Überleben

Touristen und Steuerzahler - In ihren Ängsten vereint?

Foto (Ausschnitt): Daniel Friesenecker (friesenecker @flickr), Public Domain, CC0Foto (Ausschnitt): Daniel Friesenecker (friesenecker @flickr), Public Domain, CC0

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Daniel Friesenecker (friesenecker @flickr), Public Domain, CC0



„Muss ich Angst um meinen Spanien-Urlaub haben?“

Die Bildzeitung ist nicht gerade für ausgewogene Berichterstattung bekannt. Auch in der Euro-Krise ergriff das Boulevardblatt mehrfach Partei – für den vermeintlichen deutschen Durchschnittsbürger und Steuerzahler. „Wie gefährlich wird eine Spanien-Pleite für unser Geld?“, oder „Muss ich Angst um meinen Spanien-Urlaub haben?“ (18.04.2012 Bild), sind dabei nur zwei Beispiele einer tendenziösen Haltung. Für eine Studie der Otto-Brenner Stiftung wurde die Krisenberichterstattung der Bildzeitung ausführlich untersucht. Die Einschätzung: Bild versucht gar nicht erst journalistische Kriterien wie Objektivität zu erfüllen. Das Blatt geriere sich vielmehr selbst als politischer Akteur. Durch systematisches Zurückhalten von Basis-Informationen, Vermischung von Nachricht und Kommentar, Vermengung von Journalismus und Werbung und sensationshungrige Aufbereitung und die gezielte Wiederholung von schemagetreuen Informationen habe die Zeitung einzig eine zentrale politische Forderung vertreten: keine Hilfszahlungen für Krisenstaaten aus deutschen Steuergeldern. Doch wie sieht es Abseits dieser schrillen Töne aus? Verbreiten auch seriöse Zeitungen das Bild des deutschen Zahlmeisters, der die faulen Spanier durchfüttert?
Auf der Suche nach Stereotypen und politischen Positionen habe ich für meine Bachelor-Arbeit 272 Artikel zur Spanien-Krise aus der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung analysiert. Nach der Bildzeitung haben SZ und FAZ die höchsten Auflagen überregionaler Tageszeitungen in Deutschland. Die SZ wird von den meisten Kommunikations- und Politikwissenschaftlern als politisch mitte-links eingestuft, die FAZ als mitte-rechts.

Die deutsche Hegemonie allgegenwärtig

Kaum einer der untersuchten Artikel verbreitete Klischees und Stereotype á la Bildzeitung. Nur an wenigen Stellen werden die Deutschen als mächtig, humorlos und besserwisserisch den faulen Spaniern gegenübergestellt, die auf ihre Siesta beharren würden. In dieser Hinsicht scheinen die beiden Zeitungen ihrem Selbstverständnis als Qualitätsmedien gerecht zu werden. Auch die vermeintlichen Sorgen des deutschen Steuerzahlers spielen in SZ und FAZ kaum eine Rolle. Nichtsdestotrotz betonen die Zeitungen ein wirtschaftliches Gefälle zwischen Deutschland und Spanien. In den Wirtschaftsteilen werden häufig ökonomische Kennziffern aus dem kriselnden Spanien der florierenden deutschen Wirtschaft gegenübergestellt. In der Darstellung von FAZ und SZ sind die Spanier abhängig von politischen Entscheidungen aus Berlin und Brüssel. Da Deutschland der größte Einzahler in der Europäischen Rettungsfonds (ESM) ist, werden die Abstimmungen im Bundestag als richtungsweisend und schicksalhaft für die Spanier dargestellt. Ob zum Beispiel Spanien einen Aufschub in der Senkung seiner Haushaltslücken bekommt, hängt laut SZ davon ab, ob „die Bundesregierung dem Vorschlag zustimmen wird“ (SZ 04.05.2013). Speziell Angela Merkel wird als Symbol der deutschen Hegemonie beschrieben. Es werden Stimmen aus Spanien zitiert, die Merkel als „unerbittliche Lehrerin darstellen, die den Schülern, also der PP-Regierung ihre zehn Gebote diktiert“ (SZ 27.03.2013).
Damit unterscheiden sich die deutschen Zeitungen gar nicht so stark von ihren spanischen Kollegen, die in der Euro-Krise fast täglich die Hegemonía Alemana thematisieren.

Schattenseite der Sparmaβnahmen - Fehlanzeige

Anders als die Bildzeitung positionieren sich die beiden untersuchten Zeitungen eher als Fürsprecherinnen von Rettungspaketen. Eine Mehrheit der gefundenen Argumente zu Rettungsfonds ist für die Hilfszahlungen. Die Zeitungsredakteure argumentieren, die Zahlungen seien zur Refinanzierung der spanischen Banken notwendig und stellen sie als eine solidarische Notwendigkeit dar: „Europa muss entscheiden, ob es den Euro-Raum in dieser Form will: Wenn ja, dann muss es bereit sein zu investieren“ (SZ 29.04.2012).
Interessant ist der genaue Blick auf die beiden Zeitungen: Während sich die linksliberale SZ in zwei Dritteln der Textstellen für Rettungen der Krisenländer ausspricht, war die konservative FAZ unentschlossener und gab den Vor- und Nachteilen von Rettungsfonds den gleichen Raum. Allerdings werden die Rettungspakete in der Argumentation der Zeitungen an eine Bedingung geknüpft: Haushaltskürzungen. Nur Sparmaßnahmen könnten der richtige Weg aus der Krise sein – an diesem Punkt sind die Zeitungen auf einer Linie mit der deutschen Bundesregierung, die sich auf europäischer Ebene stets als Austeritäts-Befürwörterin präsentierte. Die positiven Folgen von Haushaltskürzungen werden in den untersuchten Artikeln mehr als doppelt so häufig genannt wie die Nachteile. Dies gilt insbesondere für Artikel in der FAZ und das Wirtschafts-Ressort: Grundsätzlich gilt: SZ und FAZ grenzen sich ab von den lauthalsen Schlagzeilen in der Bild. Sie zeigen aber auch nur selten auf, welche dramatischen Folgen die rigorose Sparpolitik für den spanischen Alltag hat. An den wenigen Stellen, an denen die Nachteile von Sparmaßnahmen beschrieben werden, wird höchstens aus nationalökonomischer Perspektive dargelegt, dass die Kürzungen die spanische Konjunktur bremsen könnten. Sätze wie: Die „Bildungs- und Gesundheitsetats werden auf dem Altar der Austerität geopfert“ (SZ 20.07.2012) bleiben eine Randnotiz.
Somit bleibt in den Zeitungen meist unerwähnt, was es zum Beispiel bedeutet, wenn 6,4 Milliarden Euro an den öffentlichen Universitäten eingespart wird: Professorenstellen werden gestrichen, und die Studiengebühren werden so drastisch erhöht, dass tausende junge Menschen exmatrikuliert werden. Diese Aspekte der Krise lassen die analysierten Artikel aus SZ und FAZ zuallermeist vermissen.

Jonas Schreijäg,
beendet gerade sein Politik- und Englischstudium in Freiburg. 2013 hat er als Austauschstudent in Madrid gelebt und an der sozialwissenschaftlichen Fakultät hautnah die Protestbewegungen gegen die europäische Sparpolitik miterlebt. Jonas schreibt gelegentlich für die Tageszeitung Schwarzwälder Bote und hat kleinere Filmbeiträge beim ZDF und SWR3 veröffentlicht.

Copyright: rumbo @lemania
Juni 2014

Originalsprache: Deutsch

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