Leben und Kultur in Madrid

¿Faule Spanier, überhebliche Deutsche!

Der Kommentar eines Teilnehmers

Enrique Barón, spanischer EU-Politiker © Goethe-Institut Madrid; Fotos: David SirventSo lautete der Titel einer sehr interessanten Konferenz- und Workshop-Tagung, die vor zwei Monaten im Goethe-Institut Madrid stattfand. Anwesend waren herausragende Historiker, Journalisten und Politiker aus Spanien, Deutschland und Österreich, allesamt Experten für die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland.

Walter Bernecker, Werner Perger, Enrique Barón, Cristina Manzano und Lothar Witte waren nur einige der Referenten.
Die Debatte, die sich keineswegs auf das Hier und Jetzt beschränkte, bezog sich auf das 20. und das bisherige 21. Jahrhundert, ging über die Landesgrenzen hinaus und wurde zu einer Debatte über die aktuelle Situation und die Zukunft der Europäischen Union.

„Wandel des Spanienbildes der Deutschen und des Deutschlandbildes der Spanier“

Walther L. Bernecker, deutscher Professor für Auslandswissenschaft © Goethe-Institut Madrid; Fotos: David SirventSo lautete der Titel eines Workshops, der von Walter Bernecker geleitet wurde und an dem ungefähr fünfzehn Personen teilnahmen, darunter Journalisten, Studenten, Unternehmer, andere Interessierte und ich.
Bernecker begann die Diskussion mit der Behauptung: Das Bild, das die Deutschen von Spanien haben, hat sich nicht sonderlich verändert, das Bild, das die Spanier von den Deutschen haben, hingegen schon. Seine Behauptung bezog sich in erster Linie auf das Bild von Spanien, das von den großen Zeitungen vermittelt wird. Um seine Behauptung zu untermauern, legte er eine Reihe von Artikeln vor, die kürzlich in Spanien erschienen waren, mit Überschriften, die eine deutliche Feindseligkeit gegenüber der Regierung von Angela Merkel erkennen ließen.

© Goethe-Institut Madrid; Fotos: David SirventAnschließend analysierte er das Spanienbild der Deutschen vor der Krise und ging auf die bedingungslose Unterstützung ein, die Deutschland den progressiven Kräften Spaniens während der Transition – der Übergangsphase vom Franquismus zur parlamentarischen Monarchie – zukommen ließ. Wie die Angst, dass Spanien in die Fußstapfen Portugals treten könnte, die deutschen Politiker dazu bewegte, ihr Vertrauen zunächst in Suárez und später in Felipe González zu setzen. Bernecker erinnerte daran, dass Spanien in der damaligen Zeit für diese Unterstützung sehr dankbar war. Das Wort „generosidad“ („Großzügigkeit“) war überall in Spanien zu hören, wenn von Deutschland gesprochen wurde.
Danach erinnerte Bernecker daran, wie Helmut Kohl den französischen Sozialisten die Stirn bot, indem er die ideologischen Differenzen ignorierte, die ihn auf dem Papier von dem Sozialisten Felipe González hätten trennen müssen, und wie er von der Macht als größter Geldgeber in der Europäischen Union Gebrauch machte und alles ihm nur Mögliche für eine schnelle Aufnahme Spaniens unternommen hat.
Damals hätten die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht besser sein können. Die Spanier waren dankbar für die Großzügigkeit der Deutschen, und die Deutschen setzten auf ein demokratisches und modernes Spanien. Diese Situation hielt an, bis die Krise eintrat.

© Goethe-Institut Madrid; Fotos: David SirventNach Meinung Berneckers hatten die spanischen Medien von da an beschlossen, Deutschland für alles die Schuld zu geben. Sogar in den seriösen Medien wird die Regierung der CDU wiederholt mit der der NSDAP verglichen. Die Figur „Merkel“ wurde zu einem Monster gemacht, mit dem die spanischen Journalisten ihre Kinder beim Zubettgehen erschrecken.
Bis zu diesem Punkt gab es wenig zu debattieren. Gegen die historischen Tatsachen lässt sich nichts sagen, und niemand würde sich trauen, diese zu leugnen. Vielleicht konzentrierte sich die anschließende Diskussion daher auf die Fehler, die Spanien in den letzten Jahren begangen hatte ...

„Ihr habt über eure Verhältnisse gelebt.“

© Goethe-Institut Madrid; Fotos: David SirventDiese Aussage, die wie ein Mantra klingt, das immer dann wiederholt wird, wenn von der Krise in Spanien die Rede ist, kam einige Male aus dem Mund von Walter Bernecker. Eine Aussage, die vermutlich stimmt: Die Spanier haben mehr ausgegeben, als sie hatten, haben sich leichtfertig verschuldet etc. Aber vielleicht muss man diesen Satz nicht ein ums andere Mal wiederholen, wenn der spanische Wohlfahrtsstaat auf erschreckende Weise eingeschränkt wird, wovon in erster Linie die bedürftigsten Bürger betroffen sind, und wenn außerdem nicht die ganze Realität widergespiegelt wird. Als Beispiel führten die Teilnehmer die schwerwiegenden Fälle von Veruntreuung durch die Banken an, denen viele Spanier zum Opfer fielen, und Bernecker gab zu, dass er nicht versteht, wie das passieren konnte. Nichtsdestotrotz beharrte er auf seiner Meinung, dass die Verantwortung aufgeteilt werden müsse. Zugunsten von Spanien führte er an, dass die sozio-ökonomische Entwicklung der beiden Länder komplett unterschiedlich abgelaufen ist. Für den Übergang von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft hat Deutschland mindestens siebzig Jahre gebraucht, Spanien höchstens zehn.

Deutsche Forderungen unangebracht?

© Goethe-Institut Madrid; Fotos: David SirventAber viele der Anwesenden – Deutsche eingeschlossen – sahen die deutschen Forderungen in der momentanen Situation kritisch oder zeigten zumindest Empathie. Die meisten der Teilnehmer stimmten über die Gründe für die momentane Situation und über die Verantwortung der Spanier überein, jedoch lehnten sie die Reformpolitik der aktuellen Regierung ab und stellten eine direkte Verbindung zu der unbestrittenen Feindseligkeit gegenüber der Regierung von Angela Merkel her. Leider konnte oder wollte Bernecker nicht auf diese Debatte eingehen.
Denken wir an zwei Freunde, die sich sehr schätzen, und daran, wie der eine seine Sache in einer bestimmten Situation gut gemacht hat und der andere schlecht. Wenn der eine, der alles richtig gemacht hat, dem anderen immer wieder vorhält, was er falsch gemacht hat, dann kann er schnell einen arroganten Eindruck machen ... Ebenso kann der andere nachlässig erscheinen. So ließe sich die Situation zwischen den beiden Ländern beschreiben. Die meisten Menschen in Spanien wissen, dass Deutschland nur tut, was es tun muss, aber ihnen immer wieder vorzuhalten, was sie falsch gemacht haben, lässt die Deutschen verständlicherweise irgendwie arrogant erscheinen. Und diesen Eindruck machte leider auch Bernecker auf viele der Anwesenden.

Alfredo Tarre,

Copyright: rumbo @lemania
August 2013

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen
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