Überleben

Atlas zur deutschen Alltagssprache

Foto (Ausschnitt): Adam Thomas (devdsp @flickr), CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): Adam Thomas (devdsp @flickr), CC BY 2.0

Foto (Ausschnitt): Adam Thomas (devdsp @flickr), CC BY 2.0

Brötchen oder Schrippe? Servus oder Moin? Ein Forscherteam aus Salzburg und Lüttich kartiert seit 2003 die deutsche Alltagssprache und zeigt anschaulich, wie sich der Sprachgebrauch in den Regionen unterscheidet und verändert.

Wer in Berlin beim Bäcker „zwei Brötchen“ bestellt, ist schon ins erste Fettnäpfchen getreten. Zwar wird in Deutschlehrwerken meist der Begriff Brötchen verwendet, aber die kleinen, runden Backwaren aus Weizenmehl werden im Alltag ganz unterschiedlich genannt. Im Raum Berlin kennt man sie unter dem Begriff Schrippe. Im Süden Deutschlands sagt man Semmel und in der Region um Stuttgart herum eher Weck oder Weck(er)le. Elf verschiedene Brötchen-Begriffe werden im Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) aufgeführt und in ihrem jeweiligen Verbreitungsgebiet farblich markiert.

Schmotziger Donnerstag oder Weiberfastnacht?

Um zu erfahren, wo welche Ausdrücke und Begriffe verwendet werden, führen die Forscher jedes Jahr bundesweit eine Online-Umfrage durch. 2014 wollen die Wissenschaftler zum Beispiel wissen, wie man den Donnerstag vor dem Rosenmontag nennt. Dazu werden einige bereits bekannte Ausdrücke aufgeführt wie Weiberfastnacht, Fettdonnerstag, Schmotziger Donnerstag und Faisse Dunnschdig. Die Teilnehmer an der Umfrage können Bezeichnungen, die in ihrer Gegend üblich sind, ergänzen oder ankreuzen, dass es bei ihnen für diesen Tag keinen besonderen Namen gibt. Rund 500 Orte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Belgien und Luxemburg sind bisher vertreten.

„Wir machen das seit 2003 einmal pro Jahr und sind immer wieder erstaunt, wie klar die Strukturen sind, die auf den Karten herauskommen“, sagt Stephan Elspaß von der Universität Salzburg. Zusammen mit seinem Kollegen Robert Möller von der Universität Lüttich hat er das Projekt ins Leben gerufen – inzwischen machen bis zu 10.000 Menschen pro Fragerunde mit. Zielgruppe sind dabei nicht Sprachexperten oder Linguisten, sondern ganz normale Menschen: „Wir fragen ganz pragmatisch, welche Ausdrücke man benutzen oder hören würde, wenn man im Alltag irgendwo unterwegs ist. Beim Bäcker oder im Supermarkt zum Beispiel“, erklärt Elspaß. Gefragt wird nach dem ortsüblichen Sprachgebrauch in Bezug auf Wortschatz, Aussprache und Grammatik.

Deutliche regionale Unterschiede

Dabei kommen deutliche regionale Unterschiede zum Vorschein, wie diese Beispiele zeigen: In Komparativsätzen, also bei Vergleichen, wird nach der grammatischen Norm das Wort als verwendet (etwa: Markus ist größer als Thomas). Doch das ist nicht überall so: Zwar wird als insgesamt am häufigsten verwendet, aber in Bayern und Baden-Württemberg ist die Variante wie vorrangig vertreten. Dort sagt man gerne: Markus ist größer wie Thomas. Außerdem sind auch als wie und vereinzelt wan (in der Schweiz) in bestimmten Regionen üblich.

Für den Begriff ich haben die Teilnehmer gleich sieben verschiedene Aussprachevarianten gemeldet. Die Norddeutschen sagen ich, die Süddeutschen i, bei den Berlinern heißt es ik, in Dresden oder Mainz isch und in anderen Regionen wurde vereinzelt auch ech, esch und ek angegeben.

Alltagssprache: Zwischen Standard und Dialekt

Unter Alltagssprache verstehen die Forscher dabei alles, was zur alltäglichen Kommunikation gehört: private Gespräche mit Freunden oder eine Verkaufsunterhaltung im Geschäft. Je nach Region ist die Alltagssprache näher an der Standardsprache oder am Dialekt. Treffen zwei Menschen aus stark dialektgeprägten unterschiedlichen Regionen aufeinander, kann es mit der Kommunikation mitunter Probleme geben. „Unterschiede in Wortschatz und Grammatik und Besonderheiten in der Aussprache führen dann zu Schwierigkeiten“, sagt Elspaß. „Manchmal kann man als Hörer nicht erkennen, wo ein Wort aufhört und das nächste beginnt.“ Den Forschern geht es aber nicht nur um eine Übersicht über regionale Wortschatzvarianten: „Wir wollen die Vielfalt der deutschen Sprache darstellen und möglichen Tendenzen der Sprachentwicklung nachgehen“, sagt Elspaß. Grundlage dafür ist auch der Wortatlas der deutschen Umgangssprachen von Jürgen Eichhoff, in dem Forschungsergebnisse über die deutsche Alltagssprache in den 1970er- und 1980er-Jahren veröffentlicht wurden. „Der Vergleich mit den Ergebnissen von Eichhoff ermöglicht uns Rückschlüsse auf den Wandel des Sprachgebrauchs in den letzten Jahrzehnten“, sagt Elspaß.

Zum Beispiel erkennt man beim Vergleich der Karten, wie sich die Verbreitung bestimmter Begriffe im Lauf der Zeit gewandelt hat. Wurde früher in Schleswig-Holstein noch der Begriff Rundstück angegeben, ist das heute kaum noch der Fall. Stattdessen hat sich heute das Wort Brötchen in der Region etabliert. Auch politische Grenzen können die Verbreitung bestimmter Varianten beeinflussen: Auf den Karten von Eichhoff ist im Norden Deutschlands noch Schlachter oder Schlächter verzeichnet. Später hat sich in der DDR dann das Wort Fleischer als Berufsbezeichnung durchgesetzt. „Die Umrisse der alten Grenze kann man auf den Karten noch gut erkennen“, sagt Elspaß.

Sprache im Wandel

Klar ist: Die deutsche Sprache und damit auch die Alltagssprache befindet sich in ständigem Wandel. Varianten aus dem Süden setzen sich im Norden durch und umgekehrt. Dazu gehört zum Beispiel die Abschiedsformel tschüß. Früher nur im Norden üblich, hat sich der Abschiedsgruß in den Süden vorgearbeitet – und wird inzwischen auch in Österreich benutzt. In diesem Sinne: Tschüß!

Yvonne Pöppelbaum
arbeitet als freie Redakteurin in Hamburg.
www.poeppelbaum.eu

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2014
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