Szene

Schock ist nicht genug – das neubelebte Atonal-Festival in Berlin

Camille Blake / Kraftwerk Berlin GmbH Auf dem Atonal-Festival traf sich in den Achtzigerjahren die Berliner Post-Punk-Szene. Nach einer 23-jährigen Pause setzte das Festival jetzt neu an. Rockmusik spielte kaum noch eine Rolle. Heute steht Atonal ganz im Zeichen der elektronischen Musik.

Versunken in die Welt der Laptop-Musik: das Londoner Duo Raime beim Atonal-Festival 2013, Foto: Camille Blake, Kraftwerk Berlin GmbHDas Duo Raime aus London zu Gast in Berlin, Foto: Camille Blake / Kraftwerk Berlin GmbH

Dimitri Hegemann veranstaltete die erste Serie von Atonal-Festivals zwischen 1982 und 1990. Er war Ende der Siebzigerjahre aus einer westfälischen Kleinstadt nach Berlin gekommen und erlebte Konzerte von Bands wie Malaria und Die Haut, Berlins Reaktion auf Punk. Sie tourten durch die USA, spielten aber daheim nur in kleinen Sälen vor Eingeweihten. „Ich wollte diese ekstatische neue Ausdrucksform geballt auf die Bühne bringen und der Öffentlichkeit vorstellen. Die Leute kamen und wollten eine Sensation. Wir hatten auch mal syrische Chöre da“, erinnert sich Hegemann an die frühen Jahre.

Auf dem ersten Festival traten Szene-Stars wie die Einstürzenden Neubauten an der Seite unbekannter Gruppen wie Didaktische Einheit auf. Im Lauf der Jahre kamen internationale Künstler wie Psychic TV oder Test Dept. dazu. Es ging darum, Hörgewohnheiten zu brechen und eine Alternative zum Mainstream anzubieten. Kleine Skandale gab es auch: Die Kultband Die Tödliche Doris trat beispielsweise 1982 nicht auf: Atonal wurde vom Berliner Senat gefördert und mit dem wollten die Musiker nichts zu tun haben. Zu viel Establishment.

Das Atonal-Festival 2013

Dimitri Hegemann, Techno-Ikone und Master Mind des Atonal-Festivals damals und heute, Foto: Camille Blake / Kraftwerk Berlin GmbH Beim wiederbelebten Atonal-Festival im Sommer 2013 wählte Hegemann die Künstler nicht mehr selbst aus. Er verpflichtete den Musikjournalisten Harry Glass, den Label-Betreiber Paulo Reachi und den Musiker Laurens von Oswald als Musikkuratoren. Mit Mitte Zwanzig sind sie in dem Alter, in dem Hegemann war, als er das erste Atonal veranstaltete. Das bedeutet Kontinuität und Neuorientierung zugleich. „Was 1982 kompromisslos war, ist das 2013 nicht mehr unbedingt“, erklärt Harry Glass. „Sein Instrument zu zertrümmern etwa. Dieselbe Haltung bringt einen heute woandershin. Heute geht es darum, etwas zu erschaffen und mit den Erwartungen zu spielen. Der Schock, das Experiment an sich, reicht nicht mehr. Insofern ist die Herausforderung jetzt größer.“

Ein Hauch von handgemachter Subversion: das Atonal-Plakat aus dem Jahr 1985, Copyright: Dimitri Hegemann Die Stars von damals wurden nicht wieder eingeladen, Frieder Butzmann und ZE’V sind die einzigen Ausnahmen. Überhaupt spielten beim Atonal 2013 so gut wie keine Bands, sondern Projekte und Einzelkünstler. Ein Zeichen der Zeit: „Wir glauben, dass heute die spannendste Musik in der Zone zwischen elektronischer Tanzmusik – Techno und House – und experimenteller elektronischer Musik entsteht“, erläutert Harry Glass. Dieser Ausgangspunkt ist bewusst gewählt. Die erste Atonal-Phase ging 1990 zu Ende, als die „atonalen“ Experimente und die elektronische Tanzmusik in Kontakt traten. Ende der Achtzigerjahre war die Acid-House-Welle von Großbritannien nach Berlin geschwappt.

Hegemann und seine Mitstreiter betrieben in einem Kreuzberger Keller das UFO und dann, ab 1991, den Tresor. Der Club im Untergeschoss eines kriegszerstörten Kaufhauses in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Platzes festigte Berlins Ruf als Technostadt. Der Tresor vertrat die reine Lehre des Techno; ebenso sein Nachfolgeclub im Keller des Kraftwerks, in dem nun das Atonal-Festival stattfindet, er richtet sich bis heute an die Partygänger. Insofern wird mit dem neuen Festival der „atonale“, experimentelle Anspruch auf den Kosmos der elektronischen Tanzmusik bezogen. Der Kreis schließt sich, zumindest konzeptuell.

Am Ende geht es doch um Party im ungewohnten Raum, Foto: Camille Blake / Kraftwerk Berlin GmbHParty mit Industrial-Flair: spät nachts im Kraftwerk des Atonal-Festivals, Foto: Camille Blake / Berlin Kraftwerk GmbH

Nicht viel von damals

In einem Punkt ist das neue Atonal radikaler als seine Vorgänger: Damals wurden etablierte Veranstaltungsorte genutzt. Atonal 2013 setzt sich vom Konzertbetrieb ab, indem es in einem ehemaligen Heizkraftwerk in Berlin-Mitte stattfindet. Die Halle ist groß wie ein Flugzeug-Hangar, roh wie das Set eines postapokalyptischen Sciencefiction-Films, Sommerhitze steht im Raum. Projekte wie das italienische Duo Voices from the Lake – wie viele andere Acts auf dem Festival aus der Szene der elektronischen Tanzmusik hervorgegangen – haben sich von deren Imperativen längst befreit. Das Stampfen der Grooves ist auf ein Tippen reduziert. Statt zum Tanzen zu animieren oder Partylaune zu verbreiten, erzeugen die Tracks eine Wall of Sound, die so absorbierend wie rätselhaft ist. Vor der Bühne versucht das Publikum zu tanzen, aber die Musik lässt das kaum zu. Weiter hinten im Raum sitzen Festivalbesucher in Gruppen auf dem Boden.

Berliner Electronic-Crossover mit internationaler Ausstrahlung: die Band Brandt Brauer Frick beim Atonal-Festival 2013, Foto: Camille Blake / Kraftwerk Berlin GmbHDas alte Atonal war eine Veranstaltung für Berliner. 2013 richtet es sich auch an musikaffine Berlin-Touristen, die sich ins Nachtleben der Stadt werfen wollen. Harry Glass dazu: „Heute hast du ein Hostel um die Ecke, in dem tausend Leute wohnen. Die sind hier, die wollen etwas sehen. Wir wollen ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen. Und das in seiner bestmöglichen Form.“ Dabei ist es kein Zufall, dass das experimentierfreudige Musikverständnis der Achtzigerjahre gerade jetzt wieder aktuell wird. Industrial verkörperte einst den elektronischen Flügel des Post-Punk und war einer der Nährböden, aus dem sich Techno entwickelte. Formal ähneln sich die repetitiven, maschinellen Rhythmen der beiden Stile. Was Stimmung und Haltung angeht, haben Industrial und Techno aber keine Gemeinsamkeiten: Existenzialismus, no future, (Selbst-)Hass und Aggression schlugen im Laufe der Jahre in Ekstase, Bejahung und Gemeinschaftlichkeit um. Man rammt seinen Schädel nicht mehr gegen die Mauer des Konzertsaals, sondern tanzt, bis einem der Schweiß über den Köper läuft.

Party trifft Industrial

Raum, der inspiriert:  eine Herausforderung für das Atonal-Festival 2014, Foto: Camille Blake / Kraftwerk Berlin GmbHDas Industrial-Revival von auf dem Festival vertretenen Musikern wie Cut Hands, Vatican Shadow oder Kassem Mosse konfrontiert die Menschen im Kraftwerk mit bedrängenden Noise-Landschaften und wuchtigem Hämmern. Ein ästhetischer Schock aber wie der, als Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten 1982 mit dem Presslufthammer Löcher in die Wand des Konzertsaals bohrte, will sich kaum noch einstellen. Dazu sind die Konzerte zu gleichförmig und geschlossen. Fast alle Musiker spielen mit dem Laptop. Der Überfluss an verfügbarem Klangmaterial scheint eine Konfrontation mit dem Publikum zu verhindern, vieles klingt gleich, ohne Kanten, ohne Visionen. Dimitri Hegemann ist daher nicht ganz zufrieden: „Das ist die Apple-Generation. Da klingt alles trotz 500 Plug-Ins nett und gefällig.“ Subversion war gestern. Und sie ist die Herausforderung für Atonal 2014.

Alexis Waltz
ist Musikjournalist und Kulturwissenschaftler. Er arbeitet für Spex, Groove und die Süddeutsche Zeitung und lebt in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2013

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