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„Ich überlege nicht, ob etwas ein Wagnis ist.“ – Mirjam Pressler im Gespräch

Mirjam Pressler; © Beltz & Gelberg/Karen SeggelkeMirjam Pressler; © Beltz und Gelberg/Karen SeggelkeSeit über 30 Jahren schreibt und übersetzt Mirjam Pressler, um Geschichten, die ihr wichtig sind, weiterleben zu lassen. 2010 hat sie für ihr literarisches Gesamtwerk den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten.

Frau Pressler, was macht für Sie den Reiz aus, für Kinder und Jugendliche zu schreiben?

Das ist, ehrlich gestanden, eine Frage, die ich mir nie stelle. Aber es ist sicherlich so, dass mich Jugendliche besonders interessieren. Bei ihnen ist noch nicht alles so festgelegt, es gibt noch viel mehr Möglichkeiten und Wege, die noch offen stehen.

Haben Sie einen jugendlichen Leser im Kopf, wenn Sie schreiben?

Nein, ich denke nie an Leser. Ich gehe einfach davon aus: Wenn mich etwas interessiert, dann gibt es noch ein paar andere, denen es ähnlich geht. Und die Hälfte meiner Leser sind Erwachsene.

„Lesen war mein Leben“

Cover von „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“; © Beltz und GelbergWas hat Lesen für Sie als Kind bedeutet?

Ganz schlichtweg alles. Es war mein Leben. Seit ich lesen konnte, war ich leidenschaftliche, fanatische Leserin. Es gab für mich nichts Wichtigeres.

Welche Figur aus Ihren Geschichten ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?

Das sind viele, in jedem Buch gibt es welche. Ein Beispiel ist Halinka aus Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen – weil sie mir so nah ist. Diese Figur hat viel Autobiografisches.

2009 ist Ihr Jugendroman „Nathan und seine Kinder“ erschienen – frei nach Lessings Drama. Warum hielten Sie es für wichtig, diese Geschichte neu zu erzählen?

Cover von „Nathan und seine Kinder“; © Beltz und GelbergAngefangen hat es damit, dass meine eigenen Kinder ziemlich gestöhnt haben, als sie Nathan der Weise in der Schule lesen mussten. Das hat mir sehr, sehr leidgetan. Ich denke, dass es Geschichten gibt, die unbedingt am Leben erhalten werden müssen. Das Buch ist also so etwas wie ein Dienst an der Ringparabel. Abgesehen davon spielt es in einer Zeit, die mich historisch sehr interessiert. Ich wollte den Figuren eine Biografie geben und sie in ihre Zeit einbetten. Es hat mir Freude gemacht, das zu tun.

„Ich schreibe sicher nie einen Science-Fiction-Roman“

Cover von „Golem stiller Bruder“; © Gulliver VerlagIhre Bücher handeln vom Heranwachsen, vom Leben im Kinderheim, von Flucht und Verfolgung, von sexuellem Missbrauch. Gibt es Themen, an die Sie sich nicht heranwagen?

Wenn mich etwas interessiert, dann überlege ich nicht, ob das ein Wagnis ist. Ich tu’s dann einfach. Aber ich bin sicher, dass ich nie ein Fantasy- oder ein Science-Fiction-Buch schreibe. Nicht, weil ich mich nicht heranwage: Ich mag es einfach nicht.

Wie kommen die Themen zu Ihnen?

Das ist bei jedem Buch eine andere Geschichte. Es ergibt sich so. Man denkt über irgendetwas nach. Es drängt sich immer wieder auf, auch ohne dass es mir bewusst ist. Bei Golem stiller Bruder muss ich mindestens zehn Jahre darüber nachgedacht haben. Denn als ich mich entschlossen habe, das Buch zu schreiben, habe ich festgestellt, dass ich mindestens 20 Golem-Bücher im Regal habe.

Cover von „Ein Buch für Hanna“; © Beltz und GelbergBei meinem neusten Roman Ein Buch für Hanna war es ganz anders. In Israel gab es eine Frau. Wir haben uns etwa 30 Jahre lang einmal im Jahr gesehen und über Gott und die Welt geredet. Ich hatte sie gern und sie hatte mich gern. Vor ein paar Jahren ist sie gestorben. Das hat mich sehr getroffen. Dann hat sich die Idee in mir festgesetzt, über sie zu schreiben. Nicht ihre Biografie, dazu konnte ich ihr nicht mehr die richtigen Fragen stellen. Aber ich habe Eckpunkte ihrer Lebensgeschichte genommen und daraus ein Buch für sie gemacht.

Ich wollte, dass eine solche Geschichte erhalten bleibt. Sie musste 1939 im Alter von 14 Jahren aus Leipzig fliehen. Bis 1943 hat sie in Dänemark auf einem Bauernhof gearbeitet, dann wurde sie von den Deutschen erwischt und kam nach Theresienstadt. Es hat mich immer gewundert, wie aus jemandem, der keine Jugend und keine Chancen hatte, dem man neun Jahre seines Lebens gestohlen hatte, so eine wunderbare Frau werden konnte.

Sie sind vielfach preisgekrönt. Welcher Ihrer Preise bedeutet Ihnen besonders viel?

Cover von „Bitterschokolade“; © Gulliver VerlagDer erste, der Oldenburger Jugendliteraturpreis, den ich 1980 für Bitterschokolade bekommen habe. Als Anfänger braucht man so einen Preis. Klar, die späteren Preise freuen mich – aber sie sind nicht mehr so entscheidend.

Sie arbeiten auch als Übersetzerin. Wenn Sie sich entscheiden müssten, würden Sie lieber schreiben oder übersetzen?

Ich bin sehr froh, dass ich beides habe. Mir ist zwar das Schreiben wichtiger, aber: Wenn ich ein Manuskript fertig habe, dann ist erstmal das große Loch da. Wenn man sich lange Zeit mit einem Thema beschäftigt hat, mit ihm schlafen gegangen und aufgestanden ist, dann weiß man plötzlich nichts mit sich und seinen Gedanken anzufangen. Und dann bin ich sehr dankbar, dass ich das Übersetzen habe. Ich übersetze sehr gern. Das hängt wohl damit zusammen, dass ich so gerne lese.

„Bei historischen Geschichten ist der Rhythmus festgelegt“

Cover von „Grüße und Küsse an alle“; © S. Fischer VerlagSie haben in „Ich sehne mich so“ die Lebensgeschichte der Anne Frank nachgezeichnet, in „Grüße und Küsse an alle“ erzählen Sie die Geschichte der Familie von Anne Frank. Wie groß ist für Sie der Unterschied beim Erzählen zwischen fiktionalen und historischen Geschichten?

Es sind zwei verschiedene Dinge. Doch man kann auch bei historischen Geschichten das Fiktionale nicht ganz raushalten – ebenso wenig wie das Reale aus fiktionalen Geschichten. Das verschwimmt sehr ineinander. Für mich besteht der Hauptunterschied darin, dass der Rhythmus des Buchs festgelegt ist. Bei Grüße und Küsse an alle zum Beispiel lagen Briefe vor und es gibt natürlich eine Chronologie.

„Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“ – heißt ein Buch von Ihnen. Hat das in Ihrem Leben funktioniert?

Ganz einfach: Ja!

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2011

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Buchtipp: Nathan und seine Kinder

Ein spannender Roman, der im Jahr 1192 in Jerusalem spielt und die Frage des Zusammenlebens zwischen Kulturen und Religionen auf aktuelle Art aufgreift.