Chance

„Das wahre Integrationshindernis ist die Sprache"

© Jonas Schreijäg, Maria Blanco Cancho

Michael Neudecker, Sohn einer spanischen Mutter und eines deutschen Vaters, stammt zwar aus Nürnberg, zog jedoch mit seinen Eltern kurz nach seiner Geburt nach Madrid. Er studierte Politikwissenschaft in Madrid und Berlin und belegte dann einen Master an der Journalistenschule der Tageszeitung El País. Er hat einen deutschen Pass, lebt aber schon seit jeher in Madrid. Zurzeit arbeitet er als PR-Berater der Sozialisten (PSOE) in Alcobendas.

Sie sind halb Deutscher und halb Spanier. Sie kennen beide Kulturen. Warum leben Sie lieber in Madrid als in Berlin?
Es ist nicht so, dass ich lieber in Madrid lebe, das Leben hat es eben so mit sich gebracht. Früher fuhr ich nach Deutschland, um meine Großeltern zu besuchen, danach studierte ich dort und hätte dort arbeiten können. Es gab aber keinen Grund für mich, nach Deutschland zu gehen und ehrlich gesagt bleibe ich in Madrid, weil es mir hier gut geht.

Aber vielen Leuten geht es hier gerade nicht gut. 2008 war das letzte Jahr, in dem mehr Menschen von Deutschland nach Spanien zogen als umgekehrt. Seitdem ist die Zahl der spanischen Emigranten gewachsen, im Jahr 2012 waren es über 37.000. Was bedeuten diese veränderten Zahlen in Bezug auf die Beziehung der beiden Länder?
Es gibt viele Veränderungen, noch mehr aus der spanischen Perspektive. Einerseits wird Deutschland bewundert, andererseits kritisiert. Bewundert werden Genauigkeit und Qualität. Kritisiert wird es als das Land der „Quadratköpfe“ und der Langweiler, als graues Land. In Zeiten der Krise herrscht die positive Auffassung vor. Die Leute denken: „In Deutschland verdient man super, ich möchte nach Deutschland. Statt 800 € in Spanien verdiene ich lieber 2000 € pro Monat in Deutschland.“ Doch was passiert? Du kommst nach Deutschland und merkst, dass das nicht stimmt. Wir erleben gerade, wie dieses Klischee seine Gültigkeit verliert und wie wir ein neues Bild entwickeln, in dem negative Aspekte mehr ins Gewicht fallen als positive. Denn die positive Seite des Klischees zerfällt, die negative aber nicht. Wir Deutsche sind weiterhin langweilig und haben einen Quadratkopf, aber scheinbar lebt man in Deutschland nur gut, wenn man Deutscher ist.

Welche Ratschläge würden Sie den Emigranten mit auf den Weg geben?
Mein erster Tipp wäre: Versuche, Deutschland kennen zu lernen! Das wahre Integrationshindernis ist die Sprache. Das Problem ist, dass die meisten Spanier Deutschland nicht kennen und an der deutschen Kultur nicht besonders interessiert sind, andere Länder wie Frankreich oder England hatten immer eine größere Anziehungskraft.
Daher ist eine Person, die nach England zieht, bereit, jede Arbeit anzunehmen, denn sie möchte Englisch lernen – ein Spanier, der nach Deutschland geht, verfolgt jedoch ein anderes Ziel: er möchte eine gute Arbeit finden und gutes Geld verdienen. Die Person, die nach England geht, kann ihre Ziele verwirklichen, die Person, die nach Deutschland geht, in den meisten Fällen nicht. Schuld daran ist der Mangel an Informationen sowohl über die Kultur als auch über die Sprache. Außerdem denken die Leute, dass jeder in Deutschland Englisch spricht, aber im Alltag wird Deutsch gesprochen und diese Sprache lernt man nur, wenn man mehrere Jahre investiert.

Also müsste in Spanien ein Mentalitätswechsel stattfinden?
Ja, genau. Die Spanier müssen sich besser informieren, weil sie von einem Extrem ins andere fallen. Zu Beginn der Auswanderungswelle dachte man, dass Deutschland das perfekte Land zum Arbeiten wäre, das „El Dorado“ der Arbeit. Hieran waren auch Fernsehsendungen wie Españoles en el Mundo schuld. Alle Reportagen folgten der gleichen Linie: in Deutschland ist der Lebensstandard höher. Jetzt, fünf Jahre später, ist das Gegenteil der Fall. „Gehe nicht nach Deutschland, Deutsch ist eine schreckliche Sprache, du wirst nichts verstehen. Dort gibt es Rassismus, Bürokratie, Minijobs, Arbeitslosigkeit.“ Vom „Auf nach Deutschland!“ sind wir zum „Geh bloß nicht nach Deutschland, du bist wohl verrückt!“ gekommen.

Einige Medien sprechen von der verlorenen Generation und berichten über die Schwierigkeiten, auf die junge Leute stoßen, die Spanien verlassen. Aber ist es nicht eine großartige Möglichkeit, eine Chance, ins Ausland zu gehen?
Für mich ist es dies absolut notwendig und außerdem kann auf lange Sicht Europa nur so zusammenwachsen. Das Gute ist, dass diese Wanderbewegung im Vergleich zur Emigration in der 1960-er Jahren innerhalb der EU stattfindet. Spanier haben das gleiche Recht auf Arbeit und eine bessere Zukunft in Deutschland, genauso wie ein deutscher Rentner seine Rente in Spanien genießen darf. Die politischen Grenzen brechen auf.
Früher war Deutschland weit weg, seine Kultur eine große Unbekannte und psychologisch herrschte ein Abstand von tausenden von Kilometern zwischen beiden Ländern. Das hat sich verändert.

Laut einiger Medien werden Spanier oder Einwanderer aus Südeuropa von den Deutschen abgelehnt. Was denken Sie hierüber?
Meiner Meinung nach entsteht dieser Eindruck aus anderen Gründe, denn ich glaube nicht, dass Einwanderer in Deutschland abgelehnt werden. In einigen Fällen wird ein negatives Deutschlandbild konstruiert, um auf irgendeine Weise die psychologische Niederlage zu verarbeiten, in Deutschland keine Arbeit gefunden zu haben. Du gehst nach Deutschland und hoffst, dass du Arbeit findest und denkst das alles glatt läuft, aber wenn du ankommst, wird dir bewusst, dass du keine Arbeit finden kannst, höchstens einen Minijob, weil du kein Deutsch sprichst, du verzweifelt angesichts der immensen Bürokratie und weil du die Ziele nicht erreichst, die du dir gesteckt hast. Deswegen gehst du nach Spanien zurück. Auf diese Weise entsteht die Geschichte von einem Land, das alle abweist, die nicht seinen Vorstellungen entsprechen.
Dieses negative Denken entsteht auch aufgrund von Reportagen über die deutsche Vergangenheit und Rechtsextreme. Während diese Dokumentarfilme in Deutschland sozusagen vorbeugend gezeigt werden, entsteht bei den Zuschauern in Spanien der Eindruck, dass das ganze Land tatsächlich so ist. Andererseits bestehen in Deutschland weiterhin mehr positive als negative Vorurteile über Spanien. Die meisten Deutschen bringen Spanien mit guten Erinnerungen in Verbindung, sie denken vor allem an Urlaub und Sonne. Und sind etwas neidisch.

Das Interview wurde geführt von:

Jonas Schreijäg,
beendet gerade sein Politik- und Englischstudium in Freiburg. 2013 hat er als Austauschstudent in Madrid gelebt und an der sozialwissenschaftlichen Fakultät hautnah die Protestbewegungen gegen die europäische Sparpolitik miterlebt. Jonas schreibt gelegentlich für die Tageszeitung Schwarzwälder Bote und hat kleinere Filmbeiträge im Fernsehen veröffentlicht.

María Blanco Cancho,
23 Jahre alt und gebürtig aus Badajaz, studiert Journalismus an der Universität Complutense in Madrid. Neben Tätigkeiten für eine regionale spanische Zeitung hat sie bis vor kurzem für die spanische Mediengruppe Atresmedia gearbeitet.

Copyright: rumbo @lemania
Juli 2014

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen.
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