Chance

Wir sollten nicht von Exil sprechen, sondern von Auswanderung

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Es besteht kein Zweifel darüber, dass die aktuelle Lage in Spanien sehr ernst ist, vor allem für junge Menschen. 70 Prozent der Unter-30-Jährigen bestätigen, dass sie ihre Zukunft im Ausland sehen. Der Hauptgrund dafür ist die Arbeitslosigkeit. Um Arbeit zu finden, müssen sie Spanien verlassen. Wie in den 1960er Jahren gehen viele auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland, wo ihre Kenntnisse gebraucht werden.

In vielen Fällen sind die, die gehen, zutiefst enttäuscht von den spanischen Politikern und der Finanzelite. Denn Spanien ist nicht nur von einer wirtschaftlichen Krise betroffen, sondern auch von einer institutionellen und moralischen Krise.
Angesicht all dessen kann es ein Fehler sein, von „Exil“ zu sprechen.

„Auswanderung oder Ausbürgerung, in der Regel aus politischen Gründen“

Laut der Real Academia Española (RAE) bedeutet Exil in erster Linie die „Trennung einer Person von ihrem Heimatland“, aber auch „Auswanderung oder Ausbürgerung, in der Regel aus politischen Gründen“. Hierbei liegt eine auferlegte, nicht freiwillig erwählte Situation vor.
Auferlegt, weil die körperliche Unversehrtheit in Gefahr sein kann, wenn diese Situation nicht akzeptiert wird. Ein Exilant kann nicht zurückkehren. Nicht, weil er keine Arbeit finden würde, wenn er es tut, oder weil er weniger verdienen würde als in dem Land, in das er ausgewandert ist. Ein Exilant kann nicht zurückkehren, weil ihm die Einreise verweigert oder weil er verhaftet oder hingerichtet werden würde. In vielen Fällen kommen Exilanten als Flüchtlinge in ein neues Land, mit eingeschränkten Rechten und einem Pass, der ihnen nichts nützt.
Spanien weiß, was Exil bedeutet, aber nicht aufgrund seines derzeitigen Zustands und auch nicht aufgrund der Erlebnisse der 1960er Jahre, sondern weil die Spanier während und nach dem Bürgerkrieg mit all seinem Unheil darunter gelitten haben. Man sollte meinen, dass sich die Kommentatoren ihre Worte angesichts dieser relativ kurz zurückliegenden Geschichte besser sparen sollten.

Für Übertreibungen ist die Lage bereits viel zu ernst

Ohne den Ernst der Lage herunterspielen zu wollen, ist dennoch zu differenzieren, ob man wählen kann zwischen einer misslichen Arbeitssituation und einer Situation, die bessere Möglichkeiten bietet, oder ob man das Land verlassen muss, weil sonst der Unterdrückungsapparat des Staates sein Übriges tut. Während der Diktatur Francos mussten tausende Menschen das Land verlassen, weil sie keine andere Wahl hatten. Das hatte nichts mit Arbeitslosigkeit zu tun. Weitere Tausende gingen aus genau diesem Grund, aber diese Menschen waren keine Exilanten, sie waren Auswanderer. Diejenigen, die verfolgt wurden, verließen das Land aus Angst um ihr Leben.
Das ist Exil. Sie waren Exilanten. Heute haben wir es mit einer Auswanderungsbewegung zu tun. Einer Situation, die zwar aufgrund sprachlicher oder kultureller Barrieren schwierig sein kann, jedoch nicht mit der Situation von Exilanten vergleichbar ist.
Vor allem heutzutage, da die Mobilität durch regionale, nationale und internationale Institutionen vorangetrieben und erleichtert wird. Auswandern ist heute viel einfacher als in den 1960er Jahren:
Die jungen Spanier sind besser vorbereitet denn je. In den Ländern, in die sie auswandern, gibt es Arbeit, der rechtliche Rahmen bietet ihnen Schutz, und viele hatten dank des Lebensstandards, mit dem sie aufgewachsen sind, bereits die Möglichkeit, diese anderen Länder kennenzulernen. Es stimmt, die Lage ist ernst, aber es nützt niemandem, sie mit apokalyptischen Hirngespinsten noch weiter zu verschärfen.



Alfredo Tarre,
wurde in Macuto (Venezuela) geboren. Im Jahr 2001 zog er nach Heidelberg, um sein Studium zu beginnen. Zwei Jahre später setzte er es in Berlin fort. Er ist Mitarbeiter von Berlunes, einem Blog, der sich an Spanier richtet, die ihr Glück in der Hauptstadt suchen. Alfredo betreute ein halbes Jahr lang auch die Webseite Trabajo Ya (Arbeit Jetzt!) und betreibt aktuell die Seite Vida y trabajo en Alemania (Leben und arbeiten in Deutschland). Darüber hinaus gründete er vor vier Jahren The Macuto Collective, ein in Berlin und Barcelona wirkendes Filmprojekt, das bereits zu mehreren internationalen Kurzfilmfestivals eingeladen wurde. Heute lebt er in Madrid und Berlin.

Copyright: rumbo @lemania
Juli 2013

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen

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