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Hopfen und Malz, Gott erhalt´s!

 Foto: (CC0) motointermedia, pixabay.com

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Ich erinnere mich noch daran, dass uns in Köln eine Art goldenes, helles Pale Ale namens Kölsch in einem kleinen zylinderförmigen Glas serviert wurde. Es war Frühling, wir saßen auf einem Platz voller Leute. Es herrschte eine Atmosphäre, wie man sie sonst nur im Winter in einer Kölner Kneipe erleben kann. Der Kellner ging zwischen den Tischen durch, nahm die leeren Gläser mit und verteilte neue Gläser, die er auf seinem Tablett mit Tragegriff (dem Kranz) transportierte. Wenn man nicht aufpasste, d. h. den Bierdeckel auf das leere Glas legte, bekam man automatisch ein neues Glas serviert.

In Deutschland ist allerdings das Halbliterglas am weitesten verbreitet. Und im Süden die Maß, eine alte, in Bayern und Österreich verwendete Volumeneinheit, die einem Liter (früher 1,069 l) entspricht. Für Berlin ist typisch, dass Jugendliche mit einer Flasche Bier in der Hand auf der Straße stehen – zumindest in meiner Erinnerung.

Der römische Geschichtsschreiber Cornelius Tacitus behauptete, dass die Germanen Hunger und Kälte sehr wohl trotzen konnten, nicht aber ihrem Durst. Zu jenen Zeiten wurde die Sitte des Biertrinkens vor allem den Barbaren zugerechnet, während man in großen Teilen des Mittelmeerraums Wein anbaute. Im Mittelalter wurde Bier häufig von Ordensbrüdern wie den Augustinern (ab 1328) oder den Franziskanern (ab 1363) gebraut – für die Braukunst waren damals also hauptsächlich Mönche zuständig. Um die Fastenzeit besser überstehen zu können, erfanden die Paulaner – ein Orden, der von Franz von Paola gegründet wurde, ursprünglich aus Süditalien kam und sich erst kurz vorher in München angesiedelt hatte – extra eine Biersorte, die sie als „flüssiges Brot“ bezeichneten. Der Alkoholgehalt dieses Starkbiers war doppelt so hoch wie der des aus Einbeck stammenden Bockbiers; bekannt wurde es unter dem Namen Salvator. Dieses Bier und weitere Biersorten mit dem Suffix -ator werden auf dem Starkbierfest im März getrunken, das neben dem Oktoberfest das wichtigste Münchner Bierfest ist.

Aber nicht nur Mönche, sondern auch gerade Frauen brauten während des Mittelalters Bier für den Eigenbedarf. Es wurde damals in Deutschland wie heutzutage Kaffee getrunken, man versammelte sich zu Hause zu geselligen Bierrunden. Dieses beliebte Getränk galt als rein und gesund, es wurde sogar Schwangeren empfohlen, da Bier im Gegensatz zu Wasser keine Ansteckungsgefahr für Epidemien oder die Pest barg.

Als das Bier ab dem 13. Jahrhundert exportiert wurde, experimentierten einige Brauer bei der Herstellung mit giftigen halluzinogenen Pflanzen. Als Strafe wurden sie gezwungen, ihr eigenes Bier zu trinken. Angesichts dieser Lage und der Notwendigkeit, den Bierpreis zu regulieren, verkündete der bayrische Herzog Wilhelm IV. im Jahr 1516 das deutsche Reinheitsgebot. Es gilt als das erste Lebensmittel- und somit als das erste Verbraucherschutzgesetz. Das Reinheitsgebot legte fest, dass zur Bierherstellung nur drei Zutaten verwendet werden durften: Hopfen, Wasser und Gerste. Der Weizen war der Brotherstellung vorbehalten, das dem Volk niemals fehlen sollte. Bis zum 19. Jahrhundert war Hefe unbekannt, die Gärung war noch nicht erforscht worden. Im aktuellen Reinheitsgebot wird Hefe neben dem aus der Gerste gewonnenen Malz genannt. Weltweit gilt das Reinheitsgebot heute als Qualitätsmerkmal.

Als im Jahr 1810 Kronprinz Ludwig I. von Bayern die Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen heiratete, wurde das ganze Volk zur Hochzeit geladen. Das Fest dauerte mehrere Tage und endete mit einem Pferderennen vor den Münchner Stadttoren. Der Erfolg war so durchschlagend, dass beschlossen wurde, das Volksfest im darauffolgenden Jahr erneut auszurichten. Dies war die Geburt des heute weltweit bekannten Oktoberfests.

Die berühmten Biergärten entstanden, weil die Bierkeller kühl bleiben mussten, weswegen sie in Flussnähe und unter Kastanien angelegt wurden. Die Münchner kamen in den heißen Monaten auf diese Gelände und tranken dort ihr Bier. Der Ausschank erfolgte direkt aus dem Keller. Im Gegensatz zum obergärigen Pale Ale setzten die bayerischen Brauer im 19. Jahrhundert auf eine langsame Reifung bei niedrigen Temperaturen. Daher stammt die heutzutage übliche Bezeichnung Lagerbier. Das bereits industriell hergestellte Lagerbier sollte Jahre später seinen Triumphzug durch die U.S.A. antreten. Verantwortlich hierfür war der deutsche Immigrant Adolphus Busch, der das Budweiser-Imperium begründete.

Heutzutage spielen die traditionellen Ortsbrauereien in Deutschland wirtschaftlich nach wie vor eine große Rolle. Augustiner, Spaten, Hacker-Pschorr, Paulaner, Hofbräu und Löwenbräu heißen die sechs Biermarken, mit denen jedes Jahr auf dem Münchner Oktoberfest die Krüge gefüllt werden. Dieses Jahr findet es vom 16. September bis zum 3. Oktober statt. Alle Biere werden in und rund um München gebraut – natürlich nach dem Reinheitsgebot. Letztes Jahr verzeichnete das Oktoberfest 5,6 Millionen Besucher. Jedes Jahr werden hier über sechs Millionen Liter Fassbier getrunken. De Preis der Maß steigt seit 2003 konstant. Damals kostete eine Maß zwischen 6,30 € und 6,80 €. Dieses Jahr kostet der Liter zwischen 10,60 und 10,95 €. (Letztes Jahr 2016 musste man für eine Maß zwischen 10,40 € und 10,60 € auf den Tisch legen.) Zum Trinken muss man sich allerdings immer setzen. Wenn man das Fest mit einer Gruppe besuchen möchte, sollte man vorher einen Tisch reservieren oder sich schon frühmorgens anstellen, denn ab 9 Uhr wird in den Festzelten Bier ausgeschenkt. Dies gilt jedoch nicht für den Tag der Eröffnung, an dem man warten muss, bis der Münchner Oberbürgermeister mit dem traditionellen „O’zapft is!“ den Anstich des ersten Bierfasses verkündet.

Vanesa Rodríguez Schoos,
mit einer deutschen Mutter und einem spanischen Vater zwischen zwei Kulturen aufgewachsen, mit der Seele und den Wurzeln jedoch im Süden. Sie studierte Journalismus, den Blick jedoch immer auch auf Geschichte, Fotografie und die Menschen und ihr Verhalten gerichtet.

Copyright: rumbo @lemania
September 2017

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen

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