Günter Grass und Spanien
Günter Grass zählt in Spanien zu den beliebtesten und bekanntesten deutschen Gegenwartsautoren und hat sich diesen Ruf nicht zuletzt bei seinen persönlichen Besuchen erworben.
Schon als Schuljunge war er von den Ereignissen in Spanien fasziniert. In Mein Jahrhundert (1999) beschreibt er in der Geschichte zum Jahr 1937, wie er selbst auf dem Schulhof Szenen um die Belagerung des Alcázar von Toledo nachspielte.
1954 reiste Grass erstmals nach Spanien. 2006 sagte er dazu in einem Interview: «1954 besuchte ich Spanien zum ersten Mal, natürlich noch zur Zeit von Franco. Ich erinnere mich an Spanien als ein sehr verschlossenes, gleichförmiges und in sich gekehrtes Land, und über diesen Eindruck schrieb ich eine Erzählung, Meine grüne Wiese. Ich reiste ab ohne viel Lust zurückzukehren, wenigstens solange Herr Franco noch dort war.»
Meine grüne Wiese war Grass' erste Prosaarbeit; sie erschien 1955 in der Zeitschrift Akzente und er trug sie mit Erfolg bei einer Sitzung der Gruppe 47 vor. Die surrealistisch anmutende Erzählung beschreibt Beobachtungen auf einem Platz in einem spanischen Hafenstädtchen. Eingefügt ist ein Gedicht über das Schicksal des Mädchens Pepita, das von Grass auch in einer Pinselzeichnung porträtiert wurde.
1976 nahm Grass am 1. Kongress der - damals noch nicht legalisierten - Sozialistischen Partei Spanien (PSOE) nach Francos Tod teil, zusammen mit Willy Brandt, dem Präsidenten der Sozialistischen Internationale.
Bis heute unternahm er zahlreiche Reisen nach Spanien zu öffentlichen Anlässen und privaten Besuchen.
So las er 1985 im Rahmen der "Semana del Libro Alemán“ aus dem unveröffentlichten Roman Die Rättin. Mehrfach besuchte er das Goethe-Institut Madrid zu Lesungen, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen seiner Werke.
Unter den zahlreichen internationalen Preisen schätzt er besonders den "Premio Hidalgo“, der ihm 1993 vom Vorsitzenden der "Asociación Nacional Presencia Gitana“ (Vereinigung der spanischen Roma) in Madrid überreicht wurde, da er nicht für das schriftstellerische Werk, sondern für menschliche Verdienste verliehen wird.
Das Interesse des Autors und politisch denkenden Menschen Grass gilt der Erinnerung und der Geschichte in der Literatur und im kollektiven Gedächtnis der Völker. In seiner Rede anlässlich der Entgegennahme des Preises "Prinz-von Asturien“ 1999 sagte er über den spanischen Bürgerkrieg: «Kaum ein Ereignis dieses Jahrhunderts ist dergestalt vielstimmig im Spiegel der Literatur nacherlebbar geblieben ... Nein, diese Geschichte kann nicht enden. Sie muss immer wieder neu erzählt werden.»
2006 begeisterte sich Günter Grass bei einem zweimonatigen Aufenthalt für das Leben im Madrid von heute: «Ich finde die Art und Weise außergewöhnlich, wie Spanien sich von seinen dunklen Jahren gelöst hat. Eine neue Seinsweise hat sich in Literatur, Politik und Gesellschaft herausgebildet … Hier, in Spanien, spürt man eine gewaltige Energie. Man sieht es schon auf der Straße: Da ist Rhythmus, Lebhaftigkeit, Lebensfreude und die Lust, etwas zu vollbringen.»
Beim Häuten der Zwiebel und die Folgen 
Während seines zweimonatigen Aufenthalts in Madrid im Frühjahr 2006 arbeitete Grass an den Korrekturen seines autobiographischen Romans Beim Häuten der Zwiebel über seine Kindheit, Jugend und die Zeit in Paris bis zum Erscheinen der Blechtrommel 1959.
Darin bekennt er, als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, was eine heftige Diskussion um die Person Günter Grass in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit auslöste.
In Spanien wurde der Fall Günter Grass in die innerspanische Geschichtsdebatte um Bürgerkrieg und Franco-Zeit einbezogen. Die Medien äußerten sich kritisch zu Grass’ Verhalten im Jahr 1944. Auch spanische Schriftsteller nahmen Stellung, wie z.B. Javier Marías.
Mario Vargas Llosa schrieb: «Ich kann das unverhältnismäßige Ausmaß der weltweiten Diskussion um die von Günter Grass selbst gemachte Enthüllung, dass er mit siebzehn Jahren einige Monate bei der Waffen-SS und nicht, wie von ihm 60 Jahre vorgegeben, bei der regulären Luftschutzeinheit gedient hat, nicht verstehen.»
Im Mai 2007 erschien die Übersetzung im Verlag Alfaguara; bei der Buchvorstellung im "Círculo de Bellas Artes“ in Madrid stellte sich der Autor den Fragen des Schriftstellers Juan Cruz.

Die heftig geführte Mediendebatte um seine Person hat Günter Grass sehr getroffen. Im Spätsommer 2006 entstanden als künstlerische Reaktion Gedichte, Lithographien und Zeichnungen, die 2007 unter dem Titel Dummer August erschienen (noch nicht ins Spanische übersetzt).
Die Übersetzungen
Die Texte von Günter Grass liegen mit wenigen Ausnahmen in spanischer Sprache vor.

Gegenwärtig arbeitet Miguel Sáenz an einer Neuübersetzung von Die Blechtrommel. Anlässlich des 50. Jahrestages der Erstveröffentlichung sollen 2009 neue Übersetzungen in 10 Sprachen erscheinen.
Miguel Sáenz übersetzte seit Der Butt (Übersetzung bei Alfaguara, 1980) die wichtigsten literarischen Werke von Günter Grass.
Er schätzt die enge persönliche Zusammenarbeit mit dem Autor: «Grass versteht nicht nur die Bedeutung, die eine Übersetzung hat, sondern widmet seinen Übersetzern viel Zeit. Tagelang setzt er sich mit ihnen zusammen, liest ihnen die Abschnitte im Dialekt vor, zeigt ihnen die versteckten Reminiszenzen, spricht über die Seiten, in denen die Form wichtiger ist als der Inhalt, weil die Form der Inhalt ist ... und regt sie an, in ihren Sprachen das zu tun, was er mit dem Deutschen tut.»
Buchveröffentlichungen auf Spanisch der letzten Jahre
Cinco decenios: informe de taller (Alfaguara 2003). Übers. von Miguel Sáenz (unter Mitarb. von Grita Löbsack). (Fünf Jahrzehnte: ein Werkstattbericht, Steidl 2001)
Günter Grass berichtet über 50 Jahre seiner künstlerischen Arbeit als Schriftsteller und bildender Künstler.
A paso de cangrejo (Alfaguara 2003). Übers. von Miguel Sáenz (unter Mitarb. von Grita Löbsack). (Im Krebsgang, Steidl 2002)
Über drei Generationen hinweg wird der Untergang des Passagierschiffes “Wilhelm Gustloff” in der Ostsee verfolgt, bei dem eine große Zahl von deutschen Flüchtlingen ums Leben kamen.
Últimos bailes (Galaxia Gutenberg 2005). Übers. von Eustaquio Barjau. (Letzte Tänze, Steidl 2003)
Zu den Zeichnungen mit tanzenden und liebenden Paaren sind Gedichte entstanden, die Bewegung und Rhythmus der Figuren aufgreifen.
Lírico botín (Edición bilingüe, Bartleby Ed. 2006). Übers. von Miguel Sáenz (unter Mitarb. von Grita Löbsack). (Lyrische Beute, Steidl 2004)
Gedichte und Zeichnungen aus 50 Jahren in einer Auswahl des Künstlers.
Pelando la cebolla (Alfaguara 2007). Übers. von Miguel Sáenz (unter Mitarb. von Grita Löbsack). (Beim Häuten der Zwiebel, Steidl 2006)
Die Autobiographie.



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