Moment denkt der Vordrängler nicht daran, dass er mit dem Wunsch nicht alleine ist. Er eilt spontan nach vorne und entgeht somit dem unproduktiven und hoffnungslosen Nichtstun mit all den anderen in der Schlange. „Ich habe kein Zeit für sowas“, denkt er und setzt zum Sprung auf das Ziel an. Weil er mit der Idee nicht alleine ist, herrscht an beiden Schlangen nun ein Durcheinander.

Mitten im Tumult gelandet? - Durchatmen und Ruhe bewahren!

Zu Warten bedeutet also kostbare Zeit verlieren. Deswegen mogelt man sich in Deutschland gerne vor. Die Deutschen entfliehen auf diesem Weg der passiven Ohnmacht, der sie an der Kasse eins ausgeliefert sind. Im Gegenteil nutzen sie so die eigene Zeit in ihren Augen effizient. Ärgerlich nur, wenn Frau Meier von Kasse zwei auf sich warten lässt und man doch nicht am schnellsten draußen ist. Am besten man hat einfach etwas Geduld mit der deutschen Ungeduld. Irgendwann wird sich auch die hektische Unruhe an beiden Kassen auflösen. Versprochen!

Bettina Erhardt
beobachtet als Ethnologin gerne die Alltagsgewohnheiten der Deutschen. Sie kommt aus München und arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit. Nebenbei arbeitet sie als freie Redakteurin.

Copyright: Todo Alemán
September 2012

Originalsprache: Deutsch

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