Kulturschock

Berlin ist wie Bowie

Foto (Ausschnitt): © Colourbox.deFoto (Ausschnitt): © Colourbox.de

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Das letzte Mal, das ich auf Mallorca war, was zufällig auch mein erster Besuch auf der Insel war, wurde ich von einem Freund begleitet, den viele von euch aufgrund seiner Mitarbeit bei Berlunes kennen: El Perro Salvaje.

El Perro ist ein erbitterter Berliner, ein großer Kenner der Stadt, in der er seit 1995 lebt, zumindest behauptet er das ...
Ich kenne Leute, die sagen, dass sie in Wirklichkeit 2001 hierhergekommen sind, aber sie rechnen gern diese sechs Jahre hinzu, damit niemand sagen kann, sie wären erst seit Kurzem hier, ein Zugereister oder schlimmer noch, ein Tourist.

Ein Deutscher auf Mallorca, ein Spanier in Berlin

Lange Zeit hat el Perro die Stadt bis aufs Äußerste verteidigt, aber seit einigen Jahren tut er nichts anderes, als darüber zu reden, wie Berlin einmal war und wie es vor die Hunde gegangen ist. Seiner Meinung nach ist Berlin wie David Bowie,„ein schlechter Abklatsch dessen, was es einmal war“. Man kann dieses Thema nicht ansprechen, ohne dass er versichert, seine Tage in der deutschen Hauptstadt seien gezählt. Und das seit mehr als fünf Jahren, in denen er in derselben Wohnung in Kreuzberg lebt, nur wenige Meter vom Görlitzer Park entfernt. An einem Tag unserer Woche auf Mallorca haben wir beschlossen, das Meer gegen die Berge einzutauschen und durch die imposante Serra de Tramuntana zu streifen. Wir nahmen all unseren Mut zusammen, rüsteten uns mit etwas zu essen und Wein aus und machten uns sehr früh auf den Weg.
Das Gebirge, oder die körperliche Anstrengung, haben eine wunderbare Wirkung auf meinen Freund: Es lässt ihn verstummen und verbirgt seine übliche Verbitterung; es lässt ihn wie einen weisen Mann erscheinen. Ich dachte, unser Abenteuer wäre von Frieden und Besinnung geprägt, und dass wir zum ersten Mal, seit wir auf Mallorca angekommen waren, nicht auf das Thema Berlin zu sprechen kämen. Wenn er in den Tagen zuvor auf einen Deutschen traf, was oft vorkam, begann er jedes Mal mit seinem unbändigen und jähzornigen Redeschwall.

„Es war nicht immer so...“

Alles lief gut, bis wir in der Ferne einen blonden Mann sahen, der auf einem Stein saß und wie ein reumütiger Mann aussah. Wie zu erwarten, war er Deutscher, und höflich wie wir sind, grüßten wir ihn und nutzten die Pause, um etwas zu essen. Wie sich herausstellte, Jürgen machte einen sehr netten Eindruck. Wir sprachen Spanisch, das der Fremde mit einem leichten mallorquinischen Einschlag perfekt beherrschte. Später wechselten wir ins Deutsche, nachdem er uns gestanden hatte, dass er nur selten Deutsche auf der Insel trifft, da er im Gebirge lebt und versucht, Deutsche zu meiden. „Es war nicht immer so“, sagte er uns, „vor mehr als dreißig Jahren gehörte Mallorca den Mallorquinern, und sogar die Stränden von S‘Arenal waren nahezu unberührt.“
Als ich das hörte, dachte ich: „Verdammt nochmal, genau das hat mir gerade noch gefehlt!“, und ich sah, wie die Augen von El Perro zu leuchten begannen. Das Gespräch endete acht Stunden später im Haus des deutschen Hippies in einem Auseinandersetzung zwischen den beiden Asozialen (im besten Sinne des Wortes), bei dem sie argumentierten, dass mit der Ankunft dieser Banausen ihre Paradiese vor die Hunde gingen. Dass die Preise stiegen, dass die Lebensqualität sank, dass man nicht mehr dieselben Lokalitäten wie früher besuchen konnte, dass sie von den Ortsansäßigen mit Misstrauen betrachtet werden und sie mit den Eindringlingen verwechselten ... und natürlich ... dass die Flucht der einzige Ausweg aus dieser Hölle war.
Ich habe mich aus dieser Diskussion herausgehalten. Ich hörte zu, genoss den fabelhaften mallorquinischen Wein, zu dem uns Jürgen eingeladen hatte, und dachte mir, dass El Perro in dreißig Jahren noch immer in Berlin leben wird, vielleicht in Bukow, und dass er dann mit jedem, der es hören will, gegen die Spanier wettern wird; aber von einem Wegzug wird er so weit entfernt sein wie an dem Tag, als ich ihn kennengelernt habe.

Alfredo Tarre,
wurde in Macuto (Venezuela) geboren. Im Jahr 2001 zog er nach Heidelberg, um sein Studium zu beginnen. Zwei Jahre später setzte er es in Berlin fort. Er ist Mitarbeiter von Berlunes, einem Blog, der sich an Spanier richtet, die ihr Glück in der Hauptstadt suchen. Alfredo betreute ein halbes Jahr lang auch die Webseite Trabajo Ya (Arbeit Jetzt!) und betreibt aktuell die Seite Vida y trabajo en Alemania (Leben und arbeiten in Deutschland). Darüber hinaus gründete er vor vier Jahren The Macuto Collective, ein in Berlin und Barcelona wirkendes Filmprojekt, das bereits zu mehreren internationalen Kurzfilmfestivals eingeladen wurde. Heute lebt er in Madrid und Berlin.

Copyright: rumbo @lemania
September 2013

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen

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