Überleben

Politisch nicht korrekt

Foto (Ausschnitt): Joerg Moellenkamp (c0t0d0s0 @flickr), CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): Joerg Moellenkamp (c0t0d0s0 @flickr), CC BY 2.0

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2013 entschied sich die Jury der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ für den Begriff „Sozialtourismus“. Diese Aktion soll auf die Verwendung der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit aufmerksam machen und somit ein kritisches Bewusstsein für öffentliche Kommunikation, die Verwendung bestimmter Wörter und Wendungen und insbesondere für Begriffe schaffen, die die Menschenrechte verletzen.

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag, bezeichnet das seltsame Wort Sozialtourismus nicht einen bestimmten Bereich der Tourismuswirtschaft, auch wenn es sich um eine Art „Vergnügungsreise“ handelt, die gewisse Personen meist aus ganz bestimmten Ländern schon häufiger unternommen haben. Diese Personen entschließen sich, in böswilliger Absicht nach Deutschland und hier in den Genuss von Sozialleistungen zu kommen. Denn wegen Sonne und Strand werden sie sich wohl kaum auf den Weg machen!
Man sagt, dass es Deutschland gut geht. Weil dem so ist und das Land auf seinen Wohlfahrtsstaat so stolz ist, scheint es eine große Anziehungskraft zu entwickeln, etwa wie Honig auf Bären. Und zu den vielen Besuchern zählen diejenigen, die willkommen sind und diejenigen, die einer bestimmten Schicht der Gesellschaft nicht so sehr gefallen.
Wenn man einen Vergleich anstellt (und diejenigen, die mich kennen, wissen, wie sehr ich Vergleiche hasse), wird schnell klar, dass diese Unterscheidung in Bezug auf Immigranten sich auch in Spanien bei bestimmten Gruppen einer gewissen Beliebtheit erfreute und weiterhin erfreut. „Herzlich willkommen“ sind diejenigen, die Scheinchen mitbringen, Kohle, Knete, Mäuse. Zu dieser Gruppe gehört ein breites Spektrum an Ausländern, denen in der einen oder anderen Form feierlich der rote Teppich ausgerollt wird. Auf der anderen Seite befinden sich diejenigen, die eben nicht „herzlich willkommen“ sind. Erneut haben wir es mit einer höchst heterogenen Gruppe von Ausländern zu tun, die eine Tatsache eint: Sie haben kein Geld.
Um die Wogen zu glätten und zu verhindern, dass sich die Unzufriedenheit massiv ausbreitet, die durch eine solch schräge Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen könnte, wurde der Begriff „Humankapital“ in Umlauf gebracht. Das berühmte Ass im Ärmel stellte sich als... (Trommelwirbel)... Euphemismus heraus! In Deutschland versteht man Immigration als Motor der Wirtschaft. In Spanien sagt man schon heute voraus, dass in Kürze, wenn die Krise vorüber ist, wieder ausländische Arbeitskräfte benötigt werden. Wie gesagt, in Kürze.

Kehren wir jedoch zum „Unwort des Jahres“ zurück. Ich finde es sehr intelligent, dass ein Sachverständigenausschuss solch eine Aktion durchführt. Für mich steckt eine feine Ironie dahinter, dass letztes Jahr gerade „Sozialtourismus“ zum politisch nicht korrekten Begriff gewählt wurde. Aber die Tatsache, dass ein solcher Begriff überhaupt in den Vordergrund getreten ist, führt häufig zu Besorgnis – auch bei denjenigen, die a priori nicht zur Kategorie der „nicht Willkommenen“ gehören.

In Deutschland werden bestimmte Phänomene, so auch das vorliegende, von einigen Medien und Politikern politisch nicht korrekt benannt. Andere Länder reden nicht groß herum und werden gleich aktiv. In Belgien, das seit Jahren sehr genau auf die Einhaltung der die Freizügigkeit der Unionsbürger regelnde Richtlinie achtet, werden z. B. alle zurückgewiesen, die (politisch nicht korrekt ausgedrückt) eine „unzumutbare Belastung“ für das Land darstellen. In Spanien beginnt der dramatische Kampf schon bevor es den Immigranten überhaupt gelingt, einen Fuß auf europäischen Boden zu setzen.
In Spanien wurde oft behauptet, dass „sie unser Sozialsystem ausnutzen“. Hierunter wurden, als es dem Land laut Ex-Präsident Aznar noch gut ging, vor allem diejenigen Immigranten verstanden, die zur Kategorie der „nicht Willkommenen“ gehörten. Dies ergibt sich zumindest aus einer recht oberflächlichen Interpretation einiger Journalisten und Politiker. Nur selten hat sich hinter dieser reißerischen Schlagzeile ein im Ausland geborener Spanier oder jemand verborgen, der zu den „Willkommenen“ gehört. Und doch ist es allgemein bekannt, dass es diese Personen gibt, auch wenn uns die Medien etwas anderes verkaufen. Oder kennen wir nicht alle jemanden aus einem nordeuropäischen Land, der sich in Spanien gratis etwas hat richten lassen? Oder den Bekannten eines Bekannten, der die Sozialversicherung betrügt? Da müssen wir unserem Gedächtnis vielleicht ein wenig nachhelfen, oder?

Schlussfolgerung: politisch nicht korrekt ist nicht derjenige, der will, sondern derjenige, der kann.

Frau Dulenta
Redakteurin bei Berlunes© Berlunes.

Copyright: rumbo @lemania
Mai 2014

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen.
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