Wirtschaft und Soziales

Philosoph sieht Krise als Chance

Dr. Ludger Heidbrink  Copyright: Privat

Dr. Ludger Heidbrink Copyright: PrivatDer Kulturwissenschaftler und Privatdozent Dr. Ludger Heidbrink: Der westliche Lebensstil hat sich als falsch erwiesen. Jetzt entscheiden die Konsumenten über neue Wege der Wirtschaft.

Herr Heidbrink, in Ihrem Buch „Verantwortung als marktwirtschaftliches Prinzip“ sehen Sie eine wachsende Zahl von Firmen, die den Leitlinien der „Corporate Social Responsibility“ folgen, sich ihrer sozialen Verantwortung stellen und für öffentliche Belange engagieren. Wo kann man das denn konkret ablesen?

Die Größenordnung von Wohltätigkeiten von Firmen in Deutschland hat im Jahr etwa zehn Milliarden Euro erreicht. Man muss natürlich genau hinschauen, ob das soziale Engagement nur in den Hochglanzbroschüren steht. Doch tatsächlich sind es immer mehr Unternehmen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen von der Entwicklungshilfe bis zum Klimaschutz aktiv sind. Die Corporate Social Responsibility wächst. Firmen bauen Kindergärten, spenden Computer, schicken eigene Berater in Schulen, um deren Management zu verbessern. Mitarbeiter werden freigestellt, um in sozialen Brennpunkten zu arbeiten.

Für all das gibt es zwei Gründe: Der Staat ist finanziell nicht mehr in der Lage, alle seine Aufgaben zu erfüllen. Public Private Partnership heißt das Stichwort – Aufgaben für das Gemeinwohl werden an Firmen weitergegeben. Der zweite Grund liegt in der Änderung der internationalen Gepflogenheiten. Es gehört zum guten Ton, dass sich das Großunternehmen für soziale und ökologische Zwecke engagiert. Dafür wird freiwillig viel Geld in die Hand genommen. Sehen Sie sich Shell, McDonalds oder IBM an.

Freiwillig? Meistens geschieht das doch nur durch Druck.

Ja, das stimmt. Vor allem Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben diesen Druck erzeugt. Sie weisen auf Umweltschäden hin, auf unmenschliche Arbeitsbedingungen. Firmen werden heute kritischer beobachtet als noch vor 20 Jahren. Green washing – auf Grün machen, aber nur nach außen, das läuft heute nicht mehr. Jüngstes Beispiel ist BP. Sie erfanden sich als beyond petrol – jenseits des Öls – neu, indem sie sich als Solarunternehmen präsentierten. Doch in Wirklichkeit kommen über 90 Prozent der Gewinne vom Erdöl. Die Kampagne ging nach hinten los.

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum Firmen Verantwortung zeigen: Es lässt sich damit Geld verdienen. Klimaschutz, Nachhaltigkeit, soziale Taten – das zahlt sich nachweislich aus. Es erhöht die Gewinnmarge. Der Ruf des Unternehmens verbessert sich, es gilt als attraktiver Arbeitgeber. Bis zu 40 Prozent der Marktkapitalisierung geht auf das öffentliche Ansehen einer Firma zurück. Das ist doch beachtlich.

Gibt es ein Beispiel?

Global Compact ist ein weltweiter Pakt, der 1999 vom Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, ins Leben gerufen wurde. Mehr als 2.500 Firmen gehören heute dem Pakt an und halten bestimmte soziale und ökologische Mindeststandards ein. Es geht auch um Menschenrechte, umweltfreundliche Technologien und die Abschaffung der Kinderarbeit.

Heute wollen viele Menschen ihr Geld nur da anlegen, wo sicher ist, dass damit kein Waffenhandel betrieben wird, keine Drogengeschäfte laufen oder der Klimaschutz eingehalten wird. Doing well by doing good – gut sein, indem man Gutes tut. Oder: Ethics pays – ethisches Verhalten zahlt sich aus. Wir haben es mit einer „Moralisierung der Märkte“ zu tun, wie es der Soziologe Nico Stehr formuliert hat. Seit zehn bis 15 Jahren wird Moral immer mehr zum Wirtschaftsfaktor.

Copyright: iStockIn der Wirtschaftskrise ist das plötzlich alles unwichtig. Da zählen nur Arbeitsplätze. Jedenfalls ist das jetzt zu hören. Fallen da nicht die ganzen schönen Ideale schlagartig weg?

Wenn es keine klaren Kriterien gibt, die die Politik vorgibt, besteht die Gefahr in der Tat. Die Finanzkrise drängt die Klimakrise an die Seite. Die Akteure auf den Märkten werden auf ihre Kostenvorteile achten. Es sind gesetzliche Standards gefragt, die dafür Rahmenregeln vorgeben. Der neue amerikanische Präsident will ja ganz offensichtlich den Klimaschutz vorantreiben und dabei gleichzeitig neue Arbeitsplätze schaffen. Das ist der Weg. Der Klimawandel ist ein hochgradiger Risikoprozess, der nicht nur uns, sondern auch die nachfolgenden Generationen massiv betrifft.

Was wir brauchen, ist ein kultureller Wandlungsprozess. Eine lebenswerte Gesellschaft, neue Vorstellungen von dem, was wir als „gutes Leben“ bezeichnen. Wir nehmen Abschied von einem bestimmten Niveau des Wachstums und des Verbrauchs an Rohstoffen. Dazu brauchen wir keinen Ökoterror, keine Rückkehr zur Armut und Bescheidenheit. Nur hat sich vieles, was wir für erstrebenswert hielten, als falsch erwiesen.

Wir müssen uns eingestehen, dass wir mit unserem westlichen Lebensstil falsch gelebt haben, auf Kosten der Entwicklungsländer, im Überdruss und letztlich in Unzufriedenheit. In dieser Krise steckt eine Riesenchance, diese Unzufriedenheit durch die Änderung unseres Lebensstils loszuwerden.

Wo steckt denn in der jetzigen Krise die Chance zur Korrektur, zum Neustart und zur Weichenstellung?

Jeder kann durch mentale Neuorientierung sein Leben ändern. Was brauche ich im Alltag, was ist wichtig und was unwichtig? Das sind Fragen, die den Verbraucher heute beschäftigen. Muss ich mit dem Flugzeug fliegen? Verzichte ich ein Jahr lang auf den Fernurlaub? Bleibe ich vielleicht im Lande und fahre Zug oder radel von Berlin aus in die Mark Brandenburg? Millionen von Entscheidungen werden täglich getroffen. Sie alle betreffen unsere Wirtschaft und Umwelt.

Copyright: iStockAuf die Folgen des eigenen Handelns achten, heißt Verantwortung übernehmen. Ich muss mir auch über langfristige, gar nicht beabsichtigte Folgen Gedanken machen. Soll ich den Apfel aus Chile und den Wein aus Australien kaufen? Wenn ich mein Verhalten ändere, habe ich auch ein besseres Gewissen. Das alles hat direkte praktische Auswirkungen. Denken Sie an die Lohas. Das heißt übersetzt: „Die Ausrichtung der Lebensweise auf Gesundheit und Nachhaltigkeit“. Da öffnen sich große Märkte für Käufer und Unternehmen. Die Kulturwissenschaft hat die Aufgabe, zu schauen, wie sich die Gesellschaft auf neue Referenzen und Notwendigkeiten verständigt. Sie kann die Richtung aufzeigen.

Dazu habe ich gerade etwas vom Pilotentraining für Flugzeuge gelesen: Auch erfahrene Flugkapitäne leiden zum Beispiel bei schwierigen Landemanövern oft unter einem Tunnelblick. Das bedeutet: Sie sagen sich, „ich setze jetzt die Maschine auf, egal, was passiert“. Der Verantwortliche ist zu sehr in seinem Tun gefangen. Dann kommt es auf den Co-Piloten an. Er hat eher den Überblick und kann die Maschine wieder hochziehen, um das mögliche Desaster zu verhindern. Der Vorgesetzte muss in diesem Fall gehorchen. Wie ist das bei uns in der Politik, in der Gesellschaft – brauchen wir nicht mehr Co-Piloten?

Ein sehr schönes Beispiel. Man braucht mehr kluge Beobachter. Die sehen Dinge, die man selbst nicht sieht. Der blinde Fleck in der eigenen Wahrnehmung ist oft das Problem, denn dem Handelnden ist meist nicht bewusst, dass er ihn hat. Aufhellen tut not. Mehr Co-Piloten. Ja.

Privatdozent Dr. Ludger Heidbrink ist Direktor des Center for Responsibility Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Er leitet die Forschungsgruppe Kulturen der Verantwortung am selben Institut. Heidbrink ist einer der herausragenden Forscher in Deutschland zu den Themen ethisches Prinzip der Verantwortung, Moral und Ökonomie.

Publikationen – in einer Auswahl:

Heidbrink, Ludger und Hirsch, Alfred  (Hg.): Verantwortung als marktwirtschaftliches Prinzip. Zum Verhältnis von Moral und Ökonomie, Campus Verlag, Frankfurt, 2008.

Heidbrink, Ludger: Handeln in der Ungewissheit. Paradoxien der Verantwortung, Kadmos Verlag, Berlin 2007.

Heidbrink, Ludger und Welzer, Harald: Das Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Kultur- und Geisteswissenschaft, C. H. Beck Verlag, München 2007.

Knut Diers
stellte die Fragen. Er hat hat in Gießen Geographie und Volkswirtschaft studiert, war 20 Jahre Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist jetzt mit dem Redaktionsbüro
Buenos Diers Media selbstständig.

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Januar 2009

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