Theater

Spüren, Tasten, Welt erfahren


Premiere *Familienalbum* von She She Pop; 8. bis 15.03. 2008 im Hebbel am Ufer. Cop.: She She PopIch schließe die Augen. Ich lasse geschehen, dass sogar noch eine Binde über meine Augen gelegt wird. Sanft ergreift eine Hand die meine und gibt mir Hilfestellung beim Tappen durch das Dunkel. „Vorsicht, Stufe”, wird warnend gehaucht. Ich hebe den Fuß, taste, bis ich die Stufe gefunden habe und vertraue darauf, dass sie mein Gewicht trägt. Ich schwanke leicht. Weil mir der Sehsinn genommen ist, habe ich nichts anderes als meinen Körper, um die Umwelt wahrzunehmen. Dessen Bewegungen kommen mir ungemein schwerfällig und langsam vor. Meine Intelligenz ist auf die Hülle meines Leibs und auf ein paar Nervenzellen reduziert.

Ich konzentriere mich auf den kalten Luftzug, der über meine nackte Haut streicht. Musik ertönt. Sie erinnert mich daran, dass die Welt gewöhnlich voller unterschiedlichster Sinneseindrücke ist. Plötzlich verspüre ich einen stechenden Schmerz auf der Brust. Kurz darauf ein Brennen auf dem Rücken. „Wenn Du aufhören willst, dann gib Bescheid”, verkündet eine sanfte Stimme. Ich will noch nicht aufhören. Ich gebe mich weiter dieser Erfahrung des Ahnens, Spürens und sinnlichen Empfindens hin, das die Performance „Secret Service” des Berliner Choreografen Felix Ruckert ausmacht. Ich genieße die Reise über die Landschaft meines Körpers. Ich bin mitten drin im Theater der Zukunft - in einem interaktiven Theater-Arrangement, das mich nicht mehr nur auf die passive Rolle des Zuschauer beschränkt, sondern buchstäblich unter die Haut geht.

Marx-Experten, Fluglotsen und Nachrichten-Junkies auf der Bühne

Szene aus *Das Kapital*. Cop.: Rimini ProtokollDer Schauspieler A spielt eine Rolle im Stück B – und der Zuschauer C guckt diesem Treiben zu. Bis in die 1990er-Jahre hätte man im Umfeld deutscher Bühnen mit dieser Minimaldefinition von Theater kaum Widerspruch geerntet. Doch mittlerweile ist dieser Merksatz ausgehöhlt. Das traditionelle Schauspiel hat sich zum postdramatischen Theater gewandelt. Durch Einflüsse der Performance Art hat sich das Verhältnis von Schauspieler und Rolle in den letzten Jahren massiv verändert. Schauspieler steigen immer öfter aus ihrer Figur aus. Sie kommentieren sie, nehmen ironische Distanz zu ihr ein. Immer stärker wird auch die Tendenz, Figuren aus biografischem oder vermeintlich biografischem Material der Schauspieler zu kreieren. Die Gruppe Rimini Protokoll betreibt dieses Spiel gegenwärtig auf höchstem Niveau, wenn sie etwa Marx-Experten, Fluglotsen oder Nachrichten-Junkies auf der Bühne versammelt und in improvisiert anmutenden Arrangements ihren Beschäftigungen nachgehen lässt. Festzuhalten bleibt: Die traditionelle Trennung zwischen dramatischer Person und Darsteller – die überhaupt erst zur Herausbildung der Profession des Schauspielers geführt hat – verwischt.

Der Zuschauer als Akteur

Auch der Zuschauer ist nicht mehr auf seinem Platz in Parkett oder Rang festgezurrt. In vielen neueren Theaterproduktionen kann er frei umherschweifen. Seine Freiheit, eigene Perspektiven auf die Aufführung auszuwählen, hat sich weiter vergrößert. Die letzte Konsequenz ist, ihn selbst als Akteur in die Handlung hineinzuziehen, ja ihn sogar zur tragenden Figur zu machen.

Szene aus *Feierabend! - das Gegengift* von Helena Waldmann & Friends. Cop.: Anja BeutlerDer Ursprung des interaktiven Theater ist beim brasilianischen Theatermacher Augusto Boal zu suchen. Boal entwickelte in den 1970er-Jahren am Rande lateinamerikanischer Metropolen mit den Bewohnern der Favelas eine Theaterform, in der aktuelle lokale Konflikte dargestellt wurden. In diesem „Forumtheater” konnten die Zuschauer die Handlung beeinflussen. Sie betraten die Bühne, erklärten den Schauspielern, wie sie sich zu verhalten hätten oder spielten einfach selbst eine Szene. Boals Ziel war das Bewusstmachen sozialer Konflikte und das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten. Die politische Intention Boals ist im heutigen interaktiven Theater weitgehend verloren gegangen. Das Potential der Konfliktlösung immerhin wird von zahlreichen Unternehmens-Theatergruppen genutzt. Diese bieten ihren Auftraggebern typische Szenen aus dem Alltag der Firma – etwa Kundengespräche oder Mobbing-Situationen – an und erarbeiten mit den anwesenden Mitarbeitern Lösungsstrategien. Auch in der therapeutischen Praxis finden interaktive Theaterformen verstärkt Anwendung (unter anderem bei Depressionen und Alzheimer).

Theater jenseits des Bekannten und Berechenbaren


Szene aus *Für alle* von und mit She She Pop, 2006. Cop.: MuTphoto/ Barbara BraunIn die Kunst des darstellenden Spiels hat Interaktivität ebenfalls Einzug gehalten. Gegenwärtig sind es vor allem Avantgarde-Künstler wie die Berliner Choreografen Felix Ruckert und Helena Waldmann, oder die Performance-Kollektive She She Pop (Berlin/Hamburg) und Signa, die den tradierten Aufführungszusammenhang auflösen. Ruckert treibt diese Veränderung am radikalsten voran, weil er den Zuschauer vereinzelt und auf sich selbst wirft. Waldmann und She She Pop kreieren Feste, deren Verlauf unmittelbar von allen beteiligten Personen, also auch den Zuschauern, abhängt. Die dänische Performancegruppe Signa entwickelt ganze Spielzusammenhänge, die über mehrere Tage gehen können und eine spezifische Realität simulieren. In „Die Erscheinungen der Martha Rubin” führte vor allem die zeitlich gedehnte Abfolge der Ereignisse zu neuen Wahrnehmungsmustern.

*Die Erscheinungen der Martha Rubin*; Eine Nonstop-Performance-Installation von SIGNA; Idee, Konzeption und Regie: Signa Sørensen, Arthur Köstler; Schauspiel Köln. Cop.: Signa Sørensen, Arthur KöstlerKennzeichnend für diese Künstler ist, dass sie interaktives Theater vom simplen Mitmachtheater emanzipieren. Sensibel wird darauf geachtet, dass das Erlebnis für den Einzelnen gewahrt bleibt, und nicht der Effekt einer Casting-Show entsteht. Diese Behutsamkeit ist gleichzeitig aber auch ein Manko. Um die Integrität der teilnehmenden Laien zu bewahren, werden Konflikte bewusst entschärft. Erst recht wird ihre tragische Zuspitzung vermieden. Statt eine kathartische Erfahrung zu machen, urteilt das Publikum nun nach Wohlfühlkriterien. Ausgesetzt ist es allerdings einer rituellen Struktur. In seiner gegenwärtigen Form artikuliert das künstlerische interaktive Theater die Sehnsucht nach einer Erfahrung jenseits des Bekannten und Berechenbaren.
Tom Mustroph
ist Theaterwissenschaftler und arbeitet als freier Autor.

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Oktober 2008

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