Tendenzen

Ungeminderte Lesefreudigkeit - Kinderliteratur in Deutschland

Paul Maar: Das Sams; Copyright: Oetinger VerlagVor allem unter Kindern bis etwa zum 12. Lebensjahr gibt es nach wie vor begeisterte Leseratten, wie die Ausleihzahlen der öffentlichen Bibliotheken beweisen. Auch Autoren-Lesungen, von engagierten Lehrern und Bibliothekaren in Schulen und Bibliotheken organisiert, sind beliebt und gut besucht. Das Erlebnis, einem „Autor zum Anfassen“ zu begegnen und von ihm vorgelesen zu bekommen, weckt auch bei Kindern, die vom Elternhaus her nicht an Bücher gewöhnt sind, häufig das Verlangen, die vorgestellten Geschichten selbst zu lesen.

Welche Bücher unter all den Neuerscheinungen eines Tages überleben und als Kinderbuchklassiker bezeichnet werden, wird man erst mit einer zeitlichen Distanz sagen können. Von einigen der noch lebenden deutschen Autoren kann man allerdings schon heute behaupten, dass sie es geschafft haben, Lieblingsautoren von Kindern zu werden. Da sind vor allem Paul Maar, Cornelia Funke und Kirsten Boie zu nennen.

Humor, Spannung, Tempo und Identifikationsmöglichkeiten

Was unterscheidet sie von all den anderen Autorinnen und Autoren? Was macht ihre Beliebtheit aus? Fragt man Kinder, wie sie sich ihre Bücher wünschen, dann kommt bei fast allen spontan die Antwort: Spannend und lustig. Und diese Eigenschaften findet man bei den meisten Kinderbüchern der genannten Autoren; dazu sind sie temporeich geschrieben, was den mediengewohnten Kindern entgegenkommt. Hinzu kommt noch ihr Talent, ganz aus der Perspektive ihrer kleinen Helden zu schreiben, sodass diese sich wieder finden. Mit dem anarchischen und dichtenden Kobold Sams (Oetinger Verlag) von Paul Maar zum Beispiel identifizieren sich Kinder besonders gerne, und es sind die Kinder, die die fünf Sams – Bände zu Bestsellern gemacht haben.

Cornelia Funke wiederum schreibt ganz besonders spannende Bücher mit märchenhaften und fantastischen Elementen, wie zum Beispiel Drachenreiter (1997), Igraine Ohnefurcht (1998) oder Kleiner Werwolf (1996), alle Dressler), die viele Lesemuffel zum Schmökern verführt haben. Kirsten Boie hat neben psychologisch subtilen Jugendbüchern zum Thema Gewalt vor allem wunderbare Texte zu Bilderbüchern und Büchern für Leseanfänger geschrieben, in denen sie mit ihrem unnachahmlich trockenen Humor aus dem Alltag der Kinder erzählt. Man denke nur an die köstlichen Erstlesebücher rund um die kleine, kesse Heldin Linnea oder um das lustige Meerschweinchen King-Kong (beide Oetinger Verlag). Kirsten Boie wurde in diesem Jahr zum dritten Mal für die Hans-Christian-Andersen-Medaille, die höchste internationale Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur, nominiert.

Große Aufmerksamkeit bei den Kritikern hat Jutta Richter mit ihrer wunderbar lyrischen Sprache erregt. Ihr schönstes Kinderbuch bisher ist Der Hund mit dem gelben Herzen (Hanser 1998) eine poetische Geschichte und hintersinnige Parabel von einem kleinen Hund, der den Kindern Prinz Neumann und Lotta zugelaufen ist. Für ihren Kinderroman Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen (Hanser 2000) hat Jutta Richter den Deutschen Jugendliteraturpreis 2001 erhalten.

Lizenzen und erfolgreiche Serien - Bedürfnis nach Helden und Abenteuern

Während es viele junge, begabte Illustratorinnen zu entdecken gibt, wie z. B. Jacky Gleich, Nadia Budde, Henriette Sauvant, Karoline Kehr, Julia Kaergel oder Wiebke Oeser, sucht man unter den jungen, deutschen Autorinnen und Autoren vor allem im Bereich der Kinderliteratur vergebens nach Nachwuchs vom Range eines Otfried Preußler, Michael Ende, Peter Härtling, Paul Maar oder einer Christine Nöstlinger, Kirsten Boie und Cornelia Funke. Offenbar reizt das Genre Jugendliteratur junge deutsche Autoren mehr als die Kinderliteratur. Die Verlage füllen diese Lücke mit Lizenzen, vor allem aus dem skandinavischen, niederländischen und englischsprachigen Raum. Und sie reagieren auf das Bedürfnis der Altergruppe der 9 - 12-jährigen nach Abenteuern und Helden und überschwemmen den Markt mit immer neuen Serien.

Worin liegt nun die Faszination dieser Serien? Viele Kinder leiden heute unter Mangel an Erlebnismöglichkeiten, sie müssen ihre Abenteuer sozusagen aus zweiter Hand - in ihren Büchern - erleben. Die Helden der Serien fungieren als Freunde, mit denen sie sich identifizieren und an deren Abenteuern sie teilhaben können.

In diesem Marksegment gibt es auch immer mehr deutsche Autorinnen und Autoren.Man denke nur an die großen Erfolge der Serien Die wilden Hühner von Cornelia Funke (Dressler Verlag), 4 ½ Freunde von Joachim Friedrich (Thienemann Verlag), Hexe Lilli von Knister (Arena) oder Die wilden Fußball-Kerle von Joachim Masannek (Baumhaus Verlag, ab Oktober 2003 auch dtv), eine Serie, die vor allem Jungen zum Lesen bringt, die erfahrungsgemäß weniger für Bücher zu begeistern sind als Mädchen. Eine Ausnahme von dieser Regel ist allerdings Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Serie. Zum Erstaunen der Erwachsenen haben sich mindestens ebenso viele Jungen wie Mädchen durch alle vier dicken Harry-Potter-Wälzer gearbeitet. Um deren Lesekompetenz muss man sich nicht mehr sorgen.

Hilde Elisabeth Menzel
ist Expertin für Kinder- und Jugendliteratur, schreibt regelmäßig für die Kinder- und Jugendliteraturseite der Süddeutschen Zeitung und ist Mitglied der Jury für den Kinderbuchpreis LUCHS von DIE ZEIT und Radio Bremen

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Oktober 2003

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