Tendenzen

Von dunklen Seiten lesen. Schwierige Themen im Kinder- und Jugendbuch

Cover von „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“; © BloomsburyCover von „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“; © Bloomsbury Tod und Sterben, Demenz und Behinderung gehören zum Kreislauf des Lebens. Doch können Bücher schon Heranwachsenden diese Themen sensibel vermitteln? Ein Blick auf die aktuelle deutsche Kinder- und Jugendliteratur zeigt: es geht, und zwar auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen.

Wie konfrontieren deutsche Schriftsteller und Illustratoren Kinder oder Jugendliche mit den dunklen Seiten des Lebens? Und: Sind dunkle Themen überhaupt zwangsläufig düster? In der Tat versuchen einige deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher, auch – oder insbesondere – heitere, herzerwärmende Seiten problematischer Aspekte zu schildern, um eine zwanglosere Begegnung mit schwierigen Themen zu ermöglichen.

Natürlich ist auch dieser Weg nicht für jeden Vorleser oder Leser geeignet. Genau deshalb ist die Vielfalt der Darstellungsweisen in der Kinder- und Jugendliteratur unabdingbar – und man findet sie.

Irgendwie anders: Behinderung

Cover von „Mittwochtage“; © Gerstenberg VerlagManche Kinder erfahren schon in integrativen Kindergärten den Umgang mit behinderten Menschen als alltäglich. Anderen hingegen fehlt die zeitige Sensibilisierung für typische Schwierigkeiten, wodurch nicht selten Vorurteile und der Wunsch nach Distanz entstehen. Um dies zu verhindern, schildert etwa Brigitte Werner in Denni, Klara und das Haus Nr. 5 (2011) die unvergleichliche Freundschaft zwischen einem Mädchen mit „Normal-Syndrom“ und Denni. Durch seine für das Down-Syndrom charakteristische Direktheit eckt Denni zwar häufig an. Andererseits beschert sein hemmungsloses „Murmelkichern vor Glück eine Gänsehaut, sogar im Kopf“.

Sylvia Heinlein und Illustratorin Anke Kuhl betonen in Mittwochtage (2011) ebenfalls auf mitunter höchst vergnügliche Weise das Bereichernde einer solchen außergewöhnlichen Freundschaft. Diesmal trotzen ein Mädchen und seine geistig behinderte Tante Hulda allen Widerständen, um zu beweisen, dass sie zusammengehören.

In seinem vielfach prämierten Roman Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008) schuf Andreas Steinhöfel sogar zwei Kultfiguren. Oskar ist schrullig und hochbegabt. Ricos Problem ist seine „Tiefbegabung“, sein Handicap der „rote Faden“, den er permanent verliert. Aus dieser Not heraus definiert Rico Wörter neu, wodurch er ihren wahren Kern besser als jedes Lexikon erfasst: „Eine Depression ist, wenn all deine Gefühle im Rollstuhl sitzen. Sie haben keine Arme mehr und es ist leider auch gerade niemand zum Schieben da. Womöglich sind auch noch die Reifen platt …“.

Cover von „Simpel“; © Fischer VerlagIm Jugendroman Simpel (2007) schließlich zeigt Marie-Aude Murail, wie vertrackt die Lage eines Teenagers ist, der seinen älteren, geistig zurückgebliebenen Bruder vor einem Leben im Heim bewahren möchte. Für ihre gleichermaßen einfühlsame wie amüsante Beschreibung jenes „simplen“ Jungen, dessen ständiger Begleiter Kuscheltier „Monsieur Hasehase“ ist, erhielt Murail 2008 den Deutschen Jugendliteraturpreis.


Tempus fugit: Alter, Demenz, Tod

Mit Demenz und Tod lässt sich kaum Heiteres verbinden. Entsprechend tragikomisch ist das Bilderbuch Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor (2011). Drastisch und mit kongenialen Illustrationen in Szene gesetzt, veranschaulicht Martin Baltscheit den sukzessiven Verfall eines ehrwürdigen, aber dementen Fuchses. Selten berühren Bilderbücher derart nachhaltig: ein mutiges Projekt, das der Deutsche Ärztinnenbund 2011 mit der Silbernen Feder auszeichnete.

 

„Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ von Martin Baltscheit

Gemeinhin werden Bilderbücher mit dem Kindergartenalter verknüpft – eine Grenze, die Martin Baltscheit ebenso wie Wolf Erlbruch dank ihrer künstlerischen Illustrationen weit überschreiten. In Erlbruchs Ente, Tod und Tulpe (2007) holt der personifizierte Tod in Gestalt eines freundlichen, Vertrauen erweckenden Männchens eine Ente zu sich.

„Ich bin schon in deiner Nähe, solange du lebst – nur für den Fall“ beteuert er. Geduldig beantwortet der Tod allerlei Fragen, wobei er stets in Andeutungen verweilt. Folglich bleibt vieles offen, zum Beispiel, wohin die Reise geht. Andererseits lässt dies wertvollen Spielraum für individuelle Erklärungsmodelle.

Unerträglich schmerzhaft ist es, wenn Kinder sterben. Dennoch muss man darüber reden und schreiben. Daher erschuf Udo Weigelt in Die Königin & ich (2011) eine charismatische Figur, deren bedingungslose Hingabe todkranken Kindern, Angehörigen und Freunden den Abschied erleichtert.

Cover von „Die Königin und ich“; © SäuerländerBei jedem Treffen schenkt sie einem Mädchen den nötigen Mut, loszulassen. Warme, farbintensive Bilder von Cornelia Haas vermitteln auch dem Betrachter ein Gefühl von Geborgenheit.

So eröffnen Kinder- und Jugendbücher Wege, um Ängste zu nehmen, statt sie zu schüren – und um besonders schöne Erinnerungen zu bewahren. Denn, wie sagt ausgerechnet der Tod in Wolf Erlbruchs Bilderbuch Die große Frage (2004): „Du bist auf der Welt, um das Leben zu lieben.“

Fenja Wambold
ist Dozentin für Kinder- und Jugendliteratur am „mediacampus frankfurt – die schulen des deutschen buchhandels“ sowie Mitarbeiterin der Kinderbuchhandlung „Nimmerland“ in Mainz.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

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