Ausstellungsprojekt: Michael Ruetz „1968: Die unbequeme Zeit“

1968 - für den einen ruft das Jahr Erinnerungen wach, für den anderen ist es Überlieferung. An der Schnittstelle zwischen Zeitzeugen und Nachgeborenen, im kollektiven Gedächtnis, liegen Bilder wie jene von Michael Ruetz (*1940).
Demonstrationen und Versammlungen, Menschen, denen Wut, Aufbruch, Verwirrung, Ablehnung ins Gesicht geschrieben steht. Orte, die von Auseinandersetzung und Revolte zeugen. Michael Ruetz hat sie aufgenommen und damit unser Bild der Studentenunruhen, der Außerparlamentarischen Opposition APO, des Generationenkonflikts, vom griechischen Diktator Papadopoulos, dem chilenischen Präsidenten Allende und dem portugiesischen Politiker Soares gestaltet. Mit dem Medium Fotografie prägt er bis heute die Wahrnehmung einer Zeit, die vier Dekaden hinter uns liegt.
Wohl komponierte Arbeiten
Ruetz, gebürtiger Berliner, arbeitete 1968 an einer Promotionsarbeit zum chinesischen Roman und vor allem: er fotografierte. Vielleicht lag in seinem Bücherregal das berühmte Buch Zen in der Kunst des Bogenschießens (1948) von Herrigel, das so viele Fotografen im Bann des Henri Cartier-Bresson-Kreises verschlangen, um vom rechten Augenblick des Schusses zu erfahren. Denn es sind wohl komponierte, geduldig erwartete Arbeiten, die Ruetz vorlegte. Sein Vorbild war die Pressefotografie. Doch von einem Paparazzo, einem Effekthascher und Spontanknipser war er weit entfernt, auch wenn seine Vita verrät, dass er 1969 als Bildberichterstatter zum Stern ging. Seine Bilder veralten nicht so schnell wie die Zeitung von gestern. Was ihn interessiert, ist mehr als der Fokus auf einen vermeintlichen Höhepunkt, auf das Zentrum des Geschehens. Wenn er fotografiert, dann sieht er die Kulisse, den Nebenschauplatz, die Statisten und Zuschauer. Viele seiner Bilder sind um die Welt gegangen, im Umschlag von Time, Life, Zeit, Spiegel oder natürlich Stern.
Ruetz, der Bilderarchitekt
Da ist der Student. Er sitzt im Schneidersitz auf dem Boden einer Grünanlage, sein Kopf ist weit über ein Buch gebeugt, in der Hand hält er eine Zigarette. Sein Gesicht bleibt verborgen. Um ihn herum stehen ratlose Polizisten. Die Rücken anderer Zivilisten - Studenten der FU Berlin - verraten, dass das Hauptgeschehen anderswo stattfindet. Ruetz, der Bilderarchitekt. Den Weg, auf dem der unbekannte Student sitzt, versperren die Polizisten. Am Bildrand verschließen ihre Beine den Weg zum Geschehen und lenken den Blick zurück ins Bild, entlang der Phalanx an Uniformierten zum Einsatzleiter, der wieder auf den Studenten zeigt, als erkläre er skeptischen Museumsbesuchern ein Kunstwerk.
Oder die afrikanische Milizionärin im Wald von Guinea-Bissau, im Jahr der Unabhängigkeit von Portugal. Ein Kind auf dem Rücken, das Gewehr an der Hüfte, ihr Körper verschattet von hohen Bäumen. Auf die Augen der Mutter und die Stirn des Säuglings fällt Licht durch die Zweige, was das Kind so verwundbar erscheinen lässt und sie so wachsam.
Formen und Stimmungen
Gereist ist Ruetz viel in jenen Jahren, hat diese „unbequeme“ Zeit mit Bedacht porträtiert und damit der nachträglichen Idealisierung durch spätere Generationen entgegengewirkt. Wie andere auch, reiste er nach Auschwitz. Statt erschütternde Detailbilder zu liefern, trat er jedoch einen Schritt zurück, nahm eine Landschaft auf, die auf den ersten Blick Alfred Hitchcocks Film Die Vögel (1963) entstammen könnte. Auf den zweiten Blick hält er der Bedrohlichkeit der kreisenden schwarzen Vögel vor verdunkeltem Himmel eine weitaus unheimlichere, reale Silhouette entgegen: die Schlote und Baracken eines Vernichtungslagers.Formen und Stimmungen zu einem Bild zu verdichten, das über das bloße Dokument hinaus auch Bild ist und bleibt, ist typisch für Ruetz. Als seinen „Bildersteinbruch“ wird er später Wales bezeichnen, einen Anlass, Bilder zu machen – Bilder, nicht Ansichten. Kein Wunder, dass er 1975 ein externes Examen bei Otto Steinert ablegte, einem Bildgestalter par excellence. Und so kann man alle Bilder zum Jahrzehnt um 1968 auch ohne Bildunterschrift lesen.
Eine Masse dunkel gekleideter Männer und Frauen, viele Anzugträger mit Schlips und Kragen, die alle ruhig, teils amüsiert zu einem Punkt knapp neben dem Fotografen schauen. Eine Menge, die sich zur flächigen Struktur formt, in der das einzelne Gesicht zum Pixel wird und kein Bildrand die Menge zusammenzurrt, baut sich heute vor uns auf. Es sind Papadopoulos’ Zuhörer in der kleinen griechischen Stadt Kozani. Alles scheint friedlich. Kein Aufruhr, keine Unruhe und trotzdem geht vom Bild eine fast bedrohliche Stimmung aus. Wie die meisten Werke, ist auch dieses eine Schwarzweißaufnahme, was die Uniformität der Masse nur betont, sie zu einem noch dichteren Block fügt.
Distanz zum Objekt
Ruetz schreibt: „1968 war eine Stimmung und ein Seelenklima, ein Hochgefühl wie eine Depression“. Und er war mittendrin. Seine Bilder zeigen den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke, den Künstler Joseph Beuys, den politischen Aktivisten Rainer Langhans, das Gründungsmitglied der Roten Armee Fraktion (RAF) Gudrun Ensslin, er ging in ihre Wohnungen und begleitete sie auf die Straße. Er reiste durch die Welt und zeigt uns heute das Panorama jener Jahre. Was ihn, den Fotografen, so einzigartig macht, ist jedoch seine Distanz zum Objekt. Obgleich er mit Rudi Dutschke und Josef Beuys bekannt war, selbst in Berlin studierte, ließ Ruetz sich nicht mitreißen, griff nicht zur Kleinbildkamera, die sich im Gehen bedienen lässt. Seinen Apparat stellte er auf ein Stativ, wählte mittel- und breitformatige Kameras und erlaubte sich so die Rolle des Zuschauers, der nicht mitmachte. Das bewusste Auf- und Einstellen der Kamera, die Komposition, das Entwerfen von Bilderzyklen, das Deuten auf Widersprüche und Brüche ohne plakativ oder anekdotisch zu sein, ist es, was Ruetz’ Bilder so zeitlos macht. Und dadurch werden sie zur Kunst.
| Eine Ausstellung mit einer Auswahl von 44 Fotoarbeiten von Michael Ruetz wird ab Herbst 2008 weltweit in den Goethe-Instituten im Ausland gezeigt. Erste Stationen sind Brüssel, Barcelona und Oslo. |
promoviert über Fotografiegeschichtsschreibung an der Universität Hamburg
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August 2008









