Tendenzen

Zukunft für Phantasie - Der Verlag Friedrich Oetinger

Copyright: Verlag Friedrich Oetinger"Zielgruppenorientierte Trivialliteratur" – so urteilten einst Germanisten über das Kinder- und Jugendbuch. Doch der Friedrich Oetinger Verlag hat in seiner über 50-jährigen Geschichte mit seinem künstlerisch-literarischen Anspruch und zahlreichen preisgekrönten Autoren und Illustratoren gezeigt, welchen hohen Stellenwert gerade die Kinder- und Jugendbuchliteratur hat, und welch wichtige Aufgabe ihr in unserer Gesellschaft zukommt.

Die lange und unvergleichliche Erfolgsgeschichte des Verlages Oetinger ist verknüpft mit einem kleinen, frechen Mädchen mit lustigen Sommersprossen und roten Zöpfen. Sie beginnt an einem Vorfrühlingstag im Jahre 1949 in Stockholm im Büro einer in Deutschland noch unbekannten Schriftstellerin. Es ist Astrid Lindgren. Überraschend hat sich ein deutscher Verleger angemeldet, auf dessen Besuch sie neugierig wartet. Dieses erste Zusammentreffen mit Friedrich Oetinger hat sie rückblickend so beschrieben: "Herein trat ein sehr bescheidener Herr; ein sanftmütig blickender, braunäugiger, freundlich lächelnder Mann, der Franz Schubert auffallend ähnlich sah. Nach einem besonders erfolgreichen Verleger sah er nicht gerade aus." Sein Anliegen hat einen Namen: "Pippi Langstrumpf". Das unkonventionelle Buch ist in Schweden bereits 1945 erschienen. Fünf deutsche Verleger haben es abgelehnt, denn selbst im fortschrittlichen Schweden ist es aus pädagogischer Sicht nicht unumstritten. Aber Friedrich Oetinger möchte das Buch trotz seines Wagnisses unbedingt haben. Er glaubt fest an den Erfolg von "Pippi Langstrumpf", und - er kämpft um das Überleben seines jungen Verlages. "Von mir aus gern", stimmt Astrid Lindgren "ganz einfältig" zu, später jedoch bekannte sie: "Bücher haben ihre Schicksale, und für Pippi Langstrumpf war es ein glückliches Schicksal, in diesem kleinen Verlag in Hamburg zu landen."

Die Pionierzeit

Am 12. Juni 1946, im zerbombten Nachkriegs-Hamburg, wurde der gleichnamige Verlag von Friedrich Oetinger gegründet. Von der britischen Besatzungsmacht hatte er die Lizenz für Philosophie, Pädagogik, Wirtschaftswissenschaften, schöngeistige Literatur und Jugendschriften erhalten. Zwei Jahre später, 1948, erschien das erste Buch, das in die Richtung der heutigen Programminhalte zielte: "Der Kinderknigge" des bekannten Wiener Pädagogen Anton Tesarek, ein heiter-unbefangener Ratgeber zum Thema Umgangsformen. Aber der ganz große Erfolg kam mit "Pippi Langstrumpf". Ihr Einzug in deutsche Kinderherzen war so spektakulär, dass sich Friedrich Oetinger ab 1950 entschloss, nur noch Literatur für Kinder und Jugendliche zu verlegen.

In dieser Gründerzeit, in der bereits Heidi Oetinger, die spätere Ehefrau und Verlegerin in den Verlag eingetreten war, galt sein Augenmerk insbesondere den Nachkriegsautoren und ausländischen Schriftstellern. Brücken schlagen im Sinne einer Völkerverständigung – das war eines der formulierten Ziele. In dieses Konzept fügte sich eine ab 1952 publizierte Reihe von Fotobildbänden ("Kinder unserer Erde"), deren erste Ausgabe gleich zum großen Erfolg wurde: "Elle Kari", eine Bildfolge aus dem Leben eines Lappenmädchens. Die Fotos stammten von Anna Riwkin-Brick, einer renommierten Fotografin und Bildreporterin. Ein Jahr danach folgte eine zweite Reihe: der "Taschenjunior", eine Urform des heutigen Jugendtaschenbuchs. Ein Bändchen kostete damals 95 Pfennig und bot rund 200 Seiten abenteuerliche Geschichten und klassische Abenteuer der Weltliteratur von u. a. Jules Verne und James Fenimore Cooper.

Neue Autoren und viele Preise

1956 erscheinen die Kinderbücher von zwei bis dahin völlig unbekannten Autoren: Der Helgoländer James Krüss debütiert mit "Der Leuchtturm auf den Hummerklippen" und die niederländische Autorin An Rutgers mit "Lawinen über dem Dorf". 1958 erhält Astrid Lindgren in Florenz die Hans-Christian-Andersen-Medaille, den Internationalen Jugendbuchpreis, für "Rasmus und der Landstreicher" und ihr Gesamtwerk. 10 Jahre später ist es James Krüss, der mit dieser Medaille geehrt wird. 1993 gewinnt Henning Mankell mit "Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war" den Deutschen Jugendliteraturpreis. Zahlreiche Kinder- und Jugendbücher aus dem Oetinger Verlag wurden und werden mit nationalen wie internationalen Preisen ausgezeichnet.

Phantasie als Leitbild

1963 wird der erste Oetinger-Almanach ins Leben gerufen. Der Titel ist Programm: "Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel". Diesem Motto folgend, hat der Verlag auch ein neues Signet entwickelt, das fortan alle Oetinger-Bücher kennzeichnet: eine fliegende Wildgans, auf deren Rücken zwei junge Leser in das Land der Phantasie und der Träume reisen. Mitte der 80er Jahre wurde der Almanach in "Oetinger-Lesebuch" umbenannt. Es erscheint jährlich und bietet einen interessanten Querschnitt aus Beiträgen von namhaften Kritikern, Informationen zu Autoren sowie Illustratoren und Leseproben aus Neuerscheinungen.

Zielgruppenorientierte Trivialliteratur?

Wie die meisten Kinder- und Jugendbuchverlage hatten auch die Oetingers – trotz der von Anbeginn an hohen künstlerisch-literarischen Ausrichtung ihres Programms - mit dem einst von Germanisten verpassten Etikett der "Zielgruppenorientierten Trivialliteratur" zu kämpfen. Denn Kinderliteratur sei ja überhaupt keine "echte" Literatur und wer Jugendbücher verfasse, als Schriftsteller nicht richtig ernst zu nehmen. So hieß es und heißt es manchmal noch heute aus akademischen Kreisen. Das Jahr 1978 jedoch läutete eine überraschende Wende ein, die dem Kinder- und Jugendbuch neuen Auftrieb gab, und zudem einen Meilenstein in der Geschichte des Oetinger Verlags markiert: Astrid Lindgren erhält als erste Kinderbuch-Autorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main. Sie stehe "beispielhaft für alle, die mit ihren Büchern Kindern in aller Welt als unverlierbaren Schatz die Phantasie schenken und ihr Vertrauen zum Leben bestärken", hieß es in der Begründung. Es liegt auf der Hand, dass dieser Ritterschlag die Kinder- und Jugendliteratur mit neuem Selbstbewusstsein ausstattete und ihren Ruf mehr als beförderte.

Von seinem lange bewährten Konzept Schriftsteller langfristig aufzubauen, hat sich der Oetinger Verlag auch in unserer schnelllebigen Zeit nicht abbringen lassen. Viele unbekannte Namen sind so mit ihm groß geworden, die Liste der erfolgreichen Autoren, Illustratoren und Graphiker ist beeindruckend.

Rund 600 Titel sind lieferbar. Selbstverständlich gehört auch das Gesamtwerk von Astrid Lindgren zum Verlagsprogramm.

Unter dem Label "Oetinger Interaktiv" gibt es CD-ROMS für Kinder. Und im Februar 2005 startet das jüngst gegründete Label "Oetinger Audio" mit bekannten Hörbuchklassikern, darunter die "Sams"-Geschichte und die "Petterson und Findus"-Titel. Aber auch neue Eigenproduktionen sind geplant.

Kinder brauchen gute Bücher, Kinder haben ein Recht auf Phantasie – sie sind unsere Zukunft. Astrid Lindgren erklärte in ihrer Festrede aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des Oetinger Verlags: "Alles was an Großem in der Welt geschah, vollzog sich zuerst in der Phantasie eines Menschen, und wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen."

Karoline Rebling
ist freie Journalistin und lebt in Frankfurt am Main.

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November 2004

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